"Unterwegs nach Cold Mountain" Nur die Liebe fehlt

Der Schein trügt: Anthony Minghellas Bürgerkriegsepos "Unterwegs nach Cold Mountain" hat fast alles, was ein zukünftiger Kino-Klassiker braucht. Allein seine hochkarätigen Hauptdarsteller schaffen es nicht, der Geschichte einer Angst und Schrecken überdauernden Sehnsucht Leben einzuhauchen.

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"Cold Mountain", Hauptdarsteller Kidman, Law: So wenig spielte sich selten ab
REUTERS

"Cold Mountain", Hauptdarsteller Kidman, Law: So wenig spielte sich selten ab

Die Voraussetzungen konnten besser nicht sein. Schon zu Beginn regte sich Empörung unter amerikanischen Kinogranden und Kritikern: Ausgerechnet ein Engländer bekam von Miramax-Mogul Harvey Weinstein ein komfortables 83-Millionen-Dollar-Budget, um den literarisch durchaus anspruchsvollen Bestseller "Unterwegs nach Cold Mountain" über eine Liebe im Schatten des amerikanischen Bürgerkriegs zu verfilmen. Und dann besaß dieser Europäer auch noch die Frechheit, sein Epos über die immer noch empfindliche Historie nicht im teuren Hollywood, sondern im Billiglohnland Rumänien zu drehen, mit einem Briten und einer Australierin in den Hauptrollen.

Es gab also die berechtigte Hoffnung, dass "Cold Mountain" ein Film werden würde, der sich vom Hollywood-Mainstream wohltuend abhebt. Manchmal sind die Blicke eines Außenstehenden auf die schmerzhaften Kriegswunden eines Landes klarer und gnadenloser. Ridley Scott, ebenfalls ein Brite, schuf mit "Black Hawk Down" ein entlarvendes Actiondrama über den US-Einsatz in Somalia, der Amerikaner Steven Spielberg wiederum drehte mit "Schindlers Liste" einen der emotionalsten Filme über den Holocaust. Nun sollte sich also der Lovestory-Spezialist Anthony Minghella an der Schilderung des amerikanischen Civil War versuchen.

Schlachtenszene aus "Cold Mountain": Blutigbraun getönte Apokalypse
Buena Vista

Schlachtenszene aus "Cold Mountain": Blutigbraun getönte Apokalypse

So weit, so gut, denn an der Darstellung der Kriegsgräuel scheitert "Cold Mountain" nicht. Erfahrungen mit Liebenden im Krieg sammelte Minghella bereits mit seinem schwer kitschigen Sehnsuchtsdrama "Der englische Patient". In "Cold Mountain" versucht er nun ganz offensichtlich an Spielbergs erbarmungslose Anfangssequenz aus "Der Soldat James Ryan" heranzureichen: Die ersten 15 Minuten des Films sind in Kanonendonner, spritzenden Schlamm, menschliche Schmerzensschreie und wabernden Pulverqualm getaucht - eine blutigbraun getönte Apokalypse, die den Irrsinn eines Bürgerkrieges hinreichend brutal vor Augen führt.

Doch um den Krieg geht es in Charles Fraziers "Cold Mountain" eben nur am Rande. Der Roman erzählt die Geschichte der gebildeten Südstaatentochter Ada aus der Großstadt Charleston, die mit ihrem Vater in das ländliche Cold Mountain im Herzen North Carolinas zieht: saftige Wiesen, einfache Leute, schneebedeckte Berge. Die feingeistige Ada verliebt sich in Inman, einen aufgeweckten, aber äußerst wortkargen Schreiner. Die knospende Romanze wird jedoch vom Krieg unterbrochen. Einen einzigen innigen Kuss tauschen die Liebenden, dann folgt Inman den anderen jungen Männern seines Dorfes an die Front.

Bürgertochter Ada (Nicole Kidman): Kalt eingelegter Fisch
Buena Vista

Bürgertochter Ada (Nicole Kidman): Kalt eingelegter Fisch

Es dauert Monate, bis er zurückkehrt. Während Inman im Gemetzel schwer verletzt wird, schließlich desertiert und sich auf eine von Homer inspirierte Odyssee zurück nach Cold Mountain begibt, muss sich Ada den Widrigkeiten an der Heimatfront stellen. Als ihr Vater stirbt, droht sie - unfähig die Farm alleine zu versorgen - zu verarmen. Schurkische Heimatschutzmilizen terrorisieren die Zurückgebliebenen mit immer grausameren Schikanen. Hoffnung keimt erst auf, als die burschikose Ruby (Renée Zellweger) auftaucht und die Großstädterin allmählich landtauglich macht. Währendessen durchstreift Inman in mehreren Episoden das Sittenbild eines vom Krieg zerrütteten Landes. Die vom Schicksal desillusionierten Liebenden retten sich durch diese düsteren Zeiten mit der Sehnsucht nacheinander. Das bloße Glücksversprechen ihrer flüchtigen Romanze lässt sie überleben.

Es ist eine schöne Geschichte, die Frazier in seinem Buch erzählt: Die Liebe allein überdauert Krieg, Leid und Entbehrung. Doch eine Meta-Liebe wie diese ist mit filmischen Mitteln schwierig zu erzählen, da die Protagonisten über weite Strecken der Story nun einmal nicht zusammen sind. Hier sind vor allem die Darsteller gefragt, und Minghella verfügt mit Nicole Kidman und Jude Law über Mimen, die zu Hollywoods A-Klasse gehören.

