SPIEGEL ONLINE: Mr. Renner, haben Sie mit dem "Avengers"-Charakter Hawkeye nicht die völlig falsche Superhelden-Rolle übernommen?
Renner: Wieso das denn?
SPIEGEL ONLINE: Daredevil wäre treffender gewesen - der "Man without Fear". Sie haben sich, so hört man, ein paar Jahre lang gezielt alle denkbaren Ängste ausgetrieben. Wie haben Sie das eigentlich angestellt?
Renner: Als junger Mann habe ich gelernt, dass das, wovor wir alle am meisten Angst haben, das Unbekannte ist. Weil wir es nicht kennen, nicht kontrollieren können. Also habe ich alles daran gesetzt, ob geistig oder körperlich, mich bedrohlichen, furchterregenden Dingen zu stellen. Ich will einfach nicht, dass mich in der begrenzten Zeit, die wir auf diesem Planeten haben, irgendetwas stoppt, nur weil ich mich davor fürchte. Angst darf und kann mich nicht aufhalten.
SPIEGEL ONLINE: Sie sprechen von furchterregenden Dingen. Was haben Sie denn um Himmels Willen gemacht? Mit Haien geschwommen?
Renner: Ja, unter anderem.
SPIEGEL ONLINE: Und wie war's?
Renner: Furchterregend.
SPIEGEL ONLINE: Aha. Natürlich.
Renner: Ja, sicher. Ich habe auch immer noch Angst vor Haien. Aber ich verstehe die Tiere jetzt besser und habe eine Menge über sie gelernt. Unter anderem, dass sie viel furchterregender sind als angenommen! Aber sie besitzen auch sehr viel Schönheit.
SPIEGEL ONLINE: Was war denn Ihre größte Angst, als Sie die Hauptrolle in dem Action-Thriller "Das Bourne Vermächtnis" übernommen haben? Immerhin treten Sie die Nachfolge von Matt Damon an.
Renner: Angst hatte ich eigentlich nicht. Ich war mir nur nicht sicher, ob ich die Energie aufbringen würde, rein körperlich zu erfüllen, was von mir in dieser Rolle erwartet wurde - nachdem ich fast ohne Pause "Mission: Impossible", "Avengers" und "Hansel and Gretel: Witch Hunters" gedreht hatte. Andererseits hatte ich genau durch diese drei Filme genug Training, um fit zu sein. Ich war eher aufgeregt als ängstlich.
SPIEGEL ONLINE: Was hat Sie an "Das Bourne-Vermächtnis" gereizt?
Renner: Der Film hat alles, was ich am Kino mag. Es gibt viele Elemente aus den Thrillern der Siebziger, die ich liebe. Und ich mag es, wenn Filme wie die der Bourne-Reihe, die ein bisschen Substanz haben, auch gut an der Kasse funktionieren. Abgesehen davon hatte ich lange nicht mehr so viel Spaß beim Drehen.
SPIEGEL ONLINE: Sie haben die meisten Action-Stunts selbst absolviert, zum Teil halsbrecherische Sachen wie eine Motorrad-Verfolgungsjagd. Gefährlich, oder?
SPIEGEL ONLINE: Nach "Mission: Impossible", "Avengers" und Ihrer Hauptrolle im "Bourne-Vermächtnis" gelten Sie als Hollywoods neuer Actionheld. Haben Sie keine Angst vor dieser Schublade?
Renner: Nein. Ich sehe die Gefahr, aber ich habe es ja in der Hand, welche Drehbücher ich aussuche und für welche Filme ich mich entscheide. Bis vor kurzem wurden mir nur Rollen als Bösewichte angeboten. Jetzt kommen eben mal wieder andere Angebote. Mir geht es um die Herausforderung, in jeder Rolle und in jedem Genre: Ich muss nicht schon alle Antworten zu einem Charakter kennen, bevor wir überhaupt mit dem Drehen begonnen haben, das fände ich langweilig.
SPIEGEL ONLINE: Sie wurden zweimal für einen Oscar nominiert. Mit Action-Rollen wird es schwieriger, die Academy zu begeistern.
Renner: Auf jeden Fall. Aber ich mache das ja nicht in erster Linie, um Oscars zu gewinnen. Ich will interessantes Kino machen.
SPIEGEL ONLINE: Nebenbei sind Sie auch in der Immobilienbranche tätig. Mit einem Freund zusammen bauen oder renovieren Sie Häuser und Villen in Los Angeles. Warum?
Renner: Ich bin niemand, der sich gerne mit Börsenkursen und Aktien herumschlägt, ich mag Dinge, die man anfassen kann. Also investiere ich das Geld, das ich als Schauspieler verdiene, in Architektur, die ich für eine der großartigsten Kunstformen halte. Der Gedanke, dass ein Haus, eine greifbare Struktur, die ich gebaut habe, noch da sein wird, wenn ich schon lange gestorben bin, macht mich stolz. Und letztlich: Wenn's mit den Filmen mal nicht mehr so läuft, verkaufe ich eben mein Dach überm Kopf.
SPIEGEL ONLINE: Haben Sie Ihre Filmkarriere so sorgfältig wie ein Haus aufgebaut? Und die Bourne-Reihe ist jetzt so etwas wie die zweite oder dritte Etage?
Renner: Keine Ahnung. Vielleicht kann man's irgendwie vergleichen. Und am Ende steht da ein Wolkenkratzer! Der Unterschied zur Architektur ist, dass man im Filmgeschäft nichts wirklich planen kann, zu viele Dinge sind einfach nicht kontrollierbar: Gibt es grünes Licht für ein Projekt? Gucken sich die Leute den Film an? Ich versuche zumindest, jede Entscheidung mit Bedacht zu fällen.
SPIEGEL ONLINE: Sie blicken ja auch auf eine langjährige Karriere als Karaoke-Sänger zurück und spielen nebenbei in einer Band. Ein weiteres Standbein?
Renner: Oh, ich würde gerne öfter Musik machen! Aber dafür braucht man einfach zu viel Zeit, selbst wenn man es nur als Hobby betreibt. Beim Häuserbauen ist es einfacher, da kann ich mich hier im Hotelzimmer in Berlin hinsetzen, Pläne zeichnen und sie per E-Mail an Leute verschicken, die sich um die Umsetzung kümmern. Eine Karriere als Musiker? Nicht drin, aber ich würde definitiv gerne mal einen Rockstar spielen!
SPIEGEL ONLINE: Wen denn?
Renner: Aaach nicht so wichtig. Hauptsache, ich kann mal im Film singen.
SPIEGEL ONLINE: Nun mal nicht so schüchtern.
Renner: Na gut. Ozzy Osbourne? Der ist ziemlich cool.
Das Interview führte Andreas Borcholte
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