SPIEGEL ONLINE: Mr. Allen, in "Whatever Works" erzählen Sie die Geschichte eines alten, verbitterten New Yorker Intellektuellen, der ein Verhältnis mit einem jungen Mädchen aus Mississippi hat. Wie viel an diesem Film ist autobiografisch?
Woody Allen: Gar nichts.
SPIEGEL ONLINE: Nun seien Sie mal nicht so bescheiden.
Allen: Ich bin nicht bescheiden. Aber anders als Boris, die Hauptfigur in "Whatever Works", habe ich zum Beispiel nie versucht, Selbstmord zu begehen. Ich hatte auch nie etwas mit einem Mädchen aus den Südstaaten.
SPIEGEL ONLINE: Aber es gibt ein paar auffällige Gemeinsamkeiten zwischen Boris und Ihnen: die Vorliebe für klassische Musik, alte Filme und junge Frauen.
Allen: Ja, das stimmt. Und von mir hat er wohl auch seine zynische Einstellung zur Religion, vor allem zu jeder Form von organisierter Religion, und zur Unzuverlässigkeit seiner Mitmenschen.
SPIEGEL ONLINE: Trotzdem spielen Sie Boris nicht selbst, sondern haben den Part mit dem Fernsehkomiker Larry David besetzt. Warum?
Allen: Weil man mir eine solche Rolle nicht hätte durchgehen lassen. Als selbstzufriedener, intellektueller Angeber hätte ich unausstehlich gewirkt. Larry David dagegen kann so misanthropisch sein, wie er will, die Zuschauer mögen ihn trotzdem. Da geht es ihm wie dem großen W.C. Fields: Der hat auch ständig andere Menschen beleidigt und Hunde oder kleine Kinder geärgert. Aber das Publikum liebte ihn.
SPIEGEL ONLINE: Nach einigen Filmen, die Sie in London und Barcelona gedreht haben, ist "Whatever Works" nun wieder in New York entstanden. Hatten Sie Heimweh?
Allen: Natürlich fühle ich mich wohler, wenn ich in meinem eigenen Bett schlafen kann und meine Platten und meine Bücher um mich habe. In London und Barcelona habe ich auch deshalb gearbeitet, weil sie sich nicht so sehr von New York unterscheiden. Es sind sehr kultivierte, große Städte. Ich könnte niemals irgendwo in der Provinz drehen, auch nicht in den USA.
SPIEGEL ONLINE: Keine Chance für Mississippi?
Allen: Bedaure, ich will nicht aufs Farmland. Ich gehöre in die Großstadt.
SPIEGEL ONLINE: Es heißt, Rio de Janeiro wolle Sie bewegen, einen Film dort zu drehen - als Teil einer großen Image-Offensive vor der Fußball-Weltmeisterschaft 2014 und den Olympischen Spielen 2016. Stimmt das?
Allen: Ja, sie versuchen es, aber im Moment habe ich keine konkreten Pläne.
SPIEGEL ONLINE: Weil die Gage nicht stimmt?
Allen: Zunächst mal brauche ich eine Idee, die in Rio funktionieren könnte. Und dann muss ich mir vorstellen können, dort mehrere Monate mit meiner Familie zu leben. Wenn das schwierig zu werden droht, will ich dort nicht hin.
SPIEGEL ONLINE: Wie wäre es statt Rio mit einem Woody-Allen-Film in Deutschland? "Vicky Christina Berlin" wäre der deutschen Filmförderung vermutlich etliche Millionen wert.
Allen: Ich mag die deutsche Kultur, und ich liebe deutsches Bier. Ich war schon öfter in München und habe mich dort sehr wohlgefühlt. Aber ich hätte auch nichts dagegen, mir Berlin genauer anzusehen. Da kann man es sicher für eine Weile gut aushalten.
SPIEGEL ONLINE: Mr. Allen, Sie waren einer der ersten Künstler, die die Petition zur Freilassung Ihres Kollegen Roman Polanski, der seit Ende September in einem Schweizer Gefängnis sitzt, unterschrieben haben. Warum engagieren Sie sich für ihn?
Allen: Ich bezweifle einfach, dass es besonders schlau war, ihn zu verhaften. Ja, Polanski hat definitiv das Gesetz gebrochen. Aber er hat dafür damals 42 Tage im Gefängnis gesessen, was kein Vergnügen ist. Er ist vor aller Welt bloßgestellt worden, seine Karriere hat einen Rückschlag erlitten. Er konnte nicht wieder in die USA und einige andere Länder reisen. Man kann also nicht behaupten, er sei nicht bestraft worden.
SPIEGEL ONLINE: Polanski hat eine 13-Jährige vergewaltigt.
Allen: Ja, er hat eine scheußliche Sache gemacht - vor über 30 Jahren. Er führt seitdem ein geordnetes Leben, er dreht Filme, er bereichert die Kultur, er tut keiner Fliege was zuleide. Ist das nicht genug Resozialisierung? Kann irgendjemand besser schlafen, wenn man Polanski in einen Käfig sperrt? Es wäre sehr leicht gewesen, die Angelegenheit einfach zu vergessen!
SPIEGEL ONLINE: Könnte die Unterstützung durch Prominente wie Sie Polanski am Ende sogar schaden?
Allen: Das ist natürlich denkbar. Aber ich unterstütze ihn im guten Glauben, das Richtige zu tun.
SPIEGEL ONLINE: Auch Ihr Intimleben wurde schon detailliert in den Medien ausgebreitet - 1992, als die Beziehung zu Soon-Yi bekannt wurde, der 21-jährigen Adoptivtochter Ihrer damaligen Lebensgefährtin Mia Farrow. Beeinflusst diese Erfahrung vielleicht Ihr Urteil?
Allen: Nein. Was ich erlebt habe, war in gewisser Weise Glück im Unglück. Ich habe keine schlechten Erinnerungen an diese Zeit, im Gegenteil: Es war ein Segen. Ich habe eine wundervolle Frau getroffen, ich habe sie geheiratet, ich habe eine Familie. Für mich ist das Ganze sehr, sehr gut ausgegangen.
SPIEGEL ONLINE: Hat Ihre Frau Soon-Yi eigentlich eine Art Veto, um zu verhindern, dass Sie private Angelegenheiten als Stoff für Ihre Filme verwenden?
Allen: Nein. Ich zeige meine Drehbücher nie den Menschen in meinem Umfeld. Ich habe großes Vertrauen in das, was ich schreibe. Mein Selbstvertrauen ist nicht immer gerechtfertigt, aber immerhin oft genug, dass ich meine Arbeit machen kann.
SPIEGEL ONLINE: Ihre Frau erfährt also erst, woran Sie zuletzt gearbeitet haben, wenn wieder ein Film von Ihnen in die Kinos kommt?
Allen: Ich zeige den Menschen, die mir nahestehen, immer einen Rohschnitt - ohne dass sie vorher wissen, was für ein Film sie erwartet. Dann können sie ihre Kommentare abgeben, und zur Not kann ich dann immer noch ein bisschen was ändern.
Das Interview führte Martin Wolf
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