Venedig-Eröffnungsfilm Liebling, sie haben Matt Damon geschrumpft!

Das Filmfest in Venedig eröffnet mit einem Glanzstück: Die irrwitzige Science-Fiction-Satire "Downsizing" von Alexander Payne vereint klassische Hollywood-Tugenden mit globalem Sozialbewusstsein.

Hauptdarsteller Kristen Wiig und Matt Damon in "Downsizing"
Paramount

Hauptdarsteller Kristen Wiig und Matt Damon in "Downsizing"

Aus Venedig berichtet


Von "Nebraska" nach Norwegen: Spielte der letzte Film von US-Regisseur Alexander Payne noch im tristen Schwarzweiß unter den alternden Abgehängten in seinem Heimatstaat, beginnt "Downsizing" in einem Forschungsinstitut in Bergen.

Ein fusselig-nordischer Wissenschaftler namens Jorgen Asbjornsen (Rolf Lassgard) erlebt einen Durchbruch, der die Welt verändern soll: Was, wenn man die Müll- und Ressourcen-, die Ernährungs- und Klimaprobleme, die der Mensch verursacht, dadurch lösen könnte, dass man die Menschheit auf einen Bruchteil ihrer Größe schrumpft? Also etwa auf 15 Zentimeter? Bei der Präsentation vor der Weltöffentlichkeit wird triumphierend ein halb gefüllter Müllsack präsentiert, in den der gesamte Abfall passt, den eine experimentelle Dorfgemeinde in den Fjorden Norwegens in zwei Jahren produziert hat.

Hysterisches Gelächter bei den Pressevorführungen

Die Prämisse von "Downsizing", dem Eröffnungsfilm der 74. Filmfestspiele von Venedig, ist so umwerfend wie irrwitzig, sie bildet die Basis für ein ins Private wie Politische ausgreifendes Epos, das Satire und Science-Fiction ist, zugleich aber auch großes Hollywood-Erzählkino und Moralstück über den Zustand der conditio humana. Es ist eine Art Spielberg-Update für Erwachsene und für unsere Zeit, eine Begegnung der Dritten Art, die nicht ins All nach Aliens Ausschau hält, sondern buchstäblich mit der Lupe ganz tief in den Menschen hinein.

Man hätte nach dem leisen, introvertierten "Nebraska" vieles von Payne erwartet, der vor gut 15 Jahren mit den seelenschürfenden Komödien "About Schmidt" und "Sideways" seinen Durchbruch erlebte. Es heißt, der Perfektionist Payne, der sich an Hollywood-Klassikern à la Frank Capra orientiert, immer den kleinen Mann im Blick, habe noch nie einen schlechten Film gemacht.

"Downsizing", eine radikale Änderung seines Themenspektrums und seiner Tonart, ist in jedem Fall sein bisher kühnstes Projekt: ein Balanceakt zwischen haarsträubender Komik und Gewissensbiss, zwischen Slapstick und Schnulze, die bei den Pressevorführungen am Mittwochmorgen und -mittag immer wieder für hysterisches Gelächter sorgte. Ein Glücksfall für Venedig und eine perfekte Wahl für die Festival-Eröffnung: "Downsizing" verspricht bei den Oscars im kommenden Februar eine Rolle zu spielen - und wird auch an der Kinokasse gut funktionieren.

Wer sich kleinmacht, gewinnt

Zehn Jahre nach Asbjornsens Entdeckung haben sich Millionen Umweltbewusste aus aller Welt zu Däumlingen schrumpfen lassen. Aus der Weltrettungsidee ist ein Marketing-Erfolg geworden: In luxuriösen Anlagen voll prachtvoller Anwesen, die "Leisureland" heißen und wie Miniaturwunderländer wirken, residieren die "Kleinen" wie Könige.

Denn wer sich schrumpfen lässt, vervielfacht sein Vermögen, ein Diamantcollier samt zugehörigen Brillianten-Armbändern ist für läppische 83 Dollar zu haben, verheißt ein strahlendes Pärchen (Neil Patrick Harris und Laura Dern) bei der Werbeshow: Wer sich kleinmacht, gewinnt und beruhigt dabei sogar noch sein Gewissen, lautet die sinistre Botschaft.

Die kommt auch bei Paul Safranek (Matt Damon) und seiner Frau Audrey (Kristen Wiig) in Omaha, Nebraska an. Wie viele mittelalte US-Mittelständler gehören sie zu den Verlierern des frei drehenden Kapitalismus: Ihre Ersparnisse reichen nicht für das ersehnte Eigenheim; Paul, einst Doktorant mit hochfliegenden Mediziner-Träumen, fristet ein Dasein als Ergotherapeut in einem Schlachthof und weiß, dass er hinter seinen Möglichkeiten zurückgeblieben ist.

