Von David Kleingers
Bunte Kostüme, klangvolle Namen, geheime Identitäten: All das gibt es nicht in "Chronicle - Wozu bist Du fähig?". Dennoch erzählt das aufregende Spielfilmdebüt von Josh Trank mehr über die Fallstricke einer übernatürlichen Begabung als viele Superhelden-Comics. Die reizvolle Prämisse des US-Überraschungserfolgs: Warum sollen besondere Fähigkeiten eigentlich zwangsläufig zu hehrem Handeln führen?
Zumal, wenn einem der Alltag so wenig Anlass für Idealismus gibt wie für Andrew Detmer (Dane DeHaan), der eine High School in Seattle besucht. Zu Hause umsorgt der introvertierte Teenager seine krebskranke Mutter und wird vom trunksüchtigen Vater (Michael Kelly), einem ehemaligen Feuerwehrmann, drangsaliert. In der Schule läuft es nicht besser, denn in der sozialen Hackordnung der High School stehen in sich gekehrte Einzelgänger ganz unten. Statt sich erfolglos um Teilhabe zu bemühen, verlagert sich Andrew daher auf das Beobachten: Konsequent beginnt er, sein Leben und seine Umwelt mit einer DV-Kamera zu dokumentieren. Auch Andrews einziger Vertrauter, sein lakonischer Cousin Matt (Alex Russell), wird so zu einem Protagonisten der ambitioniert fotografierten Heimvideos.
Dementsprechend ist die Kamera auch dabei, als Andrew und Matt zusammen einen Rave in einer entlegenen Scheune besuchen. Nachdem Andrews Filmleidenschaft dort jedoch auf wenig Gegenliebe stößt, lassen sich die beiden von Steve (Michael B. Jordan), dem beliebten Quarterback des Schul-Footballteams, zu einer Exkursion in den angrenzenden Wald überreden. Dort hat Steve ein Loch im Boden entdeckt, vom dem ein sonderbares Geräusch ausgeht. Zu dritt steigen sie in die darunter liegende Höhle hinab und stoßen auf ein großes, leuchtendes Objekt. Das kristallähnliche Etwas ist die Quelle des durchdringenden Tonsignals, aber eine weitere Erkundung wird durch den Umstand verhindert, dass die Teenager plötzlich Nasenbluten bekommen.
Schwerelos in Seattle
Mit einem kühnen Schnitt bricht Andrews Aufzeichnung in diesem Moment ab, um erst einige Wochen später wieder einzusetzen. Das neue Material zeigt, dass sich Andrew, Matt und Steve seit der Nacht im Wald verändert haben: Alle drei verfügen über telekinetische Kräfte, mit denen sie Gegenstände per Gedankenkraft bewegen können. Das unbekannte Objekt mag mit ihren erstaunlichen Fähigkeiten zu tun haben, doch das Rätsel ist mit der zwischenzeitlich kollabierten Höhle verschüttet worden. Aber weit mehr als für die ungeklärte Ursache interessieren sich die Jungen für die phantastische Wirkung.
Vom Videotagebuch zum visuellen Spektakel
Doch der Spaß endet, als Andrew zunehmend überheblicher und unberechenbarer agiert. Sein durch die häusliche Misere befeuerter Zorn führt schließlich zu einer Katastrophe, die sich längst nicht mehr auf die vormals kleine Welt der drei Freunde beschränkt.
Schon die anfänglichen Höhenflüge der charmant-hedonistischen Helden sind beeindruckend in Szene gesetzt, doch nichts bereitet das Publikum auf das epische Ausmaß ihres Absturzes vor. Denn was als intimes Videotagebuch beginnt, eskaliert zusehends zum visuellen Spektakel, wobei "Chronicle" seiner inneren Erzähllogik treu bleibt: Wenn Andrew und seine Freunde sich von den Zwängen der Schwerkraft befreien, so wird auch die Kamera entfesselt und findet unerwartet dramatische Blickwinkel. Von den üblichen stilistischen Limitierungen der found footage und point-of-view Filmerzählungen sind die Bilder von Andrew - beziehungsweise von Kameramann Matthew Jensen - befreit, ebenso wenig lässt sich das niedrige Produktionsbudget erahnen.
Über die formale Brillanz hinaus verzahnen Josh Trank und Co-Autor Max Landis, beide Mitte der Achtziger geboren, in ihrem Film das klassische, moralisch-ethische Dilemma der Superhelden mit dem narzisstischen Selbstzeugnisdrang einer Teenager-Generation, die sich quasi in Echtzeit in Social Networks präsentiert. Insofern ist "Chronicle" vielleicht das erste Facebook-Timeline-Drama, und schildert als solches nicht nur die furiose Zuspitzung eines Prinzipienkonflikts, sondern parallel den Verlauf einer glaubwürdigen Jugendfreundschaft, die sich buchstäblich übermenschlichem Druck ausgesetzt sieht.
Und da dies vortrefflich gelingt, scheint es höchste Zeit für ein Statusupdate im Genrekino.
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