Kino-Erfolg "Chronicle": Die Superhelden der Facebook-Ära

Von David Kleingers

Wer behauptet, dass man mit Superkräften keinen Mist bauen kann? In "Chronicle" kommen drei High-School-Jungs zu übermenschlichen Fähigkeiten. Der Film erzählt quasi in Echtzeit, was sie damit anfangen - und verpasst dem Superhelden-Genre eine Frischzellenkur mit Facebook-Mitteln.

20th Century Fox

Bunte Kostüme, klangvolle Namen, geheime Identitäten: All das gibt es nicht in "Chronicle - Wozu bist Du fähig?". Dennoch erzählt das aufregende Spielfilmdebüt von Josh Trank mehr über die Fallstricke einer übernatürlichen Begabung als viele Superhelden-Comics. Die reizvolle Prämisse des US-Überraschungserfolgs: Warum sollen besondere Fähigkeiten eigentlich zwangsläufig zu hehrem Handeln führen?

Zumal, wenn einem der Alltag so wenig Anlass für Idealismus gibt wie für Andrew Detmer (Dane DeHaan), der eine High School in Seattle besucht. Zu Hause umsorgt der introvertierte Teenager seine krebskranke Mutter und wird vom trunksüchtigen Vater (Michael Kelly), einem ehemaligen Feuerwehrmann, drangsaliert. In der Schule läuft es nicht besser, denn in der sozialen Hackordnung der High School stehen in sich gekehrte Einzelgänger ganz unten. Statt sich erfolglos um Teilhabe zu bemühen, verlagert sich Andrew daher auf das Beobachten: Konsequent beginnt er, sein Leben und seine Umwelt mit einer DV-Kamera zu dokumentieren. Auch Andrews einziger Vertrauter, sein lakonischer Cousin Matt (Alex Russell), wird so zu einem Protagonisten der ambitioniert fotografierten Heimvideos.

Dementsprechend ist die Kamera auch dabei, als Andrew und Matt zusammen einen Rave in einer entlegenen Scheune besuchen. Nachdem Andrews Filmleidenschaft dort jedoch auf wenig Gegenliebe stößt, lassen sich die beiden von Steve (Michael B. Jordan), dem beliebten Quarterback des Schul-Footballteams, zu einer Exkursion in den angrenzenden Wald überreden. Dort hat Steve ein Loch im Boden entdeckt, vom dem ein sonderbares Geräusch ausgeht. Zu dritt steigen sie in die darunter liegende Höhle hinab und stoßen auf ein großes, leuchtendes Objekt. Das kristallähnliche Etwas ist die Quelle des durchdringenden Tonsignals, aber eine weitere Erkundung wird durch den Umstand verhindert, dass die Teenager plötzlich Nasenbluten bekommen.

Schwerelos in Seattle

Mit einem kühnen Schnitt bricht Andrews Aufzeichnung in diesem Moment ab, um erst einige Wochen später wieder einzusetzen. Das neue Material zeigt, dass sich Andrew, Matt und Steve seit der Nacht im Wald verändert haben: Alle drei verfügen über telekinetische Kräfte, mit denen sie Gegenstände per Gedankenkraft bewegen können. Das unbekannte Objekt mag mit ihren erstaunlichen Fähigkeiten zu tun haben, doch das Rätsel ist mit der zwischenzeitlich kollabierten Höhle verschüttet worden. Aber weit mehr als für die ungeklärte Ursache interessieren sich die Jungen für die phantastische Wirkung.

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"Chronicle - Wozu bist du fähig?": Normalo-Schüler mit Super-Kräften
Anfangs lassen sie einfach nur Bälle schweben oder stapeln durch bloßen Willen Legosteine zu Türmen auf. Doch je mehr sie ihre Talente trainieren - und ihre blutenden Nasen unter Kontrolle bringen - desto schneller entwachsen ihre Kräfte dem Kinderzimmerniveau. Bald verschieben sie spielend Autos auf Parkplätzen und beeindrucken ihre Mitschüler durch Kapriolen, die sie als Zaubertricks tarnen. Damit unterhält sich das Trio prächtig, aber die paranormalen Streiche erscheinen vergleichsweise banal in jenem magischen und euphorisierenden Moment, in dem die Jungen zu fliegen lernen. Über den Wolken und auf Tuchfühlung mit Jumbojets beschwören Andrew, Matt und Steve ihre neugefundene Freundschaft und träumen von einer gemeinsamen Flugreise um die Welt.

Vom Videotagebuch zum visuellen Spektakel

Doch der Spaß endet, als Andrew zunehmend überheblicher und unberechenbarer agiert. Sein durch die häusliche Misere befeuerter Zorn führt schließlich zu einer Katastrophe, die sich längst nicht mehr auf die vormals kleine Welt der drei Freunde beschränkt.

Schon die anfänglichen Höhenflüge der charmant-hedonistischen Helden sind beeindruckend in Szene gesetzt, doch nichts bereitet das Publikum auf das epische Ausmaß ihres Absturzes vor. Denn was als intimes Videotagebuch beginnt, eskaliert zusehends zum visuellen Spektakel, wobei "Chronicle" seiner inneren Erzähllogik treu bleibt: Wenn Andrew und seine Freunde sich von den Zwängen der Schwerkraft befreien, so wird auch die Kamera entfesselt und findet unerwartet dramatische Blickwinkel. Von den üblichen stilistischen Limitierungen der found footage und point-of-view Filmerzählungen sind die Bilder von Andrew - beziehungsweise von Kameramann Matthew Jensen - befreit, ebenso wenig lässt sich das niedrige Produktionsbudget erahnen.

