Film über Ukrainekonflikt Ein russischer Krieg

Mit seinem Spielfilm "Donbass" will Sergei Loznitsa mit den Fake News vom "Bürgerkrieg" in der Ostukraine aufräumen. Ohne das russische Militär gäbe es dort keine Kämpfe, sagt der Regisseur - und zieht Parallelen zu Stalin.

Edition Salzgeber

Ein Interview von


Sergei Loznitsa gibt zur Begrüßung die Hand, dann bleibt er vor einem Plakat für seinen neuen Spielfilm "Donbass" stehen. Von schwarzgrauen Rauchwolken umgebene Soldaten marschieren darauf durch eine Schneelandschaft. Über dem in schmutzigem Rosa gehaltenen Titel steht: "Eine furiose Abrechnung mit dem Krieg in der Ukraine". Ein Zitat aus der Kritik, die die Interviewerin zur Premiere von "Donbass" in Cannes geschrieben hat.

"'Krieg ist das falsche Wort", urteilt Loznitsa über das Zitat - und präzisiert: "Das muss 'russischer Krieg' heißen. Alles andere klingt so, als gäbe es einen Bürgerkrieg in der Ukraine. Ohne das russische Militär gäbe es dort aber keine Kämpfe." Schon sind wir mittendrin in den Themen, die Loznitsa in "Donbass" umtreiben: Russlands Aggressionen, das Grauen in der Ukraine und wie beides in den Medien dargestellt wird.

Zur Person
  • DPA
    Sergei Loznitsa, geboren 1964 in Weißrussland, wuchs in der Ukraine auf und studierte in Moskau Film. Nachdem er zunächst nur Dokumentarfilme drehte, wechselt er mittlerweile zwischen den Genres. Seine Spielfilme "Mein Glück", "Im Nebel" und "Die Sanfte" waren im Wettbewerb von Cannes zu sehen, mit "Donbass" gewann er 2018 den Un-Certain-Regard-Regiepreis. Der Film ist auch die Oscar-Einreichung der Ukraine. Am 30. August kommt er in die deutschen Kinos.

SPIEGEL ONLINE: Herr Loznitsa, Sie beginnen "Donbass" mit einer Spielszene, in der Sie die Inszenierung von gefälschten Nachrichtenaufnahmen zeigen. In jedem modernen Krieg wird auch um die Hoheit über die Bilder gekämpft. Doch in diesem Krieg scheint sich etwas verschärft zu haben, in Deutschland hat er zum Beispiel die Debatte um "Lügenpresse" und "Staatsmedien" ausgelöst. Wie erklären Sie sich das?

Loznitsa: Für mich wird hier der alte Konflikt zwischen Wahrheit und Mythos ausgetragen. Mythen lassen sich leicht erzählen und verstehen, die Wahrheit ist dagegen sehr kompliziert und langweilig. Um die Wahrheit zu verstehen, braucht es Wissen. Aber wer von den deutschen Fernsehzuschauern weiß zum Beispiel wirklich um die Geschichte der Beziehungen zwischen Russland und Ukraine? Wer von ihnen weiß, dass Moskau von Herzögen aus Kiew aufgebaut wurde? Welche grausame Rolle das mongolisch-tatarische Joch im russischen Imperium gespielt hat? Solche Hintergründe müssten die Medien liefern, damit man die Nachrichten wirklich verstehen kann. Das tun sie nicht - aber das hat sich auch schon vor Ausbruch des Kriegs gezeigt, bei der Berichterstattung über den Maidan zum Beispiel.

SPIEGEL ONLINE: Was hat Sie bei der Berichterstattung besonders gestört?

Loznitsa: Es wurden vor allem Kämpfe gezeigt - in den Straßen, an den Barrikaden. Die gemeinsamen Gebete wurden aber ausgespart. Alle vier Stunden haben sich dort Zehntausende Menschen zu einem ökumenischen Gottesdienst getroffen, Muslime, Juden, Griechisch-Orthodoxe. Ein historisches Ereignis mitten in der Hauptstadt der Ukraine, aber für die Medien war das anscheinend nicht von Bedeutung.

