Sextourismus-Film "Paradies: Liebe": Sand im Getriebe

Aus Cannes berichtet

Eine ältliche Österreicherin hofft, bei den Beach Boys am Strand von Kenia nicht nur Sex zu finden, sondern auch Liebe. Bei den Filmfestspielen in Cannes zeigt Skandalregisseur Ulrich Seidl den ersten Teil seiner "Paradies"-Trilogie. Eine Stilübung in Ekel und Tristesse.

Cannes-Beitrag "Paradies: Liebe": Sex-Urlaub unter kenianischer Sonne Fotos
ULRICH SEIDL FILM/ Festival Cann

Gleich die erste Einstellung, mit der der österreichische Regisseur Ulrich Seidl seinen neuen Film eröffnet, wirkt irgendwie grotesk: Eine Gruppe Menschen mit Trisomie 21 sitzt abfahrbereit in knallbunten Autoscooter-Wagen auf dem Rummelplatz - dann geht es los, das große Zusammenbumsen. Und von der Bande aus feuert eine mittelalte, blonde, sehr resolute und ziemlich in die Breite gegangene Betreuerin ihre Piloten an: Teresa (Margarethe Tiesel), Hauptfigur des Films "Paradies: Liebe".

Teresa ist alleinstehende Mutter einer molligen, faulen Teenager-Tochter und angeödet von ihrer Alltagstristesse. Als nächstes sieht man sie an einem traumhaften Strand in Kenia - Urlaub unter der Sonne ist angesagt, in einem dieser typischen Club-Hotels, wo die bleichen Ankömmlinge mit dem Grundwortschatz kenianischer Verständigung ausgestattet werden: Jambo heißt "Hallo", Hakuna matata heißt "Kein Problem". Alles easy. Und wer weiß, vielleicht ist ja auch ein Sex-Abenteuer mit einem der feschen, jungen, durchtrainierten Afrikaner drin.

Und so kommt es dann auch: Zunächst zögerlich und gehemmt, dann aber angefixt von ihrer lebenslustigen, mit Dreadlocks ausgestatteten Freundin Inge, lässt sich Teresa mit dem attraktiven Beach Boy Munga (Peter Kazungu) ein, der sie - zum ersten Mal seit Jahren - sexuell befriedigt. Teresa ist verliebt, und Munga zieht ihr das Geld aus der Tasche: Hier ein paar tausend kenianische Schilling für die vermeintliche Schwester in Not, da ein paar hundert für die Cousine mit der schlecht ausgestatteten Dorfschule. Als Teresa erkennen muss, dass ihr Loverboy sich nur überwindet, mit ihr zu schlafen, um an ihre Kohle zu kommen, und die Schwester eigentlich seine Ehefrau ist, kommt es zum Eklat am Strand: Wütend und enttäuscht prügelt sie auf den Kenianer ein. Der wehrt sich nicht, stattdessen winselt er ein bisschen erbärmlich vor sich hin.

Die Rache der weißen Frau

Ulrich Seidl, der vor fünf Jahren in Cannes seinen schonungslosen Sexhandel-Film "Import/Export" im Wettbewerb zeigte, kehrt mit einem nicht minder kontroversen Thema an die Croisette zurück. Durchaus mitfühlend deckt er auf, welche postkolonialistischen Mechanismen beim sexuellen Austausch zwischen saturierten Europäerinnen und hungrigen Kenianern wirken. Dabei nimmt Seidl Teresas Suche nach Liebe durchaus ernst - zeigt aber trotzdem schmerzhaft auf, dass echtes Gefühl in diesem Konstrukt der Sex-Ökonomie keinen Platz hat.

Die Rache der weißen Frau erfolgt in einer quälend langen Sequenz gegen Ende des Films, als ein gespenstisch dauergrinsender Jüngling für Teresa, Inge und zwei weitere Sugar Mamas aus Österreich tanzen und strippen muss. Wie abgetörnt der Schwarze davon ist, von den Frauen wie ein Sexsklave herumkommandiert zu werden, ist nicht zu übersehen. So sehr sie sich mit ihren Massen barbusig an ihm reiben, er kriegt keinen hoch. Angewidert beobachtet der Zuschauer auch die Szene, in der sich Damen dekadent in der Sonne wälzen, während hinter einem Zaun die verfügbaren Loverboys lungern und auf ihren Einsatz als Liebesdiener warten.

