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Weltstar Udo Kier: "Hollywood entmündigt dich"

Ein Interview von

Udo Kier zum 70.: Ein Mann für hundert Rollen Fotos
Camino

Udo Kier hat mit Warhol, Fassbinder und von Trier gedreht, er hat Blockbuster und Edeltrash gemacht. Jetzt startet ein Film über ihn - und diesen Dienstag wird er 70. Hier spricht der deutsche Weltstar über Kunst, Kitsch und Orgasmusgesichter.

Udo Kier wurde 1944 in Köln geboren. Seit 1968 dreht er national wie international für Film und Fernsehen. Seinen Durchbruch hatte er mit "Andy Warhol's Frankenstein" (1973), in der Folge arbeitete mehrfach mit Rainer Werner Fassbinder, Christoph Schlingensief und Lars von Trier zusammen. Im Juni 2014 erhielt Kier auf dem Filmfest München den CineMerit Award für sein Lebenswerk. Pünktlich zu seinem 70. Geburtstag kommt in dieser Woche das Filmporträt "Arteholic" von Hermann Vaske in die Kinos.
SPIEGEL ONLINE: Herr Kier, das Publikum kennt Sie als Nazi-Offizier aus "Iron Sky" oder als Baby des Teufels in Lars von Triers TV-Serie "Geister". Im Kinoporträt "Arteholic" präsentieren Sie sich nun als feinsinniger Kunstliebhaber. Der Versuch einer Imagekorrektur?

Kier: Nein, an dem Film ist nichts Berechnendes. Kunst und Künstler sind schon so lang Teil meines Lebens, da war es nur naheliegend, das in den Film zu nehmen.

SPIEGEL ONLINE: Wie sind Sie das erste Mal in Kontakt mit der internationalen Kunstszene gekommen?

Kier: Durch Andy Warhol, mit dem ich ab 1973 drehte. In meiner Kindheit - ich wurde ja in den Kriegsjahren in Köln geboren - gab es so etwas wie Kunst und Kultur nicht, nur Picasso als vagen Bezugspunkt. Immer, wenn ein modernes Bild zu sehen war, hieß es dann "Ah, Picasso!". Als wäre er der einzige Maler überhaupt. Warhol hat mir dann die Vielfalt der Kunstszene gezeigt. In den Jahren mit ihm habe ich auch meine ersten Bilder gekauft. Als Sammler würde ich mich aber nicht bezeichnen.

SPIEGEL ONLINE: Warum nicht?

Kier: Zum einen fehlt mir schlicht das Geld. Zum anderen brauche ich einen persönlichen Bezug zu den Kunstwerken. In meiner Wohnung in Los Angeles hängen lauter Bilder, auf denen "For Udo" steht und darunter die Unterschrift des Künstlers - Robert Mapplethorpe, Sigmar Polke, David Hockney.

SPIEGEL ONLINE: Sie waren und sind mit einigen der wichtigsten deutschen Künstler befreundet. In "Arteholic" sind Sie unter anderem mit Rosemarie Trockel und Tobias Rehberger zu sehen. Wie sind diese Freundschaften entstanden?

Kier: Als ich nach meiner Arbeit mit Warhol nach Köln zurückkehrte, haben mich Maler wie Blinky Palermo gleich in Beschlag genommen. Die waren so beeindruckt davon, dass ein Kölner Junge für Warhol den Dracula und Frankenstein gespielt hat. Gemeinsam sind wir dann nach Paris gefahren, wenn Joseph Beuys dort eine Show hatte, oder nach Kassel, wenn Michael Buthe dort ausgestellt hat. So sind mit den Jahren die Kontakte entstanden.

SPIEGEL ONLINE: Von freundschaftlichen Beziehungen scheint die Kunstszene mittlerweile weit entfernt zu sein. Kunst ist zu einem der großen Spekulationsobjekte der internationalen Finanzwelt geworden. Stört Sie das nicht?

Kier: Ich habe mich noch nie für die finanziellen Aspekte von Kunst interessiert. Bei mir zu Hause hängt zwischen Bildern von Man Ray und Polke das Bild eines tanzenden Pudels, das zehn Dollar gekostet hat. Ich halte es da wie Beuys, für den alles Kunst ist. Vor einiger Zeit habe ich mir in einem Antiquitätenladen einen ausgestopften Hirsch gekauft. Weil eines seiner Beine kaputt war, habe ich einen Verband angelegt und mit rotem Nagellack etwas Blut dazu gemalt. Wenn mich Besucher danach fragen, sage ich, das wäre von Jeff Koons. Die meisten glauben das.

