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US-Denker Dreyfus über "The Matrix": Der philosophische Salat der Wachowski-Brüder

Der amerikanische Philosoph und Artificial-Intelligence-Forscher Hubert L. Dreyfus, 74, hat sich intensiv mit dem Phänomen der erfolgreichen "Matrix"-Filmtrilogie beschäftigt. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE führt er das Grundkonzept der Science-Fiction-Saga auf Descartes zurück und zeigt philosophische Ungereimtheiten auf.

Filmszene aus "The Matrix" (1999), Laurence Fishburne als Morpheus: "Könnten wir Gehirne in Glastanks sein?"
Warner Bros.

Filmszene aus "The Matrix" (1999), Laurence Fishburne als Morpheus: "Könnten wir Gehirne in Glastanks sein?"

SPIEGEL ONLINE:

Herr Dreyfus, die Filme der "Matrix"-Reihe waren wirtschaftlich große Erfolge. Aber sie gelten unter Fans nicht nur als Blockbuster mit vielen Explosionen und Kämpfen wie andere Hollywoodproduktionen. Was denken Sie, war so besonders an den Filmen, dass so viele von ihnen fasziniert waren?

Hubert L. Dreyfus: Ich denke, der Film stellt einige tiefgehende philosophische Fragen über unsere Zeit, über die Moderne, und entwirft die interessante Variation, die Moderne mit Computerspielen und Virtual Reality zu kombinieren. Sogar Menschen, die sich nicht mit Philosophie beschäftigen, spüren, dass es etwas Wichtiges ist, sich zu fragen, was es heißt, ein Mensch zu sein und womit die Welt im Film konfrontiert ist. Vor allem der erste der "Matrix"-Filme berührt diese Fragen.

SPIEGEL ONLINE: Was, würden Sie sagen, ist der philosophische Hintergrund des Films?

Dreyfus: Die philosophische Frage ist, dass wir - tatsächlich - Gehirne in Glastanks sein könnten. In einem gewissen Sinn sind wir es sogar: Unsere Köpfe sind die Behälter! Das Problem, mit dem wir uns befassen müssen, geht zurück auf Descartes. Vor dessen Zeit - also um 1600 - hatten die Menschen keine Vorstellung davon, dass sie in gewisser Weise innerhalb ihres Geistes und innerhalb ihres Gehirns waren und dass es so etwas wie eine äußere Welt geben könnte. Wie, wenn wir nur unsere Gedanken kennen, die in unserem Verstand sind - das ist was Descartes sagt - können wir dann jemals wissen, ob es etwas außerhalb gibt und was das sein könnte. Heutzutage ist diese Innerlichkeit ein weit verbreitetes existenzielles Gefühl, aber vor Descartes war dieses unbekannt.

Filmszene aus "Matrix Reloaded" (2003), Carrie-Anne Moss als Trinity: "Die Körper der Matrix-Bewohner sind real"
Warner Bros.

Filmszene aus "Matrix Reloaded" (2003), Carrie-Anne Moss als Trinity: "Die Körper der Matrix-Bewohner sind real"

Descartes gibt das Beispiel, dass sogar unsere Körper außerhalb sind. Er bemerkt, dass Menschen, die ein Bein verloren hatten, noch immer Schmerzen in ihm fühlen konnten. Was heißen muss, dass der Schmerz im Geiste ist und nicht im Bein, das ja weg war. Also ist sogar der Körper in unserem Geist. Und obwohl sich heutzutage niemand damit beschäftigen muss, außer man studiert Philosophie, glaubt es in irgendeiner Weise jeder. Also, alles was passiert, geschieht letztendlich im Gehirn. "The Matrix" ist zwar ein wenig verworren was das betrifft, aber das sind die Philosophen auch.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es einen signifikanten Unterschied zwischen einem Leben in der Matrix und einem außerhalb?

Dreyfus: Das ist eben das Interessante. Denn in gewisser Weise gibt es keinen Unterschied zwischen einem Leben in der Matrix und außerhalb. Descartes hat ausgeführt, dass alles innerlich sei. Kant betonte später, dass da eine gemeinsame Welt wäre, die wir alle teilen. Diese hat ihre Ursache in etwas, das wir nicht kennen. Aber dieses Etwas wirkt auf uns. Nicht im Sinne unseres Körpers oder auch Gehirns, sondern auf etwas, das er das Noumenon (etwa: Verstandesding, d. Red.) nennt. Aus dieser Interaktion zwischen dem Ding an sich und den Noumena entsteht die "phänomenologische Welt", die Welt der Erscheinungen. Aber Kant meinte nicht, dass diese eine Illusion wäre. Es ist diese, unsere Welt, dies ist die phänomenologische Welt, die Welt der Erscheinungen nach Kant. Daher ist die Welt der Matrix - Kant zufolge - der realen Welt sehr ähnlich. Und die Menschen in den Glastanks sind demzufolge in einer anderen "realen" Welt.

SPIEGEL ONLINE: Also wenn Neo im ersten Teil der Trilogie die rote Pille nimmt und er in dieser erschreckenden, düsteren Welt aufwacht, heißt das nicht, dass er in der "realen" Realität ist, sondern nur, dass er in einer anderen, aber gleichwertigen Realität ist.