Schreiner Inman (Jude Law): An die Wand gespielt
Buena Vista

Schreiner Inman (Jude Law): An die Wand gespielt

Beide schaffen es dennoch nicht, der Fernliebe ihrer Figuren Leben einzuhauchen. Law, dem der Intellekt ins fein geschnittene Gesicht geschrieben steht, versagt in der Darstellung des geradlinigen Inman auf ganzer Linie und lässt sich von den zahlreichen Nebendarstellern, die ihm auf seinem Weg begegnen (unter anderen Philip Seymour Hoffman, Natalie Portman) an die Wand spielen - oftmals ohne dabei eine Miene zu verziehen.

Nicole Kidman macht als gepuderte Bürgertochter, die Klaviersonaten spielt, aber nicht weiß, wie man eine Kuh melkt, zwar eine weitaus bessere Figur als unlängst als White-Trash-Schlampe in "Der menschliche Makel", doch kommt die ihr eigene Emotionslosigkeit umso frappierender zur Geltung, als sie auf die impulsive Renée Zellweger trifft. Kidman wirkt ungefähr so lodernd und sehnend wie ein kalt eingelegter Fisch, derweil sich Law hohläugig und desperat zu ihr zurückschleppt. Selten spielte sich zwischen einem Hollywood-Liebespaar weniger ab, da nützt auch eine offenherzige Sexszene am Schluss nichts mehr.

Das Problem des Films offenbart sich am eklatantesten, als Inman auf einer seiner Stationen bei einer Soldatenwitwe (toll: Natalie Portman) unterschlüpft, Homer zitierend ist sie die Circe, die den Wandernden vom rechten Pfad abbringen soll. Sie erhofft sich körperlichen Ersatz für ihren gefallenen Ehemann und einen neuen Vater für ihren nur Monate alten Sohn. Natürlich bleibt Inman zölibatär, doch wenn man sich als Zuschauer unwillkürlich fragt, warum er nicht einfach bleibt und die weitaus weniger verführerisch wirkende Ada in den Wind schießt, dann weiß man, dass etwas nicht stimmen kann.

Landei Ruby (Renée Zellweger): Blondes Girl statt schwarze Sklavin
Internationale Filmfestspiele Berlin

Landei Ruby (Renée Zellweger): Blondes Girl statt schwarze Sklavin

Unterdessen kommen Ada und Ruby als Frauen-Team daheim in Cold Mountain prächtig alleine klar. Wozu da noch Männer? Zumal das vermeintlich starke Geschlecht ohnehin im ganzen Film als zwiespältiger Haufen Schwächlinge dargestellt wird. Am Ende, wenn beide Handlungsstränge in einen Western-Showdown reinsten Wassers münden und Minghella ein allzu versöhnliches Happy End entwirft, bleibt man nach 155 reichhaltigen Minuten reichlich ratlos zurück.

So bleibt trotz aller guten Voraussetzungen nur die grandiose Kulisse eines großen Films übrig. Brillante Nebendarsteller wie Zellweger, Brendan Gleeson, Ray Winstone oder White-Stripes-Musiker Jack White sorgen für bewegende Kinomomente. John Seales Kameraarbeit ist beeindruckend und weist der rumänischen Südstaatenlandschaft eine weitere Hauptrolle zu. Die Musik von T-Bone Burnett ("O Brother, Where Art Thou?") verdichtet alles zu einem Breitwandepos in guter alter Hollywood-Manier, einem Film eigentlich, der allemal das Zeug hätte, zukünftig als Klassiker zu gelten. Wenn ihm nicht die Seele fehlte.

Ein Blick in die Kino-Annalen hätte Minghella vielleicht geholfen. Seit nunmehr 65 Jahren gibt es einen Film, der eine flammende Südstaaten-Lovestory vor dem Hintergrund der Bürgerkriegswirren entwirft und es dabei sogar schafft, den ewigen Makel der Sklaverei zu thematisieren. Eine politische Dimension übrigens, um die sich Minghella geflissentlich herumdrückt, indem er seine Ruby, in Fraziers Roman eine Afro-Amerikanerin, mit dem blonden All-American-Girl Zellweger besetzt.

Der Klassiker, von dem die Rede ist, heißt übrigens "Vom Winde verweht" und wurde von den Amerikanern David O. Selznick (Produktion), Victor Fleming und George Cukor (Regie) in Hollywood gedreht. Manchmal können es die Einheimischen eben auch besser.


Unterwegs nach Cold Mountain (Cold Mountain)


USA 2003. Regie: Anthony Minghella. Buch: Anthony Minghella, Charles Frazier (Roman). Darsteller: Nicole Kidman, Jude Law, Renée Zellweger, Donald Sutherland, Ray Winstone, Philip Seamour Hoffman, Natalie Portman, Brendan Gleeson, Jack White, Kathy Baker, Giovanni Ribisi, Eileen Atkins. Produktion: Miramax Films, Bona Fide Productions, Mirage Enterprises. Verleih: Buena Vista. Länge: 155 Minuten. Start: 19. Februar 2004





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