US-Regisseur P.T. Anderson "Ich wollte mir selber Angst machen"

Der amerikanische Ausnahme-Regisseur Paul Thomas Anderson über seinen neuen Film "Punch-Drunk Love", seine Vorliebe für unorthodoxe Besetzungen und den Zusammenhang zwischen Liebe und Gewalt.


Paul Thomas Anderson, 33, gilt als Hollywood-Wunderkind. Für seinen letzen Film "Magnolia" gewann der den Goldenen Bären auf der Berlinale 2000. "Punch-Drunk Love" brachte ihm im letzten Jahr bei den Filmfestspielen von Cannes die Goldene Palme als bester Regisseur ein.
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Paul Thomas Anderson, 33, gilt als Hollywood-Wunderkind. Für seinen letzen Film "Magnolia" gewann der den Goldenen Bären auf der Berlinale 2000. "Punch-Drunk Love" brachte ihm im letzten Jahr bei den Filmfestspielen von Cannes die Goldene Palme als bester Regisseur ein.

SPIEGEL ONLINE:

Mr. Anderson, Sie beschäftigen sich offenbar gern mit apokalyptischen Szenarien. In "Magnolia“ war es der Froschregen, in Ihrem neuen Film "Punch-Drunk Love" ist es eine Art Katastrophenstrudel, in den Ihr Hauptdarsteller Adam Sandler gerät. Woher kommen diese Ideen?

Paul Thomas Anderson: Von diesem geheimnisvollen Ort, von dem alle Ideen stammen. Aber die Vorstellung, dass einer in solch einen Strudel gezogen wird, ist ja sehr altmodisch, das ist Buster Keaton: Der kleine Mann mittendrin, dem die Scheiße um die Ohren fliegt. Eine sehr bewährte Methode, um eine Geschichte in Schwung zu bringen und ein bisschen Spaß zu haben.

SPIEGEL ONLINE: Adam Sandlers Figur, der sympathisch-exzentrische Loser Barry Egan, basiert angeblich auf einer echten Person.

Anderson: Zum Teil, ja. Es gibt einen Ingenieur in Kalifornien, der tatsächlich für 12.000 Dollar Pudding kaufte, um sich diese ganzen Freiflugmeilen zu sichern. Er ist sogar noch weiter gegangen: Es gab eine Aktion von sieben oder acht südamerikanischen Fluggesellschaften, die Kunden für ihre Flüge zwischen Nord- und Südamerika werben sollte. Wenn man all diese Airlines innerhalb eines bestimmten Zeitraumes fliegen würde, versprachen Sie einem eine Million Freiflugmeilen. Dieser Typ hat das echt gemacht, er ist in vier Tagen in zwölf Ländern gewesen. Jetzt hat er so was wie fünf Millionen Freiflugmeilen zusammen. Aber ich habe keine Ahnung, ob er gewalttätige Ausbrüche hat oder was für Anzüge er trägt.

Anderson-Film "Punch-Drunk Love", Hauptdarsteller Sandler: "Er hat einen wunderbaren, leisen Stolz"
Senator Film

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SPIEGEL ONLINE: Adam Sandler hat bisher hauptsächlich in kruden Komödien wie "Big Daddy" oder "Mr. Deeds" mitgespielt. Für viele war seine Besetzung in einem Ihrer Filme eine Überraschung. Was sehen Sie in Sandler, das anderen entgeht?

Anderson: Ich glaube, ich passe einfach auf. Ich schaue genau hin. Ich liebe seine Filme wirklich, ich sehe, was er da tut, und man sollte sie nicht so leichtfertig abtun. Ich wollte einen Film für ihn schreiben, obwohl ich anfangs nur Versatzstücke hatte. Er hat was Magisches, einen wunderbaren, leisen Stolz, der ist ganz selten.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind ja schon dafür berüchtigt, große Namen in außergewöhnlichen Rollen zu besetzen: Burt Reynolds in "Boogie Nights“, Tom Cruise in "Magnolia" - und nun Adam Sandler.

Anderson: Ich hole mir einfach den, den ich für die jeweilige Rolle für richtig halte. Mich interessiert vor allem, was das für Menschen sind. Ich möchte sie nicht in einer Rolle sehen, ich möchte sie so sehen, wie sie wirklich sind. Man darf nicht versuchen, sie zu einem völlig Anderen zu machen. Ich versuche immer, ihren eigenen Charakter mit einzubauen.

SPIEGEL ONLINE: Es gibt in diesem Film eine sehr irritierende Liebesszene, in der Adam Sandler zu Emily Watson sagt: "Dein Gesicht ist so schön, dass ich es am liebsten zerschmettern möchte."

"Magnolia"-Star Tom Cruise: "Mich interessiert vor allem, was das für Menschen sind"
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Anderson: Kennen Sie das Gefühl nicht? Das Gefühl, dass man jemanden so sehr liebt, dass man ihn am liebsten auffressen, zerquetschen, kaputtmachen möchte?

SPIEGEL ONLINE: Gehen Liebe und Aggression für Sie Hand in Hand?

Anderson: Die Frage ist mir zu groß, ich weiß nicht, ob das so ist. Vielleicht ist es eher das Gefühl, vor Liebe überzulaufen und sie in keine Bahn mehr lenken zu können – nicht zu wissen, wie man sich ihrer wieder entledigen könnte.