Szene aus "Matrix Reloaded", Keanu Reeves als Neo: "Einige Menschen werden nicht in Ruhe gelassen"
REUTERS

Szene aus "Matrix Reloaded", Keanu Reeves als Neo: "Einige Menschen werden nicht in Ruhe gelassen"

Dreyfus: Richtig. Die Realität, in die Neo erwacht, und die Leute, die sie bewohnen, sind auf gewisse Weise zwar in einer "realeren" Realität, aber das macht für die Menschen in der Matrix keinen großen Unterschied. Der Unterschied besteht darin, dass es in der echten Welt ein Universum gibt und dass es die kausalen Prozesse des Universums sind, die alles verursachen. In der Welt der Matrix gibt es kein Universum. Dort ist es der Computer und seine Kausalitäten, die alles geschehen lassen. Das ist aber nicht weiter wichtig. Wichtig ist, dass beide Welten - die der Matrix und die außerhalb - objektive Welten sind.

Die Menschen darin teilen ein gemeinsames Verständnis von Wahrheit, sie leben und sterben darin, die Körper der Matrix-Bewohner sind real. In einer gewissen Weise sind diese Körper sogar realer als die in den Glastanks außerhalb der Matrix, denn diese sind ja nur Batterien. Wenn wir in der Matrix wären, dann wären unsere Körper diejenigen, die uns der Computer seit unserer Geburt gegeben hätte. Aber mit unserem eigentlichen Körper haben wir nichts zu tun. Im Tank könnte ich ein kleiner, weißer Computer-Freak sein, aber der Computer könnte mir in der Matrix den Körper eines afroamerikanischen Basketballspielers geben. Das wäre mein realer Körper, denn dies ist der Körper den ich kenne und benutze.

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem gibt es einen wichtigen Unterschied zwischen der echten Welt, in die Neo erwacht, und der Welt der Matrix.

Dreyfus: Ja, aber es ist sehr schwierig, diesen herauszufinden. Unter den Philosophen, die über "The Matrix" geschrieben haben (z.B. auf der Website von Warner Bros.) gibt es viele Diskussionen darüber, ob Cypher, der Verräter im ersten Teil, etwas Richtiges oder Falsches getan hat, als er sich entschloss, die "Wüste des Realen" zu verlassen und in die Matrix zurückzukehren, in der es Steaks und guten Wein gibt. Die Kinobesucher fühlen, dass er etwas Verwerfliches tat, dass etwas nicht stimmt mit der Entscheidung, sich mit der Matrix abzufinden. Aber alles, was wir bisher festgestellt haben, scheint das nicht zu unterstützen. Auch der Film selbst scheint nicht ganz klar zu sein. Tatsächlich ist da ein Widerspruch zwischen dem, was Morpheus im ersten Teil sagt und dem, was letztlich passiert.

Morpheus sagt, was falsch an der Matrix ist, sei, dass wir alle Sklaven wären. Dass wir von Maschinen kontrolliert würden, denen wir als Batterien dienen. Eine Batterie zu sein scheint ein schlechtes Leben zu sein. Ein Philosoph von der Universität Princeton, James Pryor, sagt, das Problem der Matrix wäre kein epistemologisches, kein Problem von Wahr oder Falsch. Es wäre auch kein metaphysisches Problem. Er sagt, das Problem ist politischer Natur, eines der Kontrolle. Die Menschen in der Matrix sind Sklaven und niemand sollte sich - wenn wir an Cypher denken - dazu entschließen, ein Sklave zu sein. Ich denke aber, dass Pryor damit Unrecht hat. Ein Sklave zu sein, hieße nicht fähig zu sein, sein Leben nach seinen eigenen Vorstellungen und Wünschen zu gestalten. Aber die meisten Menschen in der Matrix werden darin gar nicht gestört. Sie leben, sterben, lieben, arbeiten, treffen Entscheidungen und tun alles, was sie wollen. Einige von ihnen handeln moralisch, andere nicht und so weiter. Sie scheinen keine Sklaven zu sein.

Aber einige Menschen - wie Neo - werden nicht in Ruhe gelassen. Agent Smith tritt auf, sie lassen seinen Mund verschwinden und injizieren ihm dieses Überwachungsgerät. Solange also die Maschinen in das Leben der Menschen derart eingreifen ist es wahr, dass einige Menschen - ein wenig zumindest - versklavt sind. Der Punkt aber daran ist, dass sie nicht Sklaven sind, weil sie Batterien sind. Man kann es so betrachten, dass das Batterie-Dasein außerhalb ihres Erfahrungshorizonts liegt. Sie können sich nicht daran stören, weil sie es nicht einmal wissen.

Szene aus "Matrix Revolutions" (2003), Hugo Weaving als Agent Smith: "Einfach mehr sinnlose Kämpfe, mehr Agent Smith und schrecklich schlechte, freudlose Action"
Warner Bros.