Das ist leider das Problem des Films: Seidl erzählt im erstem Teil der bereits abgedrehten "Paradies"-Trilogie in immer gleichen Ekelbildern vom immer gleichen Punkt, den er bereits früh hinreichend deutlich gemacht hat. Teresa stolpert mit all ihrem Frust und all ihrer Verzweiflung ja doch nur von einer erbarmungslosen Ökonomie in die nächste: Daheim misst sich ihr Marktwert an Figur und Attraktivität, hier in Afrika eben am Geldbeutel.

Teil zwei, "Glaube", handelt von Teresas Schwester, einer katholischen Missionarin, Teil drei, "Hoffnung", von Teresas Tochter, die im Diät-Camp ihr Liebesglück sucht. Wie man hört, hatte Seidl angeboten, gleich alle drei Filme am Stück auf dem Festival zu zeigen, was Programmchef Thierry Frémaux offenbar ablehnte. Vielleicht sollte man ihm dafür dankbar sein. Es reicht, erst einmal diese eine Packung verdauen zu müssen.

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1. Zweierlei Maß
Esib 18.05.2012
Ob bei männlichen Sextouristen auch so mitfühlend berichtet worden wäre? Gerade das hier: ---Zitat--- ls Teresa erkennen muss, dass ihr Loverboy sich nur überwindet, mit ihr zu schlafen, um an ihre Kohle zu kommen, und die Schwester eigentlich seine Ehefrau ist, kommt es zum Eklat am Strand: Wütend und enttäuscht prügelt sie auf den Kenianer ein. ---Zitatende--- hätte im umgekehrten Fall nur Abscheu und Empörung für das brutale sexsüchtige Schwein gebracht. Komisch, dass bei dieser Täterin dann auch noch nach "positiven" oder entschuldigenden Motiven gesucht wird. Oder das hier: ---Zitat--- Die Rache der weißen Frau erfolgt in einer quälend langen Sequenz gegen Ende des Films, als ein gespenstisch dauergrinsender Jüngling für Teresa, Inge und zwei weitere Sugar Mamas aus Österreich tanzen und strippen muss. Wie abgetörnt der Schwarze davon ist, von den Frauen wie ein Sex-Sklave herumkommandiert zu werden, ist nicht zu übersehen. So sehr sie sich mit ihren Massen barbusig an ihm reiben, er kriegt keinen hoch. ---Zitatende--- Ob man auch einem männlichen Sextouristen so eine "Rache" zugestanden hätte? Wo bleibt die Empörung der feministischen Fraktion über die widerliche sexuelle Ausbeutung dieser Männer?
2. Sextourismus-Film
njamba 18.05.2012
Zitat von EsibOb bei männlichen Sextouristen auch so mitfühlend berichtet worden wäre? Gerade das hier: hätte im umgekehrten Fall nur Abscheu und Empörung für das brutale sexsüchtige Schwein gebracht. Komisch, dass bei dieser Täterin dann auch noch nach "positiven" oder entschuldigenden Motiven gesucht wird. Oder das hier: Ob man auch einem männlichen Sextouristen so eine "Rache" zugestanden hätte? Wo bleibt die Empörung der feministischen Fraktion über die widerliche sexuelle Ausbeutung dieser Männer?
Es geht hier wirklich nicht um das Thema Sextourismus an sich. Vielmehr handelt isch hier um ein Regisseur der mit allen Mitteln versucht seine Finanzen aufzupolieren. Der Sextourismus ( Thailand, Philippine, Afrika, Türkey etc) ist eine traurige Sache und kann nicht geleugnet und sollte aber nicht auf dieser Art und Weise Dokumentiert werden. Dies ist die pure Verhöhnung der Sex-Ausgebeuteten. Shame on him! Leider, für Geld tun wir doch alles. Hauptsache berühmt werden. Oder?.
3. Nichts Positives
caligerman 18.05.2012
