Kinospektakel "Valerian" Wenn man leise "Wow" sagt

"Star Wars"? Nur ein Abklatsch europäischer Science-Fiction! Mit der Verfilmung des Comicklassikers "Valerian" setzt Regisseur Luc Besson dem US-Blockbusterkino eine umwerfende visuelle Alternative entgegen.

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Manchmal dauert es etwas länger, bis sich Lebensträume erfüllen lassen. Ende der Sechziger, als Luc Besson ein kleiner Junge war, träumte er sich in Fantasiewelten hinein. Eine entscheidende Hilfe dabei waren die "Valerian et Laureline"-Comics von Jean-Claude Mézières und Pierre Christin.

Die gezeichneten Abenteuer der beiden Raum- und Zeitagenten, auf Deutsch als "Valerian und Veronique" veröffentlicht, boten Action, aufregende Aliens, atemberaubende extraterrestrische Kulturen und Welten - und ein bisschen unschuldige Erotik: Die freche Laureline, sagte Besson einmal, war seine erste große Liebe. Es fällt nicht schwer, diese Blaupause der weiblichen Heroine in seinen späteren Filmen wiederzuerkennen, von Leeloo im "fünften Element" über "Joan of Arc" bis zu "Lucy".

Auch andere Pioniere des Blockbuster- und Überwältigungskinos wurden von den sagenhaften Bildern und Storys des europäischen Science-Fiction-Klassikers inspiriert: Viele Motive von "Star Wars"finden sich bereits in den französischen Comicbänden. Schon einmal wollte Besson diese Bilderwucht verfilmen und arbeitete damals sogar mit Jean-Claude Mézières zusammen an der Umsetzung. Das Ergebnis war 1997 "Das fünfte Element" - eine visionäres Science-Fiction-Konfettibombe, die in den USA erst floppte, bevor sie zum einflussreichen Kultklassiker wurde.

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"Valerian": Luc Bessons Herzensprojekt

Wiederum 20 Jahre später bringt Besson nun endlich "Valerian" auf die große Leinwand. Mit rund 180 Millionen Dollar Budget ist es der teuerste europäische Film aller Zeiten und die größte Produktion, die Bessons eigenes Kino-Imperium EuropaCorp ("Taxi", "Taken") jemals gestemmt hat. Auch wenn der heute 58-jährige Regisseur und Filmmogul es nicht zugeben würde: "Valerian" ist der ehrgeizige - und riskante - Versuch, der Dominanz US-amerikanischer Comicverfilmungen eine visuelle und erzählerische Alternative entgegenzusetzen. Ob es sich finanziell für Besson auszahlt, wird abzuwarten sein, künstlerisch ist sein in sieben Jahren Arbeit realisiertes Herzensprojekt in jedem Fall ein Triumph.

Woran man das merkt? Daran, dass man beim Betrachten einzelner Szenen und Bilder leise "Wow" sagt. Besson weiß, wie er seine Zuschauer in seinen Bann schlagen kann. Gleich zu Beginn seines knapp 140 Minuten langen Films setzt er ein Statement über den Stand moderner CGI- und Motion-Capture-Technik: Der Film beginnt auf einem fremden Planeten in der Strandidylle des indigenen Pearl-Volks.

Siebzigerjahrehelden im Tinder-Zeitalter

James Camerons 3D-Pioniertat "Avatar" habe ihm den entscheidenden Impuls gegeben, eine "Valerian"-Verfilmung zu versuchen, sagte Besson einmal, nun lassen seine langgliedrigen, anmutig wirkenden Computerwesen jedes Na'vi-Geschöpf, nun ja, alt aussehen. Die friedliche Welt der Pearls wird grausam zerstört, als brennende Raumschiffe über ihr abstürzen. Warum, das wird zum roten Faden für eine episodische Handlung, die erst einmal einen Sprung in die Zukunft macht, ins 28. Jahrhundert.

Hier treffen wir den Raum-Zeitagenten Valerian (Dane DeHaan) und seine junge Assistentin Laureline (Cara Delevingne). Er ist Major, sie nur Sergeant, aber schnell ist klar, wer in dieser Beziehung die Hoheit hat. Als der smarte Schwerenöter Valerian ihr hoch romantisch einen Heiratsantrag macht, kriegt er eine mit Selbstbewusstsein gesalzene Abfuhr: Zunächst müsse er seine umfangreiche "Playlist" vergangener Eroberungen löschen und sie, Laureline, sozusagen auf Dauerrotation setzen. So katapultiert Besson seine Siebzigerjahrefiguren clever ins Smartphone-, Tinder- und Streamingzeitalter. Eine Action-Sequenz führt die beiden dann als dynamisches Duo ein: Im "Big Market", einem komplett in der virtuellen Welt existierenden Mega-Basar auf hunderten Ebenen, der in Wahrheit ein ödes Stück Wüstenplanet ist, muss Valerian ein außerirdisches Artefakt aus den Fängen eines Hehlers befreien.


"Valerian - Die Stadt der tausend Planeten" Frankreich 2017

Originaltitel: "Valerian and the City of a Thousand Planets"
Regie: Luc Besson
Drehbuch: Luc Besson
Darsteller: Cara Delevingne, Dane DeHaan, Clive Owen, Herbie Hancock, Rihanna, Ethan Hawke
Produktion: EuropaCorp, Fundamental Films, River Road Entertainment, Gulf Film, Universum Film
Verleih: Universum
Länge: 137 Minuten
FSK: ab 12
Start: 20. Juli 2017


Es ist ein sogenannter Mül Converter, ein possierliches kleines Lebewesen, das Wertgegenstände jeder Art hundertfach reproduziert, wenn man sie ihm zum Schlucken gibt. Eine Gold scheißende Rüsselkröte, die im Original "Transmuteur Grognon de Bluxte" heißt und, anders als hier, ständig miese Laune hat. Aber es gibt auch keinen Grund zum Nörgeln: Wie Besson hier exotischste Umgebungen und Kreaturen der Beiläufigkeit seines rasanten Plots unterordnet und seinen Helden mittels einer Apparatur zwischen Virtual Reality und realer Handlung hin- und herspringen lässt, ist so virtuos wie großspurig. Es sind Bilder, die im Kino so noch nicht zu sehen waren.