Das Ehepaar beschließt, sich schrumpfen zu lassen, aus ihren 156.000 Dollar zwölf Millionen zu machen, und sich eine Villa im Wohlstand zu leisten. Sie reisen nach San Diego, um sich gemeinsam im "Leisureland" der aufwendigen und schmerzhaften Transformation (Haare weg, Zahnersatz raus, Abschied von allem Hab und Gut) zu unterziehen. Doch als Paul aus der Narkose erwacht und die Krankenschwester ihm zum Scherz ein riesiges Cracker-Päckchen als Snack anbietet, ist alles ganz anders, als erhofft.

Payne, der das Drehbuch zu "Downsizing" schon vor Jahren mit seinem Schreibpartner Jim Taylor verfasste, gelingt es, die technischen Aspekte des Verkleinerns im Großen durch akribische Prozess-Schilderungen und wohldosierte Effekt-Bilder plausibel zu machen: Man glaubt dieses Zukunftsmärchen von den "small people", die im Zug in eigenen Winz-Abteilen reisen und zu Partys im Tragekasten mit Mikro-Verstärkung gebracht werden: Es könnte jederzeit so kommen.

Großartige Momente für Christoph Waltz und Udo Kier

Bis hierher scheint sich Paynes Film wie eine Parabel auf den Gemütszustand der USA in Trump-Zeiten zu entwickeln. In einer Bar-Szene werden Paul und Audrey von einem ältlichen Besoffenen angepöbelt, der sich von den progressiven Verzwergungswilligen bedroht fühlt: Warum sollen die Kleinen denn überhaupt wählen dürfen, und was tragen sie denn noch zur Wirtschaft bei? Neid, Rassismus, Elitenhass und Angst vor dem Neuen werden in wenigen Bildern insinuiert.

Schon bald öffnet sich "Downsizing" jedoch, durchaus großspurig, einer globalen Perspektive: Es geht nicht mehr um den sich abgehängt fühlenden weißen Amerikaner, es geht um den drohenden Untergang der Menschheit und die Rückkehr in Asbjornsens Ur-Projekt in Norwegen, wo sich die Mini-Menschen der ersten Stunde für den totalen Rückzug vor der kommenden Auslöschung vorbereiten.

Mittendrin Matt Damon, nach seinem triumphalen Auftritt als "Marsianer" vor zwei Jahren erneut in der Rolle des geworfenen Individuums, das seine Rolle in einer radikal fremdartigen Welt finden muss. Leider strahlt sein Paul Safranek nicht so hell wie sein Astronaut Mark Watney, die Last und Vielschichtigkeit des tagesaktuellen Überthemas scheint seine gewohnte Leichtigkeit zu erdrücken.

Schnell lernt Paul, dass die Welt im Kleinen genauso funktioniert wie im Großen, dass die Utopie erneut an Kapitalismus und Materialismus zerbricht. Christoph Waltz und Udo Kier haben großartige Momente als ultra-hedonistisches Opportunisten-Pärchen, das Damons Paul die Augen öffnet über Warenströme, Hehlergeschäfte und die große Abzocke. Die Welt brauche Arschlöcher wie ihn, sagt Waltz' Charakter mit osteuropäischem Akzent in einer Szene zu seinem Nachbar Paul: "Wie soll sonst die ganze Scheiße abfließen?"

Ihm gegenüber - und Paul zur Seite - stellt Payne die Figur der verhafteten, zwangsgeschrumpften und dann im Fernsehkarton nach Amerika geflüchteten Aktivistin Ngoc Lan Tran (Hong Chau) aus Vietnam, die bei der Flucht einen Unterschenkel samt Fuß verlor. Statt sich auf Medienruhm und Märtyrerrolle auszuruhen, putzt sie bei den Reichen und hilft den Armen jenseits der Mauern von "Leisureland" mit Essensresten und Almosen, denn auch Slums und bittere Armut gibt es im winzigen Wunderland, wie Paul erschüttert lernen muss. Die Erkenntnis, vor die Alexander Payne seinen Protagonisten stellt, geht uns alle an: Je kleiner man sich macht, desto größer die Probleme. Ist Wegducken wirklich die Lösung aller Probleme?


Die Filmfestspiele von Venedig laufen vom 30. August bis 9. September. SPIEGEL ONLINE wird regelmäßig von den Filmfestspielen berichten.

insgesamt 1 Beitrag
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Seite 1
marianne.weber 31.08.2017
1. Lösungsansatz
Das wäre doch mal eine tolle Idee, um auf der Erde wieder Platz zu schaffen. Außerdem ist es immer eine gute Idee, gesellschaftliche Probleme, wie z.B. die Überbevölkerung, mit Humor zu behandeln. So erreicht man auch Leute, die sich sonst nicht mit derartigen Themen auseinandersetzen - ob diese dann auch kritisch darüber nachdenken steht natürlich auf einem anderen Blatt...
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