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"Iron Sky": Böser brauner Mann im Mond
SPIEGEL ONLINE: Im Film sagen Sie, dass Sie Maler darum beneiden, nicht mehr als ein Blatt Papier zu brauchen, um ihrer Kunst nachzugehen. Sie als Schauspieler sind dagegen immer auf ein Team angewiesen. Fühlen Sie sich davon eingeengt?

Kier: Nein, ich drehe ja vor allem Independent-Filme, da kann ich mir meinen eigenen Raum schaffen. Auf dem Set will ich, dass mich alle lieben - denn wenn man mich liebt, lässt man mich in Ruhe mein Ding machen. Deshalb bemühe ich mich darum, nach ein paar Tagen auch die Namen der Techniker zu kennen und mit ihnen zu plaudern. Sonst würden sie mich misstrauisch beäugen, was mich wiederum verunsichern würde. Mitunter drehe ich ja sehr gewagte Sachen, da muss ich mich schon aufgehoben fühlen.

SPIEGEL ONLINE: Wie geht dieser Arbeitsansatz mit Ihren großen Hollywood-Produktionen wie "Blade" oder "Armageddon" zusammen?

Kier: Gar nicht. Hollywood entmündigt dich. Morgens liefert dich ein Fahrer in der Maske ab, von wo du ins Kostüm weitergeschoben wirst, schließlich kommt ein Assistent, der dem Regisseur über Funk sagt, dass er dich jetzt an den Set bringt. Wo in diesem Ablauf sollte ich eine eigene Idee für den Film einbringen können? Film ist Schatten und Licht - und in Hollywood sind die Schatten länger.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben in über zweihundert Kino- und Fernsehproduktionen mitgewirkt. Gab es eine Rolle, für die Sie besonders kämpfen mussten?

Kier: Nein, ich habe ganz viel Glück gehabt und nie einen Regisseur um eine Rolle bitten müssen. Meine Rolle in "Die Geschichte der O." hat mir der Produzent in einem Pariser Nachtklub angeboten, Gus van Sant hat mich in Berlin abgepasst, um mich für "My Own Private Idaho" zu gewinnen. Außerdem erinnere ich mich noch gut an die Zeit, in der ich mit Rainer Werner Fassbinder zusammengewohnt habe. Der hat stapelweise Bittbriefe von internationalen Stars bekommen, die alles dafür tun wollten, um mit ihm zu drehen. Die Briefe habe ich für Rainer übersetzt, der daraufhin immer nur gesagt hat: "Schmeiß weg." Ein Regisseur will den Schauspieler entdecken - und nicht vom Schauspieler entdeckt werden.

SPIEGEL ONLINE: Gab es trotzdem Rollen, die Sie gern gespielt hätten, aber nicht bekommen haben?

Kier: Ja, viele. In "Inglourious Basterds" hätte ich unheimlich gern mitgespielt. Warum es nach den Castings nicht geklappt hatte, weiß ich nicht. Bekomme ich eine Rolle nicht, schaue ich mir auch nicht den fertigen Film an. Sonst ärgere ich mich nur 90 Minuten lang und denke andauernd: Hätte ich anders gemacht.

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Lars von Triers "Nymphomaniac": Obsessionen einer Frau
SPIEGEL ONLINE: Nach Warhol, Fassbinder und Schlingensief arbeiten Sie mittlerweile eng und häufig mit Lars von Trier zusammen - zuletzt für "Nymphomaniac", wo Sie einen Kellner spielten, der pikiert guckt, als der Hauptdarstellerin nach einer Mutprobe Besteck aus der Vagina fällt. Wie kommt so eine Rollenauswahl zustande?

Kier: Mit Lars habe ich zum ersten Mal 1988 an seinem Film "Medea" gearbeitet. Zu der Zeit wurde seine erste Tochter geboren, deren Patenonkel ich wurde. Am Alter von Agnes, sie ist 25 Jahre alt, merke ich immer, wie lang wir schon zusammenarbeiten. In dieser Zeit ist ein so großes Vertrauensverhältnis entstanden, dass Lars mir einfach die Drehbücher schickt und mich fragt, was ich gern spielen würde. Dabei suche ich mir gern Rollen heraus, die Humor transportieren - deshalb auch der Kellner. Im Gegensatz zum Publikum weiß er ja nicht, was die junge Frau mit dem Besteck macht. Über seinen pikierten Blick kann man gut lachen.

SPIEGEL ONLINE: Eine tragende Rolle ist das ja nicht gerade.