Über die formale Brillanz hinaus verzahnen Josh Trank und Co-Autor Max Landis, beide Mitte der Achtziger geboren, in ihrem Film das klassische, moralisch-ethische Dilemma der Superhelden mit dem narzisstischen Selbstzeugnisdrang einer Teenager-Generation, die sich quasi in Echtzeit in Social Networks präsentiert. Insofern ist "Chronicle" vielleicht das erste Facebook-Timeline-Drama, und schildert als solches nicht nur die furiose Zuspitzung eines Prinzipienkonflikts, sondern parallel den Verlauf einer glaubwürdigen Jugendfreundschaft, die sich buchstäblich übermenschlichem Druck ausgesetzt sieht.

Und da dies vortrefflich gelingt, scheint es höchste Zeit für ein Statusupdate im Genrekino.

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insgesamt 6 Beiträge
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1.
yoyoda85 19.04.2012
Hatte schon einen Trailer gesehen. Scheint sehenswert.
2.
cargath 19.04.2012
Zitat von sysopWer behauptet, dass man mit Super-Kräften keinen Mist bauen kann? In "Chronicle" kommen drei High-School-Jungs zu übermenschlichen Fähigkeiten. Der Film erzählt quasi in Echtzeit, was sie damit anfangen - und verpasst dem Superhelden-Genre eine Frischzellenkur mit Facebook-Mitteln. Kino-Erfolg*"Chronicle": Die Superhelden der Facebook-Ära - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,828127,00.html)
Sorry, aber den Artikel kann man bereits nach dem ersten Satz nicht mehr ernst nehmen. Niemand behauptet, dass man mit Superkräften keinen Mist bauen kann. Quasi jede Superheldengeschichte basiert auf der Frage, ob man seine Superkräfte zu seinen eigenen Vorteilen nutzt oder sie in den Dienst der Menschheit stellt. Fast jede Superheldengeschichte hat auch Superschurken. Man kann das ganze sogar als Gesellschaftskritik sehen - sollten die Reichen und Mächtigen ihren Reichtum und ihre Macht nutzen um sich weiter zu bereichern, oder sollten sie damit gutes tun? Sie haben das ganze Genre nicht verstanden.
3. ...
hans_uwe2@yahoo.de 19.04.2012
also, wenn andrew am ende des filmes zu einem turmhohen klumpen fleischberg mutiert, weil sich seine immer stärker werdenden kräfte ihren ausweg aus seinem limitierten körper suchen, dann lässt der klassiker AKIRA grüßen. :)
4. ...
Mindbender 19.04.2012
Zitat von sysopWer behauptet, dass man mit Super-Kräften keinen Mist bauen kann? In "Chronicle" kommen drei High-School-Jungs zu übermenschlichen Fähigkeiten. Der Film erzählt quasi in Echtzeit, was sie damit anfangen - und verpasst dem Superhelden-Genre eine Frischzellenkur mit Facebook-Mitteln. Kino-Erfolg*"Chronicle": Die Superhelden der Facebook-Ära - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,828127,00.html)
"Facebook-Timeline-Drama"?! Was ist das denn für ein an den Haaren herbeigezogener Unsinn... Nur weil "in Echtzeit" von den Protagonisten mitgefilmt? Was war Blairwitch Project von '98 dann, ein "Usenet-Newsgroup-Drama"?
5. Naja ...
Stegreif 20.04.2012
Sorry, aber ich kann diesem Film nicht viel abgewinnen, soweit das bisher anhand der Trailer und Kritiken zu beurteilen ist. Ich habe schon bessere Superhelden-Filme gesehen. Er mag vielleicht ganz "nett" und unterhaltsam sein, aber etwas wirklich Neues oder gar Revolutionäres stellt er nicht dar. Das ist beileibe nicht der erste Film, der thematisiert, wie Menschen von der Macht, die ihnen übernatürliche Kräfte verleihen, in Versuchung geführt werden, oder wie es ihnen nicht gelingt, diese Kräfte zu beherrschen. Oder wie es sie psychisch verändert und sie daran zerbrechen. Auf Anhieb fällt mir Hancock ein, Jumper, Spiderman, oder -- ganz typisch -- die tragische Figur des Titan aus "Megamind" (das soll jetzt keine Wertung der genannten Filme darstellen). Eigentlich kommen diese Art Konflikte in jedem Superhelden-Film vor, sei es als zentrales Thema oder nur am Rande. Auch der Selbstdoku-Stil der Kamera (den ich in diesem Film übrigens eher als störend empfinde, aber das mag Geschmackssache sein) ist alles andere als neu. Im Gegenteil, in "Chronicle" scheint dieser Effekt weniger gut gelungen zu sein; es wirkt aufgesetzt und künstlich. Wenn schon der Trailer, der ja in der Regel das Beste aus einem Film herausstellen soll, nicht überzeugt, dann kann man sich denken, wie es dann im eigentlichen Film zugeht. Warum der Artikel mehrfach Facebook erwähnt, ist mir vollkommen unklar. Hier eine Verbindung herzustellen, ist absurd. Immerhin hat mich dieser Artikel in meiner Meinung bestärkt, dass ich für "Chronicle" nicht unbedingt einen Kinoabend verschwenden muss.
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