DVD-Premiere "Byzantium" Ladys in Red

Knapp 20 Jahre nach seiner Verfilmung von "Interview mit einem Vampir" versucht es Regisseur Neil Jordan wieder mit Blutsaugern. In "Byzantium" reist ein ungleiches Mutter-Tochter-Gespann durch die Jahrhunderte und wiegelt das Patriarchat gegen sich auf.

Universum

Von


Ach, wie flüchtig ist doch die Popkultur. Einen Moment lang scheint die ganze Welt besessen zu sein von nur einem einzigen Thema, um im nächsten Moment nichts auf dem Planeten langweiliger zu finden als das. Lady Gaga erlebt das gerade, aber auch sie kann sich damit trösten, dass es etwas gibt, das die Menschen noch viel öder finden als sie: Vampire.

Zwischen etwa 2006 (nach dem Erscheinen des ersten "Twilight"-Buches) und Ende 2011 (nach dem Erscheinen des endgültig letzten "Twilight"-Films) gehörte ihnen die Welt. Stephenie Meyers züchtige Bücher und die darauf folgenden Filme befeuchteten die Träume von Teenager-Mädchen auf allen Kontinenten, die deutlich wildere TV-Serie "True Blood" bediente das erwachsenere Publikum, "Vampire Diaries" alle dazwischen.

Und heute? Keine "Twilight"-Bücher und -Filme mehr, "True Blood" geht als kreatives Wrack in die nächste Staffel. "Vampire Diaries" nähert sich der Bedeutungslosigkeit, während der Serien-Ableger "The Originals" offensiv versucht, andere übernatürliche Wesen (Hexen! Werwölfe!) mehr einzubeziehen. Selbst Jim Jarmusch hat mit seinem neuen Film "Only Lovers Left Alive" nach der Premiere in Cannes bei den meisten Kritikern nur für Schulterzucken gesorgt - und das trotz Tilda Swinton in der Hauptrolle als uralte Hipster-Vampirin.

Doch "Only Lovers Left Alive" ist immerhin ein Kinostart vergönnt - während ein anderer neuer großer Vampirfilm von einem renommierten und vampirerprobten Regisseur in Deutschland nicht einmal das geschafft hat: "Byzantium" von Neil Jordan - dem Mann, der mit der Verfilmung von "Interview mit einem Vampir" 1994 einen Klassiker schuf - erscheint am 27. Dezember nur auf DVD. Traurig.

Abendessen aus moralisch verkommenen Zutaten

Denn "Byzantium" ist gar nicht einmal so schlecht. Vielleicht um die "Twilight"-Zielgruppe zu ködern, beginnt es etwas romantisch: Ein offenbar junges Mädchen steht auf dem Balkon und wirft lose Blätter in den Wind, auf die sie ihre Lebensgeschichte geschrieben hat. Denn, so erklärt sie es im Voice-Over, ihre Geschichte dürfe nicht erzählt werden. Zu gefährlich. Eleanor (Saoirse Ronan) ist in Wirklichkeit nicht 16 sondern 206 - ein nachdenkliches, zugeknöpftes Vampir-Wesen, das penibel darauf achtet, nur das Blut von Menschen zu trinken, die eh sterben wollen. Ihre ständige Begleiterin Clara (Gemma Arterton) ist da nicht so zimperlich, versucht ihr Abendessen aber immerhin nur aus moralisch verkommenen Zutaten zusammenzustellen, ohne die die Welt besser dran ist.

Clara, die als Stripperin und Prostituierte versucht, beide finanziell über Wasser zu halten, ist für Eleanor "Retterin, Bürde, Muse". Und Mutter: Nachdem Clara zum Vampir geworden war, hat sie auch ihre bis dahin im Waisenhaus abgestellte Tochter verwandelt, um nicht allein durch die Ewigkeit ziehen zu müssen. Das allerdings unter der dauernden Verfolgung der ehrenwerten Vampir-Bruderschaft. Denn das ist eine reine Männerbande, die keine untoten Frauen duldet, und schon gar keine, die durch eine andere Frau verwandelt wurden. Was bedeutet, dass immer irgendwo ein Häscher der Bruderschaft lauern kann, mit dem dann in der Regel Clara kurzen Prozess machen muss, weil Eleanor meist mit schöngeistigen Dingen beschäftigt ist.