Kier: Für das Plakat wurden wir alle dabei fotografiert, wie wir einen Orgasmus spielen. Eine Filmzeitschrift hat mein Bild als bestes Orgasmusgesicht ausgezeichnet. Dabei habe ich noch nicht einmal Sex in dem Film. Über so etwas kann ich mich sehr freuen.

SPIEGEL ONLINE: Lars von Trier ist dafür bekannt, keine Regieanweisungen zu geben. Wie arbeitet man mit so einem Regisseur?

Kier: Tatsächlich hat mir Lars in 25 Jahren nur eine einzige Anweisung gegeben. In "Medea" sollte ich König Jason spielen. Ich weiß noch genau, wie ich am ersten Drehtag an den Set kam. Ich hatte mir für die Rolle einen Bart wachsen lassen und aufgehört, mir die Haare zu waschen. So sah ich auch etwas älter aus, was wichtig war, weil ich einer der Jüngsten am Set war. Kaum hatten wir mit dem Dreh angefangen, rief Lars aufgeregt "Stopp! Stopp!" Verblüfft fragte ich ihn, was falsch gewesen sei. "Hör auf zu schauspielern", sagte er. "Du hast ein Pferd, zwei Hunde und ein Kettenhemd an - da musst du nicht Männlichkeit verkörpern. Sei einfach ein müder König." Das ist die einzige Regieanweisung, die Lars je gibt: Hör auf zu schauspielern.

SPIEGEL ONLINE: Mit von Trier haben Sie 1991 auch eine Langzeitbeobachtung angefangen, die bis zu Ihrem 80. Geburtstag gehen sollte. Was ist daraus geworden?

Kier: Das Projekt ist gestorben, Lars hat die Lust daran verloren. Ein paar Jahre lang haben wir jedes Jahr, meist zu Weihnachten, drei, vier Minuten gedreht. Stellan Skarsgård und ich sind dann in Kostümen einen Innenhof abgeschritten, in dem 30 Säulen stehen. Weil man in dem Innenhof so gut mit der Perspektive spielen konnte, hieß das Projekt "Dimensionen des Menschen". Leider werden wir es nicht mehr aufgreifen - ich fand die Aussicht, bis ins Jahr 2024 arbeiten zu können, wunderbar. Jetzt muss ich mich noch ein wenig drum kümmern, dass ich bis zu meinem 80. Geburtstag weitermachen kann.

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Neu im Kino: Tops und Flops
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insgesamt 19 Beiträge
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1.
Wooster 14.10.2014
"Edeltrash" ist wohl das neu "Mist".
2. Ich glaube
Hank Hill 14.10.2014
Herr Kier wäre gerne in der Vergangenheit öfter von Hollywood entmündigt worden. Für einen "Weltstar" hat er doch in eher unbedeutenden Filmen gespielt. Oder meint der Auto mit Weltstar, das was man in der DDR mit "Weltniveau" bezeichnet hat ? LOL
3. Gehts auch eine Nummer kleiner?
Pless1 14.10.2014
Keine Frage: Udo Kier ist ein hervorragender Schauspieler, ich schätze ihn sehr. Er ist einer der wenigen Deutschen, die sich über viele Jahre in Hollywood durchsetzen konnten in einer Weise, in der er von seiner Schauspielkunst gut leben kann und auch Raum hat für Indipendent-Projekte. Aber natürlich ist er kein "deutscher Weltstar" - Das war allenfalls die Dietrich. Er selbst würde sich wohl auch nie so bezeichnen. Er hat viele Rollen spielen dürfen in teilweise sehr interessanten Filmen, das ist schon sehr viel. Aber meistens eben Nebenrollen, was keineswegs abwertend gemeint ist. Aber solche alberne Übertreibungen sind eben auch nicht nötig. Wir Deutschen neigen aber ganz allgemein dazu. Es gibt ja einige, die "in Deutschland ein Weltstar" sind oder waren. Fragt man nach den Namen im Ausland heißt es dann "nie gehört", beim Anblick des Bildes allenfalls "schon mal irgendwo gesehen"... Nach 70 sieht Udo Kier wirklich noch nicht aus. Wollen wir hoffen, dass wir noch viel zu sehen bekommen von diesem sympathischen Schauspieler!
4. Nazi-Offizier?
ohne_mich 14.10.2014
Also bitte, das ist ja eine Verunglimpfung des großen Mondführers! Heil Kortzfleisch! :)
5. Weltstar?
jaidru 14.10.2014
Udo wer? Noch nie gesehen.
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