Unbekannte Oscar-Gewinner: "Wir sind doch nur Sumpfratten"

Aus Los Angeles berichtet

Die offizielle Oscar-Show bot wenig Überraschungen, die wahren Gefühle gab es hinter der Bühne. Abseits des Star-Rummels feierten die unbekannten Oscar-Gewinner in den Nebenkategorien - auch wenn sich kaum jemand ihre Namen merken wird.

Oscar-Jubel: Der kurze Moment im Rampenlicht Fotos
AP

Die Show ist seit fast einer Stunde vorbei, und Meryl Streep ist heiser. Trotzdem steht sie immer noch hinter der Bühne, Oscar in der Hand, und lässt sich geduldig herumreichen. "Meryl!", schreien die Fotografen ihr zu. Die Reporter fragen nach ihren Schuhen und wollen wissen, wie es sei, wenn man in den Spiegel schaue, und Maggie Thatcher schaue zurück.

Meryl Streep, 17-mal nominiert und nun zum dritten Mal mit dem Oscar ausgezeichnet, ist der Star dieser langen Nacht. Doch statt über sich selbst will sie viel lieber über jemand anderen sprechen: J. Roy Helland, ihren Maskenbildner.

"Es war, als sei ich wieder ein kleines Kind gewesen", sagt Streep über den Moment, als ihr Kollege Colin Firth den Umschlag aufriss und ihren Namen ausrief. Das alles sei aber erst dadurch "doppelt wunderbar" gewesen, weil Helland zuvor ebenfalls einen Oscar gewonnen hatte: "Ich bin wirklich, wirklich stolz auf ihn."

Streep und Helland arbeiten seit mehr als 30 Jahren zusammen. Ihr erster gemeinsamer Kinofilm war "Sophies Entscheidung" (1982). Danach war Helland bei jedem Streep-Film für ihr Gesicht und ihre Frisuren zuständig, zuletzt bei "Die Eiserne Lady", wo er sie in Maggie Thatcher verwandelte, in stundenlangen Sitzungen. Dafür bekamen er und Prothesenkünstler Mark Coulier jetzt den Make-up-Oscar.

"Sophies Entscheidung" brachte Streep damals ihren zweiten Oscar. Doch erst "Die Eiserne Lady" bringt nun auch einen für ihren treuen Weggefährten. "Danke, Meryl, dass du mich in den letzten 37 Jahren beschäftigt hast", revanchiert sich Helland in seiner Rede gerührt. "Deine Brillanz lässt meine Arbeit immer gut aussehen."

Die Kategorien, bei denen die Saalzuschauer aufs Klo rennen

Star und Star-Macher, endlich gleichermaßen geehrt: ein beiläufiger, doch bezeichnender Moment bei dieser Oscar-Party. Die großen Namen - und die großen, "wichtigen" Oscar-Kategorien - bringen wenig Überraschung und noch weniger Euphorie. Die wahren Emotionen dagegen offenbaren sich anderswo - bei den "kleinen", unbekannteren Siegern, von denen schon in der Nacht kaum einer mehr redet.

Maskenbildner, Kostümbildner, Bühnenbildner, Dokumentarfilmer, Kurzfilmer, Komponisten: Es sind die Kategorien, bei denen viele Saalzuschauer aufs Klo rennen und die Journalisten im Backstage-Bereich eine Buffetpause machen - schließlich biegen sich da 20 Meter lange Tische unter Shrimps, Tortellini, Kroketten, Wraps und Gemüse-Dip.

Dabei liegt hier die letzte, wahre Kraft der Oscars. Denn die bewegendsten Momente finden sich abseits des Star-Glamours. Sind es doch die ungerühmten Sieger, die sich am aufrichtigsten freuen, die oft die spannendsten Geschichten haben - und denen ein Oscar in diesem sonst so zynischen Geschäft noch etwas bedeutet.

"Das hat lange gedauert", seufzt Prothesen-Experte Coulier, als er von der Bühne nach hinten kommt. Coulier ist seit 25 Jahren im Geschäft ("Harry Potter", "X-Men", "Star Wars"), doch ist es ebenfalls sein erster Oscar. Jetzt hat er nur eine Sorge: "Ich habe gehört, dass man manchmal einen Oscar gewinnt und dann nie wieder Arbeit bekommt, weil die Leute denken, dass man nun zu teuer wird."

Helland und Coulier sind nicht die einzigen, deren fast ungläubige Freude im Star-Rummel untergeht. Die pakistanische Filmemacherin Sharmeen Obaid-Chinoy gewinnt für "Saving Face", eine mutige Kurz-Dokumentation über die Opfer von Säureattentaten in ihrer Heimat. Es ist der erste Oscar überhaupt für Pakistan.

