"Unbreakable" Hyperhelden und Megaschurken

Ein Denkmal für die antagonistische Welt der Comic-Heroen. "Sixth Sense"-Regisseur M. Night Shyamalan drehte einen hintergründigen Heldenthriller, der mit den Formalien des Action-Genres zu Gunsten einer eigenständigen Ästhetik bricht.

Von Manfred Müller


Zerbrechlich: Der Comic-besessene Elijah (Samuel L. Jackson) leidet an der Glasknochenkrankheit
Foto: Buena Vista

Zerbrechlich: Der Comic-besessene Elijah (Samuel L. Jackson) leidet an der Glasknochenkrankheit

David Dunn ist ein Loser. Die viel versprechende Karriere als Footballspieler hat er nach einem Autounfall aufgegeben. Seither arbeitet er in der Security-Abteilung des Stadions, in dem er eigentlich sportliche Triumphe hätte feiern sollen. Auch seine Ehe steht nicht zum Besten, und als er nach einem misslungenen Bewerbungsgespräch im Zug zurück nach Philadelphia seine junge Sitznachbarin anbaggern will, holt er sich eine Abfuhr. Ein Loser eben. Doch als der Zug verunglückt, ist es David Dunn, der von 132 Passagieren als Einziger und ohne jede Schramme das Inferno überlebt. Er ist unzerbrechlich, aber er weiß es noch nicht.

Es braucht keine zehn Minuten, bis der Drehbuchautor und Regisseur M. Night Shyamalan ins Reich des Übersinnlichen zurückfindet, wo er im vergangenen Jahr mit "The Sixth Sense" einen der größten Kassenerfolge der Kinogeschichte landete. Aber hier geht es nicht um die Metaphysik des Seins, es geht um die trivialen Mythen der Comic-Kultur, um die Genealogie der Hyperhelden und Megaschurken, die dem Comic zu seinem Siegeszug in der Literaturgeschichte des 20. Jahrhunderts verholfen haben.

1940 erschien der erste Band der Batman-Serie, nicht von ungefähr zu einer Zeit, als mit Hitler das personifizierte Unheil ins Räderwerk der Weltgeschichte gegriffen hatte. Batman gegen Joker, Superman gegen Lex Luthor, diese Titanenkämpfe entsprachen der psychischen Disposition eines Publikums, das nach Giftgaskrieg und Holocaust und angesichts eines atomaren Overkills und bevorstehender Klimakatastrophe einem aufgeklärten Weltbild das Vertrauen entzog und eine immer komplexere Welt auf archaische Antagonismen reduziert sehen wollte. Gut und Böse, Genie und Wahnsinn, Ying und Yang, die Philosophie des Trivialen handelt von der unauflöslichen, schicksalhaften Einheit des Gegensätzlichen. Und war es nicht wie eine Bestätigung dieser sich wandelnden Weltanschauung, dass der klassische Detektiv, der rationalistische Heldentypus des 19. Jahrhunderts, in Gestalt des bornierten Intellektuellen Hercule Poirot abdankte und sich mangels eines ebenbürtigen Gegners ins Lager des Verbrechens schlug?

Unzerbrechlich: Dunn (Bruce Willis) muss lernen, mit seinen Superkräften umzugehen
DPA

Unzerbrechlich: Dunn (Bruce Willis) muss lernen, mit seinen Superkräften umzugehen

Shyamalans Geschichte spielt vor und mit diesem kulturellen Hintergrund, den er im Vorspann mit statistischen Angaben zum Comic-Kult kurz und nüchtern in Zahlen fasst. Der Mythos des Genres wird selbstbezüglich gespiegelt in der Obsession des Comicsammlers Elijah Price (Samuel L. Jackson, der hier die Edelschurken sämtlicher Batman-Sequels spielend in den Schatten stellt). Durch eine Glasknochenkrankheit von Geburt an hochgradig gebrechlich, sieht er sich als biologischen Gegenentwurf und Mastermind des unverwüstlichen Superhelden Dunn (Bruce Willis), den er seiner inneren Bestimmung erst zuführen muss.

Price nimmt Kontakt zu Dunn auf und versucht ihm seine übernatürlichen Kräfte nachzuweisen. Er glaubt mit naturgesetzlicher Gewissheit, dass einer Welt monströser Verbrechen eine ebenso monströse Verkörperung des Guten entsprechen muss. Aber erst Dunns Sohn kann den widerstrebenden Vater von seiner höheren Berufung überzeugen.

Das Spiel der Figuren wird oft in Türrahmen oder engen Gängen inszeniert, ihr Weg ist vorgegeben, ihr Spielraum eingeschränkt. Die Musik wird sorgsam dosiert, viel atmosphärische Stimmung vermittelt sich über die nackte Geräuschebene. Shyamalan entgeht dem Klischee, ein filmischer Comic müsse grell, plakativ und von sprunghaftem Tempo sein. Er findet eine ausgewogene Balance zwischen beklemmendem Realismus und einer nie ins Belanglose abgleitenden Sprechblasen-Mystik. Eine Balance, die Willis in seinem untersetzten Spiel gekonnt aufnimmt, auch wenn sein ätherisch mildes Lächeln, sein stummes, zaghaftes Staunen allzu offen den Gestus seines Kinderpsychiaters in "The Sixth Sense" zitiert.

Wenn Dunn seine Mission am Ende akzeptiert und der Film auf eine letzte frappierende Wendung zusteuert, wird die Handlung kurzatmiger und episodenhaft, aber auch hier bleibt der epische Grundrhythmus erhalten. "Unbreakable" hat vielleicht nicht die Magie eines "Sixth Sense", die Geschichte ist kälter und lebloser. Diesem Vergleich muss sich Shyamalan stellen allein auf Grund der zeitlichen und auch stilistischen Nähe beider Arbeiten, auch wenn das die eigentlichen Qualitäten seines Films verdeckt. Ihm ist hier ein hintergründiger und formal eigenständiger Thriller geglückt. Und wie es sich für ein gutes Comic gehört, wird es nach erfolgreichem Start in Serie gehen. Von einer Trilogie wird bereits gemunkelt...

"Unbreakable - Unzerbrechlich" ("Unbreakable"). USA 2000. Regie/Buch: M. Night Shyamalan; Darsteller: Bruce Willis, Samuel L. Jackson, Robin Wright, Spencer Treat Clark. Länge: 107 Minuten; Verleih: Buena Vista; Start: 28. Dezember.



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