Sozialfabel "Underdog" In Ungarn rasen die Hunde

Straßenhunde lehnen sich gegen die Menschen auf: Trotz Schwächen gelingt Regisseur Kornél Mundruczó mit seinem Film "Underdog" ein beklemmender Kommentar zur politischen Stimmung in Viktor Orbáns Ungarn.

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Etwas Böses lauert in den Straßen von Budapest: Bewaffnet mit Metallschlingen gehen uniformierte Tierfänger nachts auf die Jagd nach Straßenhunden. Sie kontrollieren Wohnungen auf illegal gehaltene Mischlinge. Sie durchkämmen unter grauem Himmel stoßtruppartig brachliegende Schuttplätze nach Rudeln, um sie in Tierheime zu bringen, in denen der Tod wartet.

Hagen und Lili sind zwei Verbündete gegen den Rest dieser grausamen Welt, in der der ungarische Regisseur Kornél Mundruczó seinen Film "Underdog" ansiedelt, der 2014 bei den Filmfestspielen in Cannes in der Nebenreihe "Un certain regard" ausgezeichnet wurde: Lili, ein Mädchen auf der Schwelle zwischen Kindheit und Jugend, ist emotional vernachlässigt; die Mutter muss eine längere Geschäftsreise antreten; mit dem Vater, bei dem sie zwischenzeitlich wohnen muss, teilt sie eine freudlose Sprachlosigkeit.

Wärme und Zuneigung liefert ihr Hund Hagen. Für ihn spielt Lili auf ihrer Trompete in der Badewanne, nachdem der Vater ihn im Bad eingesperrt hat. Für ihn riskiert sie den Rausschmiss aus ihrem Orchester, als er die Probe stört. Seine prinzipielle Wildheit stellt sie nie in Frage: "Ich mache so was nicht mit dir", sagt Lili zu Hagen, als die beiden einen anderen Hund dabei beobachten, wie er gerade zum "Platzmachen" dressiert wird.

Vom geliebten Haus- zum ausgebeuteten Nutztier

Natürlich geht das nicht lange gut, denn die Gesellschaft lässt für diese Liebe zwischen Mensch und Hund keinen Raum. Weil auf Mischlinge eine Sondersteuer gezahlt werden muss, wird Hagen von Lilis Vater ausgesetzt. Auf der Straße wird der Hund vom geliebten Haus- zum ausgebeuteten Nutztier: Von einem Obdachlosen an einen zwielichtigen Geschäftsmann verkauft, wird Hagen für Hundekämpfe abgerichtet, zur Killermaschine gedopt, die Zähne scharf gefeilt für den tödlichen Biss.

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"Underdog": Hilfe, die Hunde kommen!
Als er nach einer schmerzhaften Odyssee durch die dunkleren Ecken Budapests von den Hundefängern aufgegriffen wird und im Tierheim getötet werden soll, kommt es zum Aufstand: Unter Hagens Kommando setzen Hunderte Hunde an, das zu attackieren, was sie kaputt gemacht hat. Als dampfende Fellmasse hetzt der Mob durch die Stadt.

"Underdog" wirkt wie ein Vierbeiner-Update von Hitchcocks Horrorklassiker "Die Vögel", in dem das Ausrasten der Tiere ja vor allem dazu dient, eine zunehmend beklemmende Welt zu spiegeln. Der gesellschaftskritische Ansatz von "Underdog" liegt auf der Hand: Anders als das Nachbarland Rumänien hat Ungarn kein ganz so massives Problem mit Straßenhunden.

Dafür hat es mit Viktor Orbán aber einen rechtskonservativen Ministerpräsidenten, der sein Land durch Verfassungsänderungen in den letzten Jahren schrittweise entdemokratisierte, zwischenzeitlich mit der Einführung der Todesstrafe liebäugelte und Minderheiten, vor allem Roma und asylsuchende Flüchtlinge, mit Repressalien diskriminiert.

"Underdog" nutzt sein Tiermotiv, um den Horror angesichts dieser Entwicklung plakativ zu schildern; wenn die Hunde stellvertretend für die Unterdrückten Ungarns ihr Unrecht blutig gegen die Menschen wenden, sich gegen Autoscheiben werfen und Marktstände plündern, symbolisiert das viel Verzweiflung - ein Entkommen aus der Gewaltspirale scheint nicht mehr möglich.

Mundruczós Sozialfabel geht trotzdem nicht ganz auf. Das liegt vor allem an erzählerischer Unentschlossenheit: Denn der Regisseur, der auch am Drehbuch mitschrieb, erzählt mit der Vaterbeziehung und dem Coming-of-Age von Lili auch noch ein individuelles Melodram, das auf einer allzu hoffnungsvollen Note endet. Selbst Hagen schenkt er, als dieser längst schon nicht mehr nur andere Hunde tötet, einige gefühlige "Susi und Strolch"-Momente, wenn er mit einem anderen Mischling feuchte Hundeblicke austauscht.

Solche Disney-Effekte schwächen letztlich die Schlagkraft der bitteren Systemkritik, weil der Regisseur ein richtiges Leben im Falschen plötzlich doch möglich macht. Etwas weniger Kitsch hätte diesen "Underdog" zupackender gemacht.

Sehen Sie hier den Trailer zu "Underdog":

"Underdog"

    Ungarn, Deutschland, Schweden 2014

    Regie: Kornél Mundruczó

    Drehbuch: Kornél Mundruczó, Viktória Petrányi, Kata Wéber

    Darsteller: Zsófia Psotta, Sándor Zsótér, Lili Horváth

    Produktion: Proton Cinema, Filmpartners, The Chimney Pot, ZDF/Arte

    Verleih: Delphi Filmverleih

    Länge: 121 Minuten

    FSK: ab 12 Jahren

    Start: 25. Juni 2015

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debattierer 26.06.2015
1. Ja sicher wieder Orbán
Ich freue mich, dass Ungarn mehr internationale Filme auf den Markt bringt. Das Land hat eine lange und qualitativ sehr hochwertige Film-Vergangenheit. Aber jetzt überall Orbán miteinfließen lassen.. Das ist ja so als würde man sagen, dass der Tatort (und andere Produktionen) deshalb so langweilig und überschauber ist weil Angela Merkel seit 10 Jahren auf dem Thron sitzt.
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