SPIEGEL ONLINE: Sandlers Aggressionen scheinen direkt an seine sieben Filmschwestern gekoppelt zu sein. Ist Ihr eigenes Leben eigentlich auch von dominanten Frauen bestimmt?

Anderson: Nein, ich habe nur eine Schwester, eine tolle Frau. Aber ich kannte mal einen Typen, der sieben oder acht Brüder hatte und jede Nacht mit offenen Augen schlief, weil die ihn immer mal wieder mitten in der Nacht überraschten und verhauten. Und dann habe ich mal diese Polizei-Show im Fernsehen gesehen, in der ein Kerl in einem blutigen Shirt abgeführt wurde. Er hatte mit seiner Schwester gekämpft, wie sich herausstellte, hatte sie ihn verprügelt. Man fragte ihn, wo man ihn hinbringen soll, und er sagte: Zu Shelley oder zu Dianne, ich habe noch sechs andere Schwestern... Ich fand, das klang nicht allzu gut für ihn. Mit dem Mann, der da in seinem blutigen Hemd stand, wollte ich lieber nicht tauschen. Vielleicht war es aber auch nur meine Phantasie.

"Punch-Drunk Love", Liebespaar Watson, Sandler: "Kennen Sie das Gefühl nicht?"
Senator Film

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SPIEGEL ONLINE: In "Punch Drunk Love" jedenfalls ist man von den harten Kontrasten und ständigen Tempowechseln Ihrer Imagination bisweilen gründlich irritiert.

Anderson: Mir liegt viel daran, dass man nicht weiß, was als nächstes passiert. Es gibt eine alte Regel, die besagt, du kannst dein Publikum für zwei Minuten verwirren, aber lass' es nicht zehn Sekunden vorher wissen, was als nächstes passiert. Ich versuche, die Zuschauer zu überraschen - das bannt sie.

SPIEGEL ONLINE: Kommt hier Ihr filmerisches Dogma zur Sprache?

Anderson: Was einmal funktioniert hat, muss nicht unbedingt noch mal funktionieren. Ich probiere oft Neues aus. Man darf nicht aufhören, sich selbst herauszufordern, Dingen nachzujagen und sich selbst ein wenig Angst zu machen. Denn wenn ich beim Filmemachen aufgeregt bin, wird es dem Publikum beim Zuschauen genauso gehen. Wenn man das aus den Augen verliert, droht man irgendwann einfach im eigenen Arsch zu verschwinden.

SPIEGEL ONLINE: Nach zwei Filmen mit weit über zwei Stunden Länge haben Sie nun einen knappen Neunzigminüter gedreht – eine Disziplinierungsmaßnahme?

Anderson: Ja, ich wollte mich absichtlich in Bedrängnis bringen und mir selber Angst machen. Ich dachte, so würde ich aussortieren müssen, was ich gern gucke und was mich langweilt.

SPIEGEL ONLINE: Wie schwer ist Ihnen das gefallen?

Anderson-Film "Boogie Nights" (mit Mark Wahlberg): "Mir liegt viel daran, dass man nicht weiß, was als nächstes passiert"
AP

Anderson-Film "Boogie Nights" (mit Mark Wahlberg): "Mir liegt viel daran, dass man nicht weiß, was als nächstes passiert"

Anderson: Die ersten zwei Wochen waren der reine Kampf. Ich hatte das Gefühl, als würden wir völlig ahnungslos in der Gegend herumstochern, irgendwie machte das alles keinen Sinn und funktionierte nicht. Erst dann stellte sich endlich das Gefühl ein: Okay, hier ist es, das ist das Richtige. Kennen Sie das Gefühl, dass man etwas schreibt und dann neunhundert Mal umschreibt, obwohl die erste Version die einzige war, die funktioniert? Aber irgendwie muss man durch diese ganzen Zweifel und die Sucherei erst Mal durch, um das zu kapieren. Es ist, als würde man durch den eigenen Arsch in den Kopf kriechen.

SPIEGEL ONLINE: In Hollywood werden Sie mittlerweile als Wunderkind gehandelt, Ihre Filme sind regelmäßig zu Gast auf den Top-Festivals der Welt. Wie gehen Sie damit um?

Anderson: Naja, das ist vor allem viel Geschrei, und das muss man sich immer schön vor Augen halten. Ganz schlecht ist, wenn es anfängt, Einfluss auf die Arbeit zu nehmen. Man sollte den Kopf gesenkt halten und seinen Job machen. Ansonsten verliert man zu schnell den Verstand darüber.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie eigentlich ein politischer Mensch? Viele Ihrer Kollegen haben sich in den letzten Wochen als herbe Kritiker der Regierung Bush geoutet...

Anderson: Ist George W. Bush nicht der vorbildlichste Amerikaner, den wir haben? Ich finde, er hat verdammt noch mal den Verstand verloren! Als Politiker kann man ihn vermutlich zu den Großen zählen - er ist aalglatt und clever und er hat die unmöglichsten Dinge durchgesetzt. Und keiner kann ihn stoppen. Ich frage mich immer, ob George W. Bush überhaupt weiß, wie mächtig Amerika eigentlich ist. Es ist wie mit dem Klassenrüpel in der Schule, der seine eigene Stärke nicht kennt. Jede Bewegung Amerikas kann der ganzen Welt schaden. Und Bush ist wie der Elefant im Porzellanladen.

Das Interview führte SPIEGEL-ONLINE-Mitarbeiterin Nina Rehfeld vor Ausbruch des Irak-Kriegs in London



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