"Unsere kleine Schwester" Kino, das glücklich macht

Durch einen Tunnel aus rosafarbenen Kirschblüten und die Wunderkerzen bei einer nächtlichen Kimono-Party: Dieser Film bringt Sie gut über den Winter. Mit dem hinreißend schönen Familienstillleben aus Japan.

Von Jörg Schöning

Pandora

Kamakura ist eine Stadt an der japanischen Pazifikküste, 50 Kilometer südwestlich von Tokio. Touristen schätzen den Strand und die Tempel, von denen es hier eine ganze Menge gibt. Kamakura war einmal Regierungssitz, bis zum Sturz der Hj-Dynastie. Das war im Jahre 1333. Danach hat man aus Kamakura nicht mehr viel gehört. Aktuellen Reiseführern ist zu entnehmen: Das Licht und die Küche in Kamakura sind mediterran. Und so herzerwärmend wie ein ganzes Jahr am Mittelmeer fühlt sich der Film des Regisseurs Hirokazu Kore-eda, der hier spielt, dann auch an.

Für das menschliche Glück, das sich dem Film zufolge in der Berührung durch Schönheit einstellt, sorgt dieser schon mal gleich selbst. Zu diesem Zweck hat Kore-eda die Höhepunkte einer ganz unspektakulären Filmerzählung ins Visuelle verlagert. Geradezu sensationell wirken das Luftbild eines Fischkutters während eines Feuerwerks, eine Fahrradfahrt durch einen Tunnel aus rosafarbenen Kirschblüten oder die Wunderkerzen bei einer nächtlichen Kimono-Party.

Der Japaner wurde international bekannt mit dem Familiendrama "Like Father, Like Son", für das er 2013 beim Festival in Cannes den Jury-Preis gewann. Schon vorher galt er als der legitime Erbe des "japanischsten aller japanischen Regisseure", des für seine stillen Familiendramen berühmten Filmemachers Yasujir Ozu (1903-1963). In immer wieder leicht veränderten Varianten schildert dessen umfangreiches Werk die Auflösung überkommener Familienbanden im sozialen Modernisierungsprozess. Die in Japan geradezu geheiligte heile Familie war für ihn ein ideales Konstrukt, das der Wirklichkeit nicht standhalten konnte. Diesen charakteristischen Ozu-Touch hat Kore-eda ins 21. Jahrhundert hinübergetragen. Auch sein neuer Film ist ein sehr modernes Familienstillleben.

Vor 15 Jahren hat der Vater dreier Schwestern seine Familie wegen einer anderen Frau verlassen. Mittlerweile haben Sachi, Yoshino und Chika auch zur Mutter nur noch losen Kontakt. Der Vater, der inzwischen in dritter Ehe verheiratet war, ist nun verstorben, und zu seiner Beisetzung reisen die drei Schwestern aus Kamakura an. Sachi ist die älteste von ihnen und wirkt mütterlich vernünftig, Yoshino eher flippig und Chika fast ein bisschen crazy. Aber Sachi (Haruka Ayase), ganz der Typ Klassensprecherin, hat sie fest im Griff. Es ist dann auch ihre Idee, Suzu zu "adoptieren", die Tochter aus der zweiten Ehe des Vaters, einen schüchternen Teenager, und so lädt sie ihre kleine Schwester (Suzu Hirose) in ihr Haus nach Kamakura ein.

Modernes Familienstillleben

Über ein Jahr lang - unter Auslassung eines spürbaren Winters - verfolgt Kore-eda den Prozess einer gelingenden Integration, von der auch die drei älteren Mädchen profitieren. "Was habt ihr gesagt?", möchte Suzu am Ende dieses Jahres bei einem Strandspaziergang von ihren Schwestern wissen, als die sich hinter ihrem Rücken miteinander unterhalten. "Nichts Wichtiges!", kriegt sie zur Antwort, und ein wenig ist das gelogen, aber trotzdem ist es irgendwie wahr. Denn bloß, wie sehr sie ihre kleine Schwester mögen, haben sich die drei versichert, und das ist ja nun wirklich ein bisschen banal. Wie eigentlich das Allermeiste, was im Laufe des Films so geredet wird. Aber in der Summe ist es für das menschliche Zusammenleben dann eben doch ganz elementar.

Wie beiläufig dahingetupft reihen sich die Szenen aneinander, aus denen sich nur einmal so etwas wie echte Dramatik entwickelt - wenn sich nämlich eine Grille in die Duschkabine verirrt und damit für Panik sorgt wie in westlichen Komödien eine Maus. Absolut harmonisch gestaltet sich das Zusammenleben des Kleeblatts in einem Heim, das mit seinem verwunschenen Garten eine heimelige Mischung aus Baumhaus und Villa Kunterbunt ist und in dem es zwischen den Schwestern zum Streit höchstens einmal um die Frühstückscreme kommt und um den unlösbaren Dissens: Soll sie körnig sein oder schmierig?

Trotzdem spart der Film die großen schwierigen Fragen nicht aus. Sachi ist Krankenschwester und wird Leiterin einer Abteilung für Palliativmedizin; ihr Freund ist verheiratet und geht demnächst in die USA - soll sie ihm folgen? Eine nahe Bekannte der vier stirbt an Krebs, und als die Mutter der drei Älteren in der jüngeren nur "die Tochter der Frau, die die Familie zerstört hat", sehen will, stellt dies die Grundlagen eines verantwortungsvollen Miteinanders infrage.

Das gänzlich Undramatische der äußeren Geschehnisse verdankt der Film seiner Drehbuchvorlage. "Unsere kleine Schwester" beruht auf einer Manga-Serie der Zeichnerin Akimi Yoshida. Sechs Bände ihres "Umimachi Diary", des "Tagebuchs einer Küstenstadt", sind seit 2007 erschienen, und wahrscheinlich ziehen deren Schauplätze in Kamakura inzwischen mehr Touristen an als alle Tempel in der Stadt. Die Verfilmung dürfte ihr nun den größten Besucherstrom seit 1333 bescheren - als ein Wallfahrtsort für die Fans des Unspektakulären.

Im Video: Der Trailer von "Unsere kleine Schwester"

Unsere kleine Schwester

Japan 2015

Originaltitel: Umimachi Diary/Our Little Sister

Buch und Regie: Hirokazu Kore-eda nach der Vorlage von Akimi Yoshida

Darsteller: Haruka Ayase, Masami Nagasawa, Kaho, Suzu Hirose, Ryo Kase, Ryohei Suzuki

Produktion: Gaga Toyko

Verleih: Pandora

Länge: 128 Minuten

Start: 17. Dezember 2015

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insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
io_gbg 18.12.2015
1.
"Danach hat man aus Kamakura nicht mehr viel gehört." Nicht? Viele Menschen werden die weltberühmte Buddha-Statue kennen: https://de.wikipedia.org/wiki/Kōtoku-in
windpillow 18.12.2015
2. Sehr zu empfehlen
Ein starker Film. Erinnert in der Machart und Konzeption ein bisschen an -wer ihn kennt- "Eat Drink Man Woman" ein taiwanesischer Film 1994, von Ang Lee.
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