Auf dem Weg von der Bühne läuft die junge Frau Brad Pitt und Angelina Jolie über den Weg. Jolie, die schon mal in Pakistan war, spricht sie an, und Obaid-Chinoy gibt ihr eine Kopie ihres Films. "Das war wirklich nett", stammelt sie hinterher, noch ganz benommen.

Den Dokumentarfilmern rutscht ein freudiges "Fuck" heraus

"Ein lebenslanger Traum ist wahr geworden", sagt Kostümbildner Mark Bridges, der für den Stummfilm "The Artist" gewinnt, den großen Sieger dieser Nacht. Er habe seine Kindheit im Kino verbracht, "das hat mein ganzes Leben beeinflusst". Es sei "phantastisch", jetzt für einen Film geehrt zu werden, der "ein Liebesbrief an Hollywood" sei.

Die drei jungen Dokumentarfilmer TJ Martin, Dan Lindsay und Richard Middlemas, die überraschend mit ihrem Erstlingswerk "Undefeated" abräumen, sind so außer sich, dass sie alle Contenance verlieren. "Das ist lächerlich", ruft Lindsay, als das Trio auf die Bühne stolpert. "Wow!" Und dann rutscht Martin tatsächlich auch noch ein herzliches "Fuck" heraus - vor laufenden TV-Kameras.

Das Network ABC zensiert die "F-Bombe" in ihrer verzögerten "Live"-Ausstrahlung zwar. Doch im Theater ist der freudige Fluch bestens zu hören. Weshalb sich Martin hinter der Bühne noch mal umständlich entschuldigt: "Das war nicht die eleganteste Sache der Welt", sagt er zerknirscht. "Doch es kam von Herzen."

Sonst aber ist ihr Glück groß. Neun Monate lang hatten sie das schwarze Football-Team einer High School und dessen weißen Trainer Bill Courtney begleitet, in einem der ärmsten Viertel von Memphis. Das Ergebnis ist packender als viele Hollywood-Projekte. "Jetzt kriegen wir vielleicht einen Job", hofft Martin.

Das nordirische Vater-Tochter-Duo Terry und Oorlagh George, das mit dem Kurzfilm "The Shore" siegt, widmet ihren Oscar "den Menschen in Nordirland, den Protestanten und Katholiken, die sich nach 30 Jahren zusammengesetzt haben". Möge der Oscar ihren Friedensprozess fördern: "Es ist eine Bestätigung, dass sich dort etwas geändert hat", sagt Terry George.

Besinnliche Antworten auf Atombomben-Fragen

"Wir sind doch nur zwei Sumpfratten aus Louisiana", sagt William Joyce, der mit seinem Partner Brandon Oldenburg den Oscar für den besten Animations-Kurzfilm gewinnt. "Dies ist unglaublich groß." Hinter der Bühne springen sie vor den Fotografen immer wieder in die Luft. "The Fantastic Flying Books of Mr. Morris Lessmore" ist das erste Projekt ihres neuen, kleinen Moonbot Studios, das die Filmindustrie in dem krisengeplagten Südstaat beleben soll. "Im Norden Louisianas", jubelt Joyce vor den Reportern, "ist gerade eine Atombombe explodiert".

Das Thema Atom kommt auch in anderem Zusammenhang auf. "Nader und Simin - Eine Trennung" aus Iran wird bester fremdsprachiger Film, und prompt fragt ein Reporter den Regisseur Asghar Farhadi nach den "nuklearen Spannungen zwischen Iran und den USA". Farhadi beißt aber nicht an: Das sei eine Sache "zwischen den Regierungen". Trotzdem: "Würden die Menschen auf der Welt versuchen, sich ihr Bild voneinander durchs Prisma der Kultur zu machen, wäre dieses Bild ein realistisches."

Aber auch diese besinnlichen Worte werden im bunten Star-Gewühl schnell wieder vergessen. Am Ende balgen sich im Backstage-Bereich alle doch wieder nur um Meryl Streep. "Sprechen Sie Spanisch?", ruft ihr ein spanischer Reporter entgegen. "Nein", antwortet Streep lakonisch. Ob sie Thatcher je getroffen habe? "Nein." Thatcher habe gerne mal "ein paar Whiskeys" getrunken - wolle sie jetzt auch einen heben? "Ich werde mit ein paar anfangen."

Schließlich wird es ihr zu viel: "So, war's das jetzt?" Ja, versichert ihr eine Assistentin, das sei das Ende. "Okay", sagt Streep erleichtert. "Vielen Dank." Dann rauscht sie fort, um zu feiern - mit ihrem Maskenbildner.

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