Am liebsten gleich noch mal!

Dabei warten zu diesem Zeitpunkt noch größere visuelle Herausforderungen. Besson basiert seinen Film auf mehreren Comics der Vorlage, der Hauptteil der Handlung stammt aus "Botschafter der Schatten", dessen Schauplatz das riesige Raumstationen-Konglomerat "Alpha" ist - ein Zusammenschluss diversester Stämme und Kulturen zu einer Art United Nations im All. Dorthin werden Valerian und Laureline beordert, um ihrem Chef, Commander Arün Filitt (Clive Owen) bei einer schwierigen diplomatischen Mission zu assistieren. Schnell stellt sich heraus: Der Commander verbirgt ein dunkles Geheimnis, dem in den Ebenen und Welten dieser "Central City" auf den Grund gegangen werden muss. Und nebenbei müssen sich Valerian und Laureline in all diesem Durcheinander auch noch wiederfinden.

Filmtrailer ansehen: "Valerian - Die Stadt der tausend Planeten"

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Dane DeHaan ("Life", "A Cure for Wellness"), ein guter Schauspieler, hat hier als Han-Solo-Pendant Valerian nicht viel zu gewinnen. Schon der Filmtitel führt in die Irre: Nicht er, sondern Laureline ist der eigentliche Star. Das britische Model Cara Delevingne, das bereits in "Suicide Squad"aufmerken ließ, erweist sich als perfekte Wahl für die Rolle einer tollkühnen und sarkastischen, aber auch sanftmütigen Heldin, die im Zweifel den empathischen, unorthodoxen Weg wählt und ihrem weitaus simpler gestrickten Lover am Ende eine Lektion in Liebe und Humanismus erteilt. Besson inszeniert sie mit der tiefen Verehrung und Hingabe, die er seinen starken Frauenfiguren schon immer angedeihen ließ.

Ob die Story von "Valerian" hingegen interessant genug ist, darüber lässt sich streiten. Im Vordergrund steht für Besson einmal wieder die visuelle Überwältigung. Man soll sich mitreißen lassen von all den Fantasiewesen, den avantgardistischen Kostümen von Designer Olivier Bériot, von telepathisch begabten Riesenquallen, die sich Laureline über den Kopf stülpen muss, um unter Wasser mit Walwesen zu kommunizieren; von einer Formwandlerin namens Bubble (R&B-Sängerin Rihanna), die Valerian erst als Pole-Dancer bezirzt und ihn dann die Gestalt einer primitiven Alien-Wuchtbrumme annehmen lässt.

Das alles folgt in so verschwenderischer Opulenz und Geschwindigkeit aufeinander, dass man "Valerian" gleich ein zweites Mal sehen möchte, um zu wissen, was man beim ersten Mal alles nicht mitgekriegt hat. Und auch Luc Besson kann sich seinen alten Traum jetzt immer und immer wieder ansehen.

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insgesamt 36 Beiträge
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Seite 1
Antalyaner 17.07.2017
1.
Visuell einer der atemberaubendsten Filme, die ich je gesehen habe. Die Handlung wird da schon fast nebensächlich. Absolut empfehlenswert.
vulcan 17.07.2017
2.
Kommt mir das nur so vor oder ist das so eine Art "Spy Kids"-Variante - mit Kindern in den Hauptrollen? Die 'ernste' Mimik wirkt bei beiden jedenfalls eher lachhaft und irgendwie habe ich die Optik der Figuren auch anders in Erinnerung - aber ist schon eine ganze Weile her, dass ich Valerian Comics hatte.
alwalis 17.07.2017
3. Fast schon vergessen
Freue mich auf den Film. Die Comics, ich glaube komplett, befinden sich in meiner Sammlung. Habe die damals mit Begeisterung verschlungen, da unglaublich phantasievoll und sehr schön gezeichnet und storymäßig gehaltvoll. Ich halte die eigentlich für unverfilmbar, schau'n wir mal.:)
Newspeak 17.07.2017
4. ...
"Das alles folgt in so verschwenderischer Opulenz und Geschwindigkeit aufeinander," Verschwenderische Opulenz und Geschwindigkeit sind wie jeden Tag Torte essen. Das klingt zuerst traumhaft, wird dann schnell oede und schliesslich unertraeglich. Warum schafft es eigentlich kein heutiger Regisseur mehr mit Handlung zu punkten? Oder Spannung, gar Suspense zu erzeugen? Charaktere darzustellen? Lange Szenen auszuhalten? Das ist wie mit Twitter. Im Grunde muesste man einen Langnachrichtendienst gruenden. Mit umgekehrter Zeichenmengenbeschraenkung. Erst Texte ab 10.000 Worten werden aufgenommen.
hohnspiegel 17.07.2017
5. Erinnerung an die Zack Hefte
Ich hatte es schon fast vergessen als ich den Titel hörte Valerian musste ich an meine Zack Hefte denken ,die ich als Jugendlicher verschlungen habe und das erste Mal mit französischen Comics in Berührung kam. Da steigen Erinnerungen hoch , ich bin auf den Film gespannt
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