Zitat von EsibOb bei männlichen Sextouristen auch so mitfühlend berichtet worden wäre? Gerade das hier: hätte im umgekehrten Fall nur Abscheu und Empörung für das brutale sexsüchtige Schwein gebracht. Komisch, dass bei dieser Täterin dann auch noch nach "positiven" oder entschuldigenden Motiven gesucht wird. Oder das hier: Ob man auch einem männlichen Sextouristen so eine "Rache" zugestanden hätte? Wo bleibt die Empörung der feministischen Fraktion über die widerliche sexuelle Ausbeutung dieser Männer?
Wo sehen Sie denn da etwas "positives" oder "entschuldigendes"? Die Empörung der "feministischen Fraktion" mit der Sie offensichtlich ein Problem haben, hält sich deswegen in Grenzen, weil ein Grossteil der Sextouristen immer noch männlich ist. Ich nehme auch an, dass die weiblichen Sextouristen nichts ins Ausland fliegen um für ein paar Euros Kinder zu vergewaltingen.
4. ...
lalale 18.05.2012
Zitat von EsibOb bei männlichen Sextouristen auch so mitfühlend berichtet worden wäre? Gerade das hier: hätte im umgekehrten Fall nur Abscheu und Empörung für das brutale sexsüchtige Schwein gebracht. Komisch, dass bei dieser Täterin dann auch noch nach "positiven" oder entschuldigenden Motiven gesucht wird. Oder das hier: Ob man auch einem männlichen Sextouristen so eine "Rache" zugestanden hätte? Wo bleibt die Empörung der feministischen Fraktion über die widerliche sexuelle Ausbeutung dieser Männer?
es läßt sich für mich hier nichts erkennen was auf die intention sex-tourismus der hauptfigur des filmes hindeutet... zumindest nicht zu beginn... bzw. habe ich andere vorstellungen von sextourismus als das hereinfallen auf einen gigolo... zumindest die armen bedauernswerten männer denen das label "sextouristen" angehängt wird, fahren dann doch mit anderen intentionen in entsprechende länder... und dabei spreche ich nicht von der hoffnung auf einen erfolgreichen urlaubsflirt sondern von dem knallharten wissen dass nutten in diesen ländern deutlich billiger sind und man mal ein paar wochen richtig die sau rauslassen kann... von dem finden eines hier nicht vorhandenen "angebots" möchte ich da gar nicht erst reden...
5. Sexuelle Ausbeutung durch Frauen
hakuna_matata 18.05.2012
Tja lieber Esib, ich fürchte die Empörung der Feministen wird nicht kommen. Eher werden sie heulend und zeternd schreien, dass das doch eine Ausnahme und überhaupt etwas ganz anderes wäre, als die böse, böse Ausbeutung von Frauen durch Männer. Es ist gut, dass Seidl hier mal die achso harmlosen Sex-Touristinnen ins Visier nimmt, die es ja nach herrschender feministischer Meinung gar nicht gibt. Denn Frau ist doch gar nicht so, würde nie nach dem Aussehen gehen und ist schon gar nicht auf Sex fixiert! Es gibt ja auch keine männliche Opfer weiblicher Gewalt, egal ob physischer oder psychischer Natur. Nein, dass entspringt alles einem perfiden männlichn Entlastungsdiskurs, der von den immerwährenden Opfermythos der Frau ablenken will, richtig Emanzen? Und natürlich würde es im umgekehrten Fall einem Mann niemals zugestanden "Rache" zu nehmen, sondern es würde erst recht verbal auf in eingedroschen, wie er es doch mal so richtig verdient hätte. Sexismus funktioniert eben auch umgekehrt. Nur darf man(n) das beim herrschenden feministischen Zeitgeist leider nicht ungestraft äußern, denn dann passiert das o.g. Szenario und man(n) ist ein Frauenfeind, Macho, Sexist oder was auch immer.
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