Venedig-Tagebuch Angst-Hasen von David Lynch

Geht es um Angst, weiß er, wo der Hase lang läuft: Regisseur David Lynch ist ein Virtuose des Kino-Grauens. In seinem neuen, in Venedig präsentierten Film werden sogar niedliche Pelztiere unheimlich.


Hasen, alle reden sie über die drei Hasen. Sie sind die neuen Helden auf dem Lido, menschengroß, zwei Weibchen und ein Männchen. Sie sind ordentlich angezogen und bügeln ihre Sachen selbst. Sie sprechen sogar, wobei niemand ganz sicher ist, wovon sie die ganze Zeit reden. Es geht um sehr tiefsinnige Dinge, soviel ist klar, denn die drei Hasen sind die Erfindung von David Lynch. Der Regisseur wird in diesem Jahr mit dem Goldenen Löwen für sein Lebenswerk ausgezeichnet und stürzt wie gewohnt seine Fans mit aufregend komplizierten Filmrätseln in Verwirrung. Seit sein neues Werk "INLAND EMPIRE" am frühen Morgen in Venedig der Presse vorgestellt wurde, gibt es auf dem Festivalgelände nur noch eine Frage: Was hatte das bloß alles zu bedeuten? Schwer zu sagen. In knapp drei Stunden erzählt Lynch so viele ineinander verzahnte Geschichten auf einmal, dass man nur schwer den Überblick behalten kann: Hollywood-Schauspielerin Nikki bekommt die Chance auf ein Comeback, die Hauptrolle in einem Liebesdrama über eine verhängnisvolle Affäre. Wie sich herausstellt, wurde der Film allerdings schon einmal gedreht, ohne dass er jemals fertig geworden wäre.

Unter mysteriösen Umständen wurde das Projekt seinerzeit vorzeitig beendet, und auch diesmal werden die Dreharbeiten immer merkwürdiger. Zeit und Raum verschieben sich, die Nikki von heute trifft ihr gestriges Ich, die Realitäten verschwimmen, und immer wieder tauchen die drei seltsamen Riesen-Hasen auf, die unter eingespielten Lachern vom Band allerlei Rätselhaftes von sich geben.

Ist Kritikern ein Rätsel

Zusammen gehalten wird das fragile Story-Gebilde von einer fantastischen Laura Dern, erfahrene Lynch-Veteranin und –Muse, die als Nikki und Sue das Zentrum des Films bildet und den Zuschauer in ihr Rollenspiel zwischen naiver Schönheit, kühler Femme Fatale und verzweifelter Hausfrau verwickelt.

Es gibt viel Applaus für Lynch in Venedig, der auf der Pressekonferenz erklärt, er habe die Ideen einfach fließen lassen, den Dreh ohne ein fertiges Script begonnen und sich selbst ganz unbedarft vom Ergebnis überraschen lassen. Was die Journalisten nicht davon abhält, sich der Interpretationswut hinzugeben, um dem Geheimnis der drei Hasen doch noch auf die Spur zu kommen.

Bei soviel Lynch-Manie gerät der offizielle Wettbewerb fast ein wenig in Vergessenheit. Dabei gab es auch da wieder ein paar Schönheiten zu bestaunen. "Exiled" vom Hong-Kong-Chinesen Johnnie To zum Beispiel ist ein atemloses Gangsterstück über eine Killer-Gang in Macau im Jahr 1998, kurz bevor die portugiesische Kolonie an China übergeben wird. Moral ist hier ein sehr schwammiger Begriff, Gesetzlosigkeit Alltag. Elegante Action-Sequenzen wechseln sich ab mit augenzwinkernd dramatischen Momenten der Selbsterkenntnis, wobei der Film seine Blutrünstigkeit manchmal allzu sehr zelebriert.

Nur die Ruhe

Ruhiger dagegen der traditionell lang geheim gehaltene Überraschungsbeitrag des Festivals: Es gab Gerüchte, dass der neue Film von Martin Scorsese laufen könnte, stattdessen kam "Still Life" von Jia Zhangke, der mit dem nicht unähnlichen "Dong" auch im diesjährigen venezianischen "Horizonte"-Programm vertreten ist.

"Still Life" erzählt die Geschichte eines Mannes, der nach sechzehn Jahren in seine chinesische Heimat zurückkehrt, um seine Tochter zu finden. Doch wo sein Dorf war, ist nur noch Wasser, ein für den Drei-Schluchten-Staudamm zwangsgeflutetes Geistertal. Leise schildert Jia Zhangke die ungeheuren Folgen des Großprojekts, manchmal mit geradezu einschläfernder Langsamkeit, dafür mit grandiosen Bildern einer irreal wirkenden Welt.

Damit einem die vielen schicksalsschweren, bedeutungsvollen oder rätselhaften Beitrage nicht zu sehr aufs Gemüt schlagen, bietet das Programm in Venedig glücklicherweise immer mal wieder ein leichtes Film-Bonbon für zwischendurch. Im Moment behauptet sich die außer Konkurrenz laufende Mobbing-Komödie "The Devil wears Prada" erfolgreich gegen die allgemeine Tiefgründigkeit. Die Geschichte um ein Mädchen vom Lande, das als Assistentin einer diabolischen Chefredakteurin Höllenqualen durchsteht, ist weder originell noch sonderlich schlau, aber sie hat Meryl Streep.

Als eiskalter Horrorboss reicht ihr ein Augenaufschlag, um ihr Gegenüber zu vernichten. Niemals erhebt sie die Stimme, sondern demütigt ihre Untergebenen mit subtiler Beiläufigkeit - eine der großen Performances dieses Festivals.

Meryl Streep hätte es verdient, Tagesthema am Lido zu sein. Wenn nur die Hasen nicht wären.



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