Neue US-Studie Historikerdebatte um Hitler und Hollywood

Hitler ließ sich kaum eine neue Hollywood-Produktion entgehen: Eine Harvard-Studie brüstet sich jetzt mit spektakulären Funden zur Kollaboration der US-Studios mit Nazi-Deutschland. Aber sind die Erkenntnisse wirklich so brisant?

Corbis

New York/Hamburg - Eine Frage beschäftigt US-amerikanische Filmhistoriker: Wie weit gingen Hollywoods Beziehungen zu den Nationalsozialisten? Viel weiter als bislang bekannt, behauptet laut "New York Times" ("NYT") jetzt der australische Historiker Ben Urwand in einer neuen Studie, die an der renommierten US-Universität Harvard veröffentlicht wird.

"Kollaboration - das ist es, was die Studios betrieben," sagt er der "NYT" zufolge. Und: Hollywood habe nicht nur mit Nazi-Deutschland kollaboriert, sondern auch mit Adolf Hitler persönlich.

Doch die Thesen des Australiers sind in den Vereinigten Staaten umstritten. "Das Wort Kollaboration ist in diesem Zusammenhang eine Verleumdung," sagt laut dem Bericht etwa der US-Historiker Thomas M. Doherty, der selber intensiv auf dem Gebiet forscht. Er legte zuletzt das Buch "Hollywood and Hitler: 1933-1939" vor.

Als besonders brisant bezeichnet Urwand den Report eines amerikanischen Handelsattachés aus dem Jahr 1938. Daraus könne man schlussfolgern, dass die Studios Metro-Goldwyn-Mayer (MGM) die Finanzierung deutscher Waffen unterstützt hätten, um Zugriff auf die Profite der US-Filmindustrie in Deutschland zu haben.

Hollywood-Filme direkt in die Reichskanzlei

Doch ist dieser neue Historikerstreit in den USA wirklich so spektakulär, wie die Diskussion vermuten lässt? "Nichts Revolutionäres dabei," sagt Markus Spieker auf Nachfrage von SPIEGEL ONLINE über die Veröffentlichung in der "NYT". Der Historiker und ARD-Hauptstadtkorrespondent hat bereits vor zehn Jahren über das Thema promoviert. Seine Dissertation aus dem Jahr 2003 trägt den Titel "Hollywood unterm Hakenkreuz - Der amerikanische Spielfilm im Dritten Reich". Demnach hatten sich die drei Filmkonzerne Metro-Goldwyn-Mayer (MGM), Paramount und Fox gar schon im Frühjahr 1933 zur Kooperation mit dem Nazi-Regime entschlossen; Adolf Hitler ließ sich neue Hollywood-Produktionen pünktlich vor der Premiere direkt aus den Kopierwerkstätten der drei Filmkonzerne in die Reichskanzlei schicken.

Auch die Investitionen des Studios MGM in die deutsche Rüstungsindustrie seien hierzulande bereits seit Jahren erforscht. Der Konzern hatte aufgrund von Devisenbeschränkungen zunehmend Schwierigkeiten, das in Deutschland erwirtschaftete Kapital aus dem Land zu schaffen, erklärt Spieker: "Die MGM-Vertrauensleute in Deutschland hielten es deshalb für eine gute Idee, ein paar hunderttausend Reichsmark gewinnbringend in der Rüstungsbranche anzulegen."

bos



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