SPIEGEL ONLINE: Wie viel Aufklärung und Informationen kann ein Spielfilm wie "Donbass" in dieser Situation liefern?

Loznitsa: Ich kann natürlich auch nur einen Ausschnitt bieten und nicht alles erklären. Sogar ein Mitglied der Förderkommission hat mir gesagt: Tolles Drehbuch, aber erklär doch bitte noch mal, was genau in der Ukraine passiert ist. Letztlich kann man auch meinen Film nur verstehen, wenn man sich eingehend mit der russisch-ukrainischen Geschichte beschäftigt.

SPIEGEL ONLINE: Sie wechseln beständig zwischen Dokumentar- und Spielfilmen und haben bereits einen Dokumentarfilm über die jüngere ukrainische Geschichte gedreht: "Maidan". Warum jetzt ein Spielfilm?

Loznitsa: Weil er mir als das beste Mittel erschien, um gegen "Fake News" vorzugehen. Wir wissen alle, dass es sie gibt - aber wie können wir uns gegen sie schützen? Weil sie so aggressiv sind, sind sie besonders gefährlich. Sie berühren uns, rütteln uns auf, bewegen uns zu Taten, genau wie es ihre Macher vorgesehen haben. Gegen diese Art der emotionalen Einbeziehung müssen wir uns wehren. Mein Film ist deshalb auch eine Erkundung, was hinter den russischen Aggressionen steckt, welchen Plan sie verfolgen.

Fotostrecke

9  Bilder
"Donbass": Letztes Mittel: Lachen

SPIEGEL ONLINE: Zu welchem Ergebnis sind Sie gekommen?

Loznitsa: Zu keinem abschließenden. Ich habe schon überlegt, ob sie zum Modell der Sowjetunion zurückkehren wollen. Aber das erscheint mir so dumm und auch langweilig - wir wissen doch schon, wie die Geschichte ausgegangen ist. Andererseits fangen sie auch wieder mit den Schauprozessen an. Sehen Sie sich nur an, was mit meinen Regiekollegen Oleg Sentsov und Kirill Serebrennikov passiert ist. Oleg wurde zu 20 Jahren Haft verurteilt und ist nun im Hungerstreik, Kirill steht seit einem Jahr unter Hausarrest. Jeder weiß, dass die Vorwürfe gegen sie unhaltbar sind. Da kann man nur drüber lachen, weil es absurd ist!

SPIEGEL ONLINE: Macht es die Lage wirklich besser, wenn man über sie lachen kann?

Loznitsa: Konkret für Oleg oder Kirill nicht. Aber für uns persönlich schon: Lachen zu können, heißt, keine Angst zu haben. Zu Stalins Zeiten war das ganz anders. Da haben die Leute viele Sachen ernst genommen. Heute erkennen wir sie als Farce und können über sie lachen. Nehmen Sie zum Beispiel den Prozess gegen den Ölkonzern Yukos und seinen Gründer Michail Chodorkowski. Die Beweise, die von der Staatsanwaltschaft vorgelegt wurden, waren entweder fabriziert oder haben sich selbst widersprochen. Ein lächerliches Verfahren, wie jeder sehen konnte. Geändert hat das allerdings nichts.

SPIEGEL ONLINE: Was könnte denn etwas an der innerrussischen Situation ändern?

Loznitsa: Wahrscheinlich nichts, denn die aus meiner Sicht entscheidenden Fehler wurden schon vor langer Zeit gemacht. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion hätte der Westen keine finanzielle Unterstützung geben dürfen, ohne diese mit politischen Auflagen zu verknüpfen. Nennen Sie es De-Sowjetisierung oder Ent-Kommunistifizierung: Es hätte eine Entsprechung zu den Nürnberger Prozessen geben müssen. Denn die Korruption der Justiz zu Stalins Zeiten, die Erschießungen und die Lager sowie die Rolle der Zivilbevölkerung hätten genau aufgearbeitet werden müssen, wie es nach dem Nationalsozialismus geschehen ist. Stattdessen ist Stalin nach wie vor ein Held in Russland. Können Sie sich vorstellen, wie es wäre, wenn Hitler in Deutschland heute als Held verehrt würde? Als so unerträglich empfinde ich die Situation in Russland.

