Venedig-Tagebuch Brad vorm Kopf

In Venedig lädt Brad Pitt charmant zur Plauderstunde. Anlass ist Andrew Dominiks Wettbewerbsfilm "Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford", der ihn in einem grandiosen Duell mit seinem Schauspielerkollegen Casey Affleck zeigt.

Aus Venedig berichtet


Im Auge des venezianischen Star-Hurrikans ist es so still und sattgrün und gartenlaubenfriedlich, dass man glaubt, die Mücken sirren zu hören, die sich vorgenommen haben, Charlize Theron oder Tilda Swinton, Michael Caine und Brad Pitt auszusaugen. Das Hotel Cipriani liegt sieben Minuten Bootsfahrt entfernt vom Festivalzentrum auf dem Lido auf der Insel Giudecca in der Lagune von Venedig, die früher dem Gemüseanbau diente. Das rotgetünchte Haus ist ein verwinkeltes ländliches Idyll ohne die Großzügigkeit der Strandhotels drüben am Meer. Hier aber, in einer Nische, die nur mit Taxis oder einem eigenen Boot und nicht mit öffentlichen Barkassen zu erreichen ist, fühlen sich die Stars einigermaßen geschützt vor den Paparazzi und der Neugier ihrer Fans.

Es ist ein merkwürdiger Spaß, gemeinsam mit vier Journalistenkollegen in ein blankpoliertes Taxiboot zu steigen und in den Rückzugsort der Reichen und Schönen verfrachtet zu werden. Brad Pitt, so ist uns versprochen, gibt auf der Gartenterrasse des Cipriani Interviews: Jeder von uns kriegt gut 20 Minuten allein mit Brad vorm Kopf, um ihn auszufragen über seinen Wettbewerbsfilm "Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford". In Deutschland läuft das Werk im Spätherbst an.

Jetzt aber dümpelt unser Gefährt erst mal gemächlich der Anlegestelle des Cipriani entgegen, man wird herausgehievt und tapert zum Hoteleingang, und unmittelbar davor sitzt ein junger Mann mit verwuschelten braunen Haaren, schwarzem Anzug und offenem weißen Hemd am Cafétisch, eifrig beschäftigt mit dem Tippen einer SMS oder einer Mail in sein Mobiltelefon; sehr nett, das ist ja der obersmarte Jude Law, staunt man, und ein paar Tische weiter telefoniert Michael Caine!

Egal, wir wollen ja zu Mister Pitt. Der trägt an diesem Nachmittag ein weißes T-Shirt und eine Ray-Ban-Sonnenbrille, hat sein sandfarbendes Martin-Margiela-Sakko über die Stuhllehne gehängt und ist von ausgesuchter Höflichkeit: entschuldigt sich gleich, noch nicht so ganz wach zu sein, schnurrt dann aber fröhlich los und bleibt stets um den Anschein von Bescheidenheit bemüht. Natürlich hat man keine Ahnung, wie der sonst so ist, ob er seine Hauskatze trockenschleudert oder Stubenfliegen die Beine ausreißt oder ob ihn sonst welche schlimme Obsessionen plagen, aber hier, heute, im Cypriani, immer zappelig seine Hosen- und Sakkotaschen abfieselnd auf der Suche nach der nächsten Zigarette: ein Supertyp.

Und was hat Brad Pitt jetzt so zu sagen, zum Film, zur Welt, zu seinen Lebensplänen? Das darf jeder Interviewer erst zum Filmstart im eigenen Land veröffentlichen, so ist das Geschäft.

Robin Hoods des Ganovengeschäfts

Der Film, in dem Pitt den berühmtesten amerikanischen Outlaw des 19. Jahrhunderts spielt, ist das Porträt eines manisch-depressiven Volkshelden. Und das Duell zwischen einer starken, zu Liebesbezeugungen unfähigen Vaterfigur und einem schwachen, weichlichen Jüngling, der viel drum geben würde, Jesse James' Sohn zu sein. Casey Affleck stellt den schüchternen, flirräugigen Junggangster Robert Ford dar, einen 19-Jährigen, der im Jahr 1881 bei Jesse James letztem Zugüberfall mitmachen darf. Da sind Jesse und Frank James schon seit anderthalb Jahrzehnten im Ganovengeschäft und berühmt als Robin-Hood-ähnliche Freibeuter durch Hunderte von Zeitungsstorys und Groschenromane. Sämtliche ihrer alten Kumpane sitzen im Knast, weswegen sie sich mit windigen Amateuren einlassen müssen.

Der 1967 in Neuseeland geborene Regisseur Andrew Dominik, bekannt geworden durch den Film "Chopper" über einen anderen legendären (australischen) Kriminellen, feiert in elegisch schönen Bildern die bekannt weiten Landschaften im amerikanischen Mittelwesten, wo Jesse James zu Hause war und auch Brad Pitt groß und stark gepäppelt wurde. Und Dominik feiert Jesse James als rätselhaften, verschlossenen, charismatischen Mann, der mit seiner Frau und seinen beiden Kindern Familie spielt und im Schaukelstuhl sitzt, bevor er wieder aufbricht zu mehr und mehr sinnlosen Streifzügen durch kahle Wälder und verschneite Wiesen.

Überall sieht sich James von Verrätern umzingelt, abtrünnigen Ex-Gefährten, die er schon mal totballert wie räudige Hunde. Auch dem verdruckst grinsenden Robert Ford und dessen Bruder traut er nicht über den Weg - und doch sind sie die Gefährten seiner letzten Tage und sitzen sogar am Abendbrottisch der Jamesschen Kleinfamilie. Das Bürschchen Robert wird James nach zweieinhalb Filmstunden hinterrücks erschießen, aber in all der langen Zeit gelingt dem Regisseur Dominