Psychotriller "Unsane" Wer ist hier verrückt?

Regisseur Steven Soderbergh hat seinen Thriller "Unsane" ausschließlich mit dem iPhone gedreht. Das schafft eine beklemmende Nähe - zu der großartigen Claire Foy als Getriebene.

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Da ist eine seltsame, nicht ganz zu durchschauende, vielleicht komplizenhafte Verbundenheit zwischen Claire Foys Gesicht und der Kamera. Konkret: zwischen einem Gesicht mit kühler, aristokratischer Strenge, dessen Züge aber immer wieder zu leichten Grimassen verrutschen können und einer iPhone-Kamera, die wie keine andere Kamera jedes noch so kleine Verrutschen dokumentieren kann.

Diese innere und eben nicht ganz zu entschlüsselnde Beziehung ist die Herzkammer von Steven Soderberghs Psychiatrie-Psychothrillers "Unsane". Jener Film, der - zwar außer Konkurrenz - im diesjährigen Wettbewerb der Berlinale gezeigt wurde, und der von Soderbergh in nur zehn Drehtagen mit einem iPhone aufgenommen wurde.

Claire Foy - bekannt vor allem für ihre Rolle als Queen Elizabeth in der Serie "The Crown" (eine aristokratische Paraderolle) - spielt darin eine unnahbare Bankerin in mattfarbener, nicht ganz bis oben hin zugeknöpfter Ehrgeizlings-Bluse, die seit einiger Zeit von einem Stalker verfolgt wird.

Claire Foy zu "Unsane" und dem Gender Pay Gap

Job und Wohnort hat sie schon gewechselt, nachdem ihr bereits von einem Sicherheitsexperten angeraten wurde, das Auto nur noch unter Laternen zu parken, Facebook- und Instagram-Profile zu löschen und sich vorsichtshalber eine Waffe zuzulegen.

Psychoforensisches Horrorszenario

Aber auch in ihr neues Leben bricht das alte herein. Zuerst als Trauma, etwa wenn Sawyer Valentini, so heißt Foy in diesem Film, einen eigentlich charmanten und von der seltenen Schönheit ihres Namens entzückten Tinder-Unbekannten abblitzen lässt; später dann als konkrete aber nicht lokalisierbare Gefahr, wenn David Strine (Joshua Leonard), ihr beängstigend friedvoll wirkender Stalker, abermals und urplötzlich die privatesten Winkel ihrer Privatsphäre infiltriert.

Eine Verhaltenstherapie soll helfen. Allerdings führen ein erstes Psychologengespräch in der Privatklinik Highland Creek und die gedankenlose, ziemlich genervte Unterzeichnung eines Proforma-Dokuments zur unverzüglichen Zwangseinweisung Sawyers.

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Steven Soderberghs Thriller "Unsane": Horror auf dem Handy

Sie sei eine Gefahr für sich selbst und andere, heißt es - und den Wunsch, sich in stationäre Behandlung zu begeben, hat sie aus Nachlässigkeit selbst mit ihrer Unterschrift bekräftigt. Ein schäbiges, aber äußerst gewinnbringendes Geschäftsmodell: Sawyer verfügt über eine zahlungsbereite Krankenversicherung, die Privatanstalt über belegbare Betten.

Und es passt zu der nervösen Getriebenheit von "Unsane", dass sich daraus keine Kritik am privatisierten Gesundheitssystem der USA herausschält. Vielmehr bleibt es bei dieser neoliberalismuskritischen Maulschelle und der Film muss sich fortan nur noch um sein psychoforensisches Horrorszenario bemühen.

Das wird etabliert, weit bevor Strine mit einem Mal als Pfleger im Highland Creek aufkreuzt und sich das Geschehen von einer quasibewusstlosen Opiat-Dizzyness über die andere bis in den obligatorischen Gummizellen-Showdown entspinnt.

Dieses Horrorszenario wird bereits in dem Moment etabliert, in dem wir Sawyers Gesicht das erste Mal in Großaufnahme am Telefonhörer sehen, als sie realisiert, dass kein Anwalt und kein Polizist der Welt sie aus dieser selbstverschuldeten Unmündigkeit herausführen kann. In dem Moment, in dem sie erkennt, dass die totale Fremdbestimmung über sie und ihren Körper längst und unwiderruflich eingesetzt hat. Mit lawinenhafter Intensität bricht ein mimischer Abgang über ihr Gesicht herein: von einem racheschnaubenden Aufbegehren bis zum Endstadium der Panik.


"Unsane - Ausgeliefert"
USA 2018
Regie:
Steven Soderbergh
Drehbuch: Jonathan Bernstein, James Greer
Darsteller: Claire Foy, Joshua Leonard, Amy Irving, Jay Pharaoh
Produktion: Extension 765, New Regency Pictures, Regency Enterprices
Verleih: 20th Century Fox
FSK: ab 16 Jahren
Länge: 98 Minuten
Start: 29. März 2018


Genau in solchen Szenen findet der eigentliche Hochbetrieb dieses Films statt, den Soderbergh - quasi im Alleingang, wie der gefühlt nur ein paar Sekunden dauernde Abspann zeigt - zwischen zwei PR-Touren zu seinem Vorgängerfilm "Logan Lucky" aus dem Ärmel schüttelte.

Unheimliche Nähe zwischen iPhone-Linse und den Gesichtern

Und das ist vor allem seiner großartigen Hauptdarstellerin zu verdanken. Dieses Spiel wiederum - und das ist der springende Punkt - wäre unter anderen filmischen Voraussetzungen gar nicht denkbar. Denn die ausgestellte Schäbigkeit des digitalen Smartphone-Looks, die (im mehrfachen Sinne des Wortes) Schrägheit, aus der es gefilmt wurde, zusammen mit der Schäbigkeit der Klinikinnenräume bilden eine Art Bildtextur. Darin gibt es schlicht nichts anderes zu suchen und erst recht nichts anderes zu finden als die naturgewaltigen Verschiebungen auf Claire Foys Gesicht.

Der Horror von "Unsane" entspringt nicht dem ziemlich hingeknallten Stalking-Opfer-Täter-Bauplan; er entspringt dieser unheimlichen Nähe, diesem monströsen, weil unerforschlichen Pakt zwischen der iPhone-Linse und dem Gesicht, das sie filmt.

Das Bild, das Foy gemeinsam mit der Kamera entwirft - und da wird die Sache dann wirklich gespenstisch - ist ein immer unkontrolliertes, unkontrollierbares, immer spontanes, unmittelbares, eigensinniges, völlig ungeschminktes und unschminkbares, ja, dokumentarisches.

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