Wasserfall aus Blut

So ist "Byzantium" immer dann am spannendsten, wenn gerade Clara in Aktion ist - ob sie nun einem Verfolger den Kopf abtrennt, aus einer heruntergekommenen Pension einen florierenden Puff macht oder in einer Rückblende voller Glück in einem Wasserfall aus Blut badet. Der Film verschreibt sich aber leider die meiste Zeit der prüden Eleanor, obwohl die eigentlich nicht viel tut, außer sich über ihre Mutter zu beschweren und einen Kurs für kreatives Schreiben zu besuchen, bei dem sie sich, wie unglaubwürdig, auch noch in einen an Leukämie erkrankten Teenager mit Blutgerinnungsproblemen verknallt.

Der nervige Fokus auf die verunglückte Teenie-Romanze soll wohl die "Twilight"-Fans bei Laune halten, macht aber immer wieder die wohlig finstere Grusel-Atmosphäre kaputt, in die Regisseur Jordan die stürmisch-kalte Küstenkulisse Englands taucht. Und lenkt ab von der viel interessanteren Idee, dass hier zwei Frauen bereit sind, bis in die Ewigkeit für ihre Unabhängigkeit von einem ungerechten Patriarchat zu kämpfen. Blutsaugende Feministinnen, die immer dann am stärksten sind, wenn sie gemeinsam kämpfen. All das, wofür "Twilight" gerade nicht stand. Allein dafür verdient "Byzantium" eine Chance.


Byzantium. Regie: Neil Jordan. Mit Saoirse Ronan, Gemma Arterton, Sam Riley. DVD. Universum; 12,99 Euro. Erscheint am 27.12.



insgesamt 12 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
GSYBE 26.12.2013
1. optional
Hab ihn vor 2 Wochen gesehen und war nicht umwerfend. Die `Intelektualisierung´ der recht pragmatischen Nahrungs- durch Blutaufnahme-Thematik gelingt nicht immer (so gut wie bei `The Hunger´, `The Addiction oder `So finster die Nacht´). Etwas `off topic´ aber wer sich generell für diese Richtung interessiert, dem möchte dringendst!! die französische Canal+ Produktion `The Returned´ empfehlen; gehört mit zu dem Besten, was ich die letzten Jahre gesehen habe.
andialpha 26.12.2013
2. 2009
Komisch. ITunes hat den Film seit Ewigkeiten. Ist als 2009 gelisted
bewarzer-fan 26.12.2013
3. heilige Sprachnacht...
Zitat von sysopUniversumKnapp 20 Jahre nach seiner Verfilmung von "Interview mit einem Vampir" versucht es Regisseur Neil Jordan wieder mit Blutsaugern. In "Byzantium" reist ein ungleiches Mutter-Tochter-Gespann durch die Jahrhunderte und wiegelt das Patriarchat gegen sich auf. http://www.spiegel.de/kultur/kino/vampir-dvd-premiere-byzantium-a-940334.html
der Plural des englischen Wortes Lady ist noch immer Ladies...
GSYBE 26.12.2013
4.
Zitat von andialphaKomisch. ITunes hat den Film seit Ewigkeiten. Ist als 2009 gelisted
Die sind auch nicht unfehlbar. Der Film ist von 2012 und die deutsche Synchro ist jetzt erschienen (DVD Start 27.12.2013).
tadamtadam 26.12.2013
5.
Zitat von bewarzer-fander Plural des englischen Wortes Lady ist noch immer Ladies...
"ladies" ist der plural im englischen. im deutschen wird das y nicht gebeugt, sondern ganz starr einfach nur ein deutsches plural-s angehängt. analog: "babys", "partys". das kann man nun doof finden, aber über sprachliche umnachtung zu schreiben, wirft eher ein düsteres licht auf ihre kenntnisse.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.