US-Filmindustrie MPAA-Chef Jack Valenti tritt zurück

Lange hat er es auf einem der heißesten Stühle im amerikanischen Enterntainmentgeschäft ausgehalten. Zuletzt musste sich der 82-Jährige mit der bewegten Biografie noch in einen neuen Kampf stürzen: gegen Videopiraten und illegale Downloads. Jetzt gibt Jack Valenti, Chef des Filmverbands MPAA, seinen Job ab.


Film-Lobbyist Valenti: Rückzug nach 38 Jahren
HILLERY SMITH GARRISON / AP

Film-Lobbyist Valenti: Rückzug nach 38 Jahren

Er war einer der mächtigsten Männer Hollywoods, davor Pilot und Präsidentenberater. Gestern trat Jack Valenti von seinem langjährigen Chef-Posten bei der Motion Picture Association of America (MPAA) zurück. Das gab der Vorsitzende des Filmverbandes, der die großen Hollywoodstudios repräsentiert, am Dienstagabend in Las Vegas bekannt. Bis zum Sommer soll ein Nachfolger für den 82-Jährigen gefunden werden. Valenti, der den Verband seit 1966 leitete, engagierte sich in den vergangenen Jahren vor allem im Kampf gegen Videopiraterie.

Valenti ist ein Mann mit bewegter Vergangenheit, einer, der immer gern nah dran war am Geschehen. Im zweiten Weltkrieg war er Bomberpilot, flog Einsätze über Italien. Er studierte in Houston und Harvard. Nach dem Krieg gründete Valenti eine Werbeagentur, die auch Politiker beriet. Als John F. Kennedy 1963 in Dallas ermordet wurde, saß Valenti als Pressechef einige Wagen weiter hinten im Autokorso, kurz darauf flog er mit dem neuen Präsidenten Lyndon B. Johnson in der Air Force One zurück nach Washington. Er wurde Johnsons rechte Hand.

1966 verließ er das weiße Haus und wurde zum dritten Vorsitzenden in der Geschichte der Motion Picture Association of America gekürt. Er war ein mächtiger Boss, gefürchtet wegen seiner scharfen Zunge und seiner rhetorischen Fähigkeiten.

In den siebziger Jahren führte Valenti die noch heutige gültige Regelung von Altersfreigaben für Filme in den US-Kinos ein - Selbstkontrolle als Alternative zu staatlicher Bevormundung. Mit dem Aufkommen des Videorekorders begann Valentis letzter großer Kampf, den er bis zu seinem gestrigen Rücktritt weitergeführt hat: der gegen Videopiraterie. Bei einer Anhörung zum Thema im Jahr 1982 verglich er den damals neuen Videorekorder und dessen zu erwartenden Einfluss auf die Filmindustrie mit einem bekannten Serienmörder, dem "Boston Strangler".

In einem Interview mit dem "Harvard Political Review" im vergangenen Jahr sagte Valenti vollmundig das Ende der Musikindustrie voraus: "Die haben neun, zehn, fünfzehn Prozent Verluste zu verzeichnen. Wenn man das für die nächsten drei oder vier Jahre hochrechnet, ist die Musikindustrie tot. Ich sehe da keine Zukunft."

Um seinen Schützlingen, den großen Hollywood-Studios, das gleiche Schicksal zu ersparen, stritt Valenti bis zu seinem Rücktritt vehement für rigorose Copyright-Regelungen. Zum Thema Privatkopien von DVDs sagte er im vergangenen November: "Wenn sie eine DVD kaufen, haben sie eine Kopie. Wenn sie eine Backup-Kopie wollen, kaufen Sie sich noch eine."

Aus Furcht vor Raubkopien wollten Valenti und die großen Studios vor der diesjährigen Oscar-Verleihung den Filmjuroren erstmals keine Kassetten mehr zur Ansicht ins Haus schicken. Das umstrittene Verbot der so genannten Screener-Bänder, das zu heftigen Protesten und Klagen von Filmschaffenden führte, wurde aber schließlich wieder aufgehoben.

Valenti kündigte seinen Rücktritt gestern bei einer Versammlung von Kinobesitzern in Las Vegas an. Eigentlich war er dort, um rosige Zahlen für die US-Filmindustrie zu vermelden, die das zweitbeste Jahr ihrer Geschichte hinter sich hat - trotz Piraterie. Im Rückblick auf seine 38 Jahre an der Spitze der MPAA sagte er: "Ich kann Ihnen meinen größten Erfolg während dieser langen Zeit in drei Worten zusammenfassen: Ich habe überlebt."



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