Szene aus "Matrix Revolutions" (2003), Hugo Weaving als Agent Smith: "Einfach mehr sinnlose Kämpfe, mehr Agent Smith und schrecklich schlechte, freudlose Action"

SPIEGEL ONLINE: In einem Aufsatz, den Sie zum Thema "Matrix" geschrieben haben, zitieren Sie Heidegger, wonach die Natur des Menschen darin bestünde, dass er fähig wäre, seine eigene Natur neu zu definieren und sich dadurch neue Welten zu eröffnen. Das aber wäre nicht möglich in der Matrix.

Dreyfus: Genau. Dazu müssen wir eine grundsätzliche Unterscheidung treffen: zwischen normaler Freiheit und radikaler Freiheit. Normale Freiheit ist die Möglichkeit zur Wahl. Dinge wie zu wählen, was ich als Mittagessen möchte oder wen ich einmal heiraten will. Radikale Freiheit wäre es, sich dazu zu entschließen, eine völlig andere Art menschlicher Existenz in einer völlig veränderten Welt zu werden. So wie in der Bibel aus Saulus Paulus wird. Die erste Art Freiheit existiert auch in der Matrix, das wäre das Ergebnis des Waffenstillstandes am Ende von "Matrix Revolutions". Wem das genug Freiheit ist, der sollte besser in der Matrix bleiben. Cypher hätte insofern nichts Falsches getan. Die Matrix ist also nur in diesem Sinne unfrei, als dass es darin nicht die Möglichkeit gibt, sich neue Welten zu erschließen.

SPIEGEL ONLINE: Betrachtet man die Matrix - im Film - als Konstruktion einer künstlichen, omnipotenten Intelligenz, würden Sie sagen, dass dies einfach Blödsinn ist, der erfunden wurde, um einen spannenden Film zu drehen, oder gibt es darin Elemente, die genauer zu betrachten sich lohnt?

Dreyfus: Was im Film passiert, ist eigentlich sehr überraschend, denn es stellt sich heraus, dass die Wachowski-Brüder (die Regisseure der "Matrix"-Filme) überhaupt nichts von Computern verstehen. Sie wissen, wie man mit Computern spielt und sie wissen, was Virtual Reality ist, aber die Art von Intelligenz, die sie den Maschinen in "The Matrix" geben wollten, könnte nie so etwas erzeugen, wie sie es sich ausgedacht haben. Es gibt nur einen Hinweis darauf im zweiten Teil - "Reloaded" - aber die Wachowkis haben eindeutig die am wenigsten passende Art von Artificial Intelligence gewählt.

A.I. wurde in den fünfziger Jahren begonnen. Damals dachten die Forscher, dass man, indem man Regeln aufstellen und diese miteinander korrelieren würde, die Wirklichkeit abbilden könnte und ein Computer daraus Schlüsse ziehen könnte. Das heißt, man würde Computerprogramme verwenden, um die Realität zu kopieren. Heutzutage wird das als gescheitert betrachtet. Heute versucht man durch die Simulation des Gehirns zu künstlicher Intelligenz zu gelangen. Nicht, indem man einem Computer Regeln gibt und annimmt, dass auch der Verstand so etwas tut, was ja Descartes und auch Kant gedacht haben. Die Wachowskis folgten einfach dieser alten Tradition von A.I. Die Szene, in der dies klar wird, ist, als das Orakel - in "Reloaded" - zu Neo sagt: "Siehst du diese Vögel? Diese Vögel sind Programme, die Bäume sind Programme und ebenso der Himmel." Hätten wir eine Computersimulation des Gehirns, dann hätten wir keine Programme, wir hätten interagierende, simulierte Neuronen.

SPIEGEL ONLINE: Hat Ihnen denn "The Matrix" als Unterhaltungsfilm gefallen?

Dreyfus: Ja, der erste Teil war wirklich wunderbar. Die Spezialeffekte waren natürlich phantastisch und ebenso diese Comic-artige Ikonographie. "Reloaded" war dagegen schon ziemlich langweilig und hatte nur wenige philosophisch interessante Elemente. "Revolutions" war einfach nur fürchterlich. Einfach mehr sinnlose Kämpfe, mehr Agent Smith und schrecklich schlechte, freudlose Action. Die Wachowskis haben eine Art philosophischen Salat daraus gemacht. Ein Freund von mir sah "Revolutions" in einem deutschen Kino. In dieser langen, langen Szene in der Trinity in den Armen von Neo stirbt und dieses ganze Romeo-und-Julia-Ding zwischen ihnen passiert, rief jemand aus dem Publikum: "Stirb endlich!" Der ganze Kinosaal brüllte vor Lachen. Diesen Film kann man einfach nicht ernst nehmen.

Interview: Armin Erger


Hubert L. Dreyfus ist Professor für Philosophie an der University of California, USA. Davor lehrte er u.a. am MIT. Bekannt wurde er durch seine Arbeiten zur Kritik an der A.I.-Hysterie in den 1960er Jahren. Er verfasste Bücher wie "On the Internet (Thinking in Action)" (2001) und "Mind Over Machine: The Power of Human Intuition and Expertise in the Era of the Computer " (2000).

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