Neo-noir-Komödie "Under the Silver Lake" Folge dem weißen Häschen

Versteckte Botschaften in der Cornflakespackung: In "Under the Silver Lake" schickt die große Regiehoffnung David Robert Mitchell einen Hipster durch die Schein- und Unterwelten von Los Angeles.

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Ein klassischer Film-noir-Plot, eigentlich. Der nicht mehr ganz junge arbeitslose Hipster Sam (Andrew Garfield) verliebt sich in seine Nachbarin Sarah (Riley Keough). Die beiden verbringen einen Abend miteinander. Am nächsten Morgen ist sie verschwunden. Der verschwörungstheorieaffine Mann macht sich auf die Suche. Er glaubt, dass die Mächtigen der Stadt über ein Wissen verfügen, das sie dem großen Rest vorenthalten. Und er erkennt überall Struktur. Das hat er, so viel wird bald klar, dem Zuschauer voraus.

Sam findet Botschaften und Muster in den rückwärts abgespielten Songs der Band Jesus and the Brides of Dracula, auf Schachbrettern, in einer alten Cornflakespackung und in einem alten Videospielmagazin. Auf seinen erratischen Wegen streift Sam durch ein latent surreal wirkendes Los Angeles. Unermüdlich sammelt er Hinweise, zweieinviertel Stunden lang.

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"Under the Silver lake": Ein zerfranstes Rätsel

David Robert Mitchells "Under the Silver Lake" ist der erste Film des Regisseurs nach seinem 2015 erschienenen Horror-Überraschungshit "It Follows". Der entfaltete seine Geschichte mit traumwandlerischer Stringenz und war bestimmt von einer glasklaren Idee: Das Monster verfolgt die Lebenden, und nur der, der als Nächstes an der Reihe ist, kann es sehen. Es war kein Geheimnis in den Bildern.

"Under the Silver Lake" bildet dazu die dezidierte Antithese: ein kompliziertes Rätsel, das einer Logik folgt, die sich dem Zuschauer nicht erschließen soll. Alles kann passieren.

Wie hier narrative Fäden aufgenommen und wieder fallen gelassen werden, mag damit zu tun haben, dass Mitchell sich nur wenig für seinen Plot und vor allem für filmhistorische Verweise zu interessieren scheint. So hockt Sam (lies: Film-noir-Detektivlegende Sam Spade) auf seinem Balkon und beobachtet die Nachbarn gegenüber wie einst Jeff Jefferies in Hitchcocks "Das Fenster zum Hof". Seine Mutter ruft an und empfiehlt ihrem Sohn den Stummfilm "Das Glück in der Mansarde" mit Janet Gaynor, erschienen 1927.

Ein Traum von Marilyn

Und wenn Sarah dem überwiegend lethargischen Möchtegern-Detektiv in einem seiner Angstlustträume zuwinkt, dann in einer Nachstellung des ikonischen Swimmingpool-Moments mit Marilyn Monroe aus ihrem nicht fertiggestellten letzten Film "Something's Got to Give".

Versteht man "Under the Silver Lake" als Zeichenanballung, erkennt man Wiederholungen, und Wiederholungen stiften Sinn. Immer wieder begegnet Sam für den männlichen Blick zurecht dressierten Frauenfiguren, die nicht mehr anders denn als Stereotypen wahrgenommen werden können - von der personifizierten Unschuld über Lolita bis hin zum Männer fressenden Mensch/Tier-Hybrid.

Immer wieder geht es um die Phantasmen, die das klassische Hollywood-Kino hinterlassen hat. Immer wieder geht es darum, dass diese Bilder ihre Versprechen nicht einlösen und stattdessen dazu beitragen, die Menschen zu verdinglichen. Es geht um Pop als Lüge.


"Under the Silver Lake"
USA 2018
Regie und Drehbuch: David Robert Mitchell
Darsteller: Andrew Garfield, Riley Keough, Topher Grace
Produktion: Vendian Entertainment
Verleih: Weltkino Filmverleih
Länge: 139 Minuten
FSK: ab 16 Jahren
Start: 6. Dezember 2018


Man kann sich die Deutungsarbeit natürlich auch schenken und "Under the Silver Lake" als Atmosphärenkino wahrnehmen. Mitchell und sein Kameramann Mike Gioulakis ("Split", "It Follows") finden wunderschöne Bilder, um die Stadt in Szene zu setzen. Der Soundtrack (wie auch in "It Follows" von Rich Vreeland komponiert) ist großartig - angeschrägte Streicheraufwallungen, die die zunehmende Indifferenz, die sich auch beim wachen Zuschauer schnell einstellt, immer wieder unterspülen.

Das ist die wahrscheinlich beste Möglichkeit, sich angesichts der radikalen Beliebigkeit, die sich auf der Leinwand entfaltet, nicht allzu sehr zu langweilen. Diese Beliebigkeit speist sich nicht aus Achtlosigkeit, sie ist das erzählerische Prinzip des Films. Nur halt kein überzeugendes. Am Schluss gibt es tatsächlich so etwas wie eine Auflösung, die den enormen Aufwand allerdings nicht rechtfertigen kann. So endet "Under the Silver Lake" mit einem der enttäuschendsten Anti-Klimaxe der Kinogeschichte.

Ohne Zärtlichkeit

Mit dem Erfolg von "It Follows" scheint sich für Mitchell dieser eine rare Moment aufgetan zu haben, in dem ein junger Regisseur tun und lassen kann, was er will. Bloß setzt die Freiheit zum Experiment, die Mitchell sich nimmt, keinen erkenntnisträchtigen Seltsamkeiten frei. Filme, die den Zuschauer bewusst enttäuschen, können etwas wunderbar Forderndes, im Wortsinne Ent-täuschendes sein. Eines der vielen impliziten großen Vorbilder zum Beispiel: Paul Thomas Andersons "Inherent Vice".

Die dekonstruierte Detektivgeschichte spielt ebenfalls mit Zuschauererwartungen, Anderson lädt seine Bilder mit Bedeutsamkeit auf - und entlädt sie sogleich wieder. Das fasziniert als Kippspiel, weil man sich um die Figuren sorgt. Eine solche Zärtlichkeit versagt "Under the Silver Lake" sich und dem Publikum aber.

Im Video: Der Trailer zu "Under the Silver Lake"

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Mitchell blickt nicht nur ironisch auf die Kino- und die Popgeschichte, er will auch den eigenen ironischen Blick noch ironisieren. Wenn aber jemand eine Geschichte erzählt und dabei ununterbrochen über die eigenen Witze kichert, kann man irgendwann nicht mehr hören, was er eigentlich sagen will.

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