SPIEGEL ONLINE: Ob man Nationalsozialismus und Stalinismus gleichsetzen kann, bedürfte einer ausführlicheren Diskussion. Um Ihre Perspektive besser zu verstehen: Sie sehen also weitreichende Kontinuitäten von der Stalinzeit bis ins heutige Russland?

Loznitsa: Viele Dinge haben ihre Form geändert. Heute muss man gar nicht mehr die Menschen ins Gefängnis stecken. Heute reicht es aus, ihre Gehirne zu verhaften. Das ist es nämlich, was "Fake News" schaffen. Sie nehmen uns die Freiheit zu denken. Dabei spielen auch die neuen Medien und Technologien eine wichtige Rolle. Sie begrenzen unsere Aufmerksamkeitsfähigkeit, jüngere Menschen können schon kaum mehr ein Buch lesen oder einen Text mit der Hand schreiben. Bald haben wir künstlichen Intelligenzen nichts mehr entgegenzusetzen, weil unsere intellektuellen Fähigkeiten verkümmert sind. Das wissen sich auch politische Mächte zunutze zu machen.

SPIEGEL ONLINE: Was bedeutet der Medienwandel für das Kino allgemein und für Sie persönlich?

Loznitsa: Meine Art des Filmemachens hat sich bereits stark verändert - das lässt sich an "Donbass" gut erkennen. Statt einer einzigen Geschichte erzähle ich 13 Episoden. Sieben von diesen 13 Episoden basieren außerdem auf Amateurvideos, die in der Ostukraine gefilmt wurden. Die habe ich dramaturgisch bearbeitet und nachinszeniert, aber am Wesen der gezeigten Situationen habe ich nichts geändert. Die sind authentisch.

SPIEGEL ONLINE: Warum haben Sie die Szenen dann nachgestellt?

Loznitsa: Weil ich es als Regisseur als Verpflichtung empfinde, künstlerischen Ansprüchen zu genügen. Mir ist es wichtig, dass die Tonqualität, der Bildaufbau und die Schauspielleistungen perfekt sind.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es für Sie einen wesentlichen Unterschied zwischen den Filmarten, was deren Wahrheitsgehalt betrifft?

Loznitsa: Nein, Wahrheit ist keine Frage des Filmgenres oder Filmmaterials: Wahrheit liegt in der Person des Regisseurs - wie er mit der Geschichte und dem Material umgeht. Bei meinem nächsten Film "Prozess", ein Dokumentarfilm, habe ich zum Beispiel nichts an dem Material geändert: Es handelt sich um Originalaufnahmen aus einem stalinistischen Schauprozess in Moskau 1930, die ich zufällig gefunden habe. Das Einzige, was ich hinzugefügt habe, ist die Texteinblendung, dass alles inszeniert war. Hier sehen Sie auch, dass "Fake News" überhaupt nichts Neues sind. Jedes Land arbeitet damit und das schon seit Langem. Den Unterschied macht nur, in welchem Umfang. Das russische Fernsehen bringt eigentlich nichts anderes mehr. Dauernd wird von Aggressionen anderer Länder gegenüber Russland berichtet. So entsteht der Eindruck, man sei umgeben von Feinden.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind in der Ukraine aufgewachsen und haben in Moskau studiert, bevor Sie 2001 nach Deutschland gezogen sind. Könnte man sagen, dass "Donbass" Ihr persönlichster Film ist?

Loznitsa: Ich würde meinen, dass alle meine Filme persönlich sind. Aber hier stimmt es schon besonders - vielleicht weil die Front so nah ist und immer näher kommt.

Im Video: Der Trailer zu "Donbass"

Edition Salzgeber
Mehr zum Thema
Newsletter
Neu im Kino: Tops und Flops


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.