"Exit Marrakech" von Caroline Link Billige Sommerferien

Mit "Exit Marrakech" erzählt die deutsche Oscar-Gewinnerin Caroline Link ein Vater-Sohn-Drama vor der strahlenden Kulisse Marokkos. Leider schickt sie zwei Menschen auf diesen sommerlichen Roadtrip, die so simpel gestrickt sind wie die gesamte Story.

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"Mach was draus!", gibt ihm der Internatsdirektor noch als Motto für die Sommerferien mit. Und da der 17-jährige Ben (Samuel Schneider) am Ende der Ferien auf eine abenteuerliche Marokkoreise mit seinem Vater, eine leidenschaftliche Affäre, die Versöhnung mit der Stieffamilie sowie zwei Begegnungen mit dem Tod zurückblicken kann, muss man sagen: Er scheint den Rat des Direktors beherzigt zu haben.

Ähnlich Positives lässt sich über Caroline Links Film, der von Bens aufregendem Sommer erzählt, leider nicht sagen. Außer man möchte ihr zugute halten, dass das Überfrachten einer ohnehin schon überladenen Geschichte mit visuellen und erzählerischen Klischees auch eine Art von "was draus machen" ist.

Dabei ist die Ausgangssituation von "Exit Marrakech" reizvoll. Der in einem edlen süddeutschen Internat untergebrachte Ben wird von seiner geschiedenen Mutter dazu verdonnert, den Sommer bei seinem Vater Heinrich (Ulrich Tukur) in Marokko zu verbringen, der dort mit einer Theaterinszenierung auf Tournee ist. Der gefeierte Regisseur kennt das Land noch von Reisen als junger Erwachsener, der introvertierte Ben hingegen ist bislang kaum in der Welt herumgekommen. Wie unterscheidet sich ihr Blick auf das im Umbruch begriffene Land? Was kann der eine vom anderen lernen? Wo verweigert sich Marokko ihrem Verständnis?

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"Exit Marrakech": Ziemlich viel Wüste
Leider schert sich "Exit Marrakech" nicht um das vorsichtige Erkunden verschiedener Blickwinkel, sondern schlägt sich ziemlich umstandslos auf die Seite von Ben. Wie der sich nach dem Streit mit dem Vater aufs Skateboard schwingt und das nächtliche Marrakesch mit glänzenden Augen bestaunt, so lässt auch der Film den Vater links liegen und bietet eine bestensfalls naive Sicht auf Stadt und Land, die selten mehr als touristische Schauwerte aufzuzeigen weiß.

Das ist zuallererst vor dem Hintergrund des arabischen Frühlings ärgerlich, der hier lediglich am Anfang in zwei, drei Alibi-Dialogzeilen Thema ist. Doch auch wenn man dem Film zugesteht, dass er kein politischer sein möchte, stört seine Einseitigkeit. Wie so häufig in ihren Filmen baut Caroline Link eine falsche Gegnerschaft von Sinnlichem und Intellektuellem auf und entscheidet sich im Zweifel für Ersteres: Natürlich macht Heinrich abgehobenes Regietheater vom Allerödesten, und natürlich kann sein Sohn damit so gar nichts anfangen.

Vielleicht auch ohne Kondom

Diese billige Gegenüberstellung schadet dem Film, weil der überzeichnet lebenshungrige Ben in seinem vermeintlich verkopften Vater keinen ebenbürtigen Sparringspartner findet. Stattdessen muss sich Ben allein auf die Reise durchs Land begeben, berauscht immer nur vom puren Leben, nie behelligt von einer Reflexion, weshalb sich seine Abenteuer auch außerordentlich schal ausnehmen.

Besonders eklatant zeigt sich das an Bens Affäre mit Karima (Hafsia Herzi), einer schönen jungen Prostituierten, die er im Clubleben von Marrakesch kennenlernt. Was ihre Liebelei, die sie von Marrakesch in Karimas bettelarmes Heimatdorf und weiter in die nächste Stadt trägt, genau befeuert, bleibt unklar. Jugendlicher Hormonüberschuss, geschweige denn Liebe, kann es jedenfalls nicht sein, denn dafür sind sich die beiden nach kurzer Bedenkzeit schon wieder herzlich egal.

Ähnlich unstimmig geht es weiter, wenn Heinrich seinen Sohn schließlich in der marokkanischen Pampa aufstöbert. Während sich der Vater eben noch vorm Trubel und Dreck Marokkos ekelte, hat er für die Enthüllung des Sohnes, dass er beim Sex mit Karima nur vielleicht ein Kondom benutzt hat, nun anerkennende "Toller Hecht!"-Blicke übrig.

Dass keine der Figuren in ihrer Psychologie überzeugt, ihre Konflikte und Krisen aber gleichzeitig völlig voraussehbar sind (oder glauben Sie, dass der Diabetiker Ben während seines Roadtrips immer bestens mit Insulin versorgt sein wird und nie kurz vor dem Tod durch Überzuckerung stehen wird?), offenbart womöglich ein grundsätzliches Problem von "Exit Marrakech": Indem der Film Heinrich, den grübelnden Künstler und Verfechter der Fiktion, als weltfremden Intellektuellen zeichnet, stellt sich "Exit Marrakech" nämlich selbst in Frage. Denn wenn das echte Leben die Kunst immer aussticht - warum sollte man sich dann einen Spielfilm anschauen?

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insgesamt 16 Beiträge
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Seite 1
m.breitkopf 23.10.2013
1. Rosebud
Zitat von sysopStudiocanalMit "Exit Marrakech" erzählt die deutsche Oscar-Gewinnerin Caroline Link ein Vater-Sohn-Drama vor der strahlenden Kulisse Marokkos. Leider schickt sie zwei Menschen auf diesen sommerlichen Roadtrip, die so simpel gestrickt sind wie die gesamte Story. http://www.spiegel.de/kultur/kino/vater-sohn-drama-exit-marrekech-von-caroline-link-a-928610.html
Diese Frage ist leider auch ein klein wenig simpel gestrickt. Die Antwort ist einfach: Das echte Leben und die Kunst schl
mfniedermeier 23.10.2013
2. optional
Ich habe zwar den Film nicht gesehen, kenne aber Marokko und Marrakech sehr gut. Nach Ihrem Artikel wird hier Marokko dargestellt, wie es in der Realität nicht ist.
hennes8 23.10.2013
3.
Was mich an den Kritiken von Frau Pilarczyk schon lange nervt, ist ihre Art, den Lesern in ihren Nörgeleien mitzuteilen, dass sie es besser weiß, wie man einen richtig guten Film macht. Da frage ich mich doch: Warum wechselt sie nicht den Beruf und wird Regisseurin? Als Kritikerin müsste sie ja irgendwann an der Welt verzweifeln...
Reinecke Fuchs 23.10.2013
4. Gleicher Film?
Ich finde es erstaunlich, wie unterschiedlich die Kritiken von SPON und Kulturzeit von 3sat sind. Während auf der einen Seite der Film bemerkenswert schlecht dargestellt wird, wurde er auf der anderen Seite in den höchsten Tönen gelobt. Ist SPON generell eher kritischer und TV eher gutmütiger? Oder liegt das an den Autoren.
m.jendrytzko 23.10.2013
5. optional
auch mir drängt sich der eindruck auf, dass frau pilarczyk hier mal wieder etwas zu sehr von oben herab schreibt. ich kann mich hennes8 nur anschließen. ich würde mir eine etwas objektivere schreibweise wünschen. damit meine ich nicht, dass sie evtl an einigen punkten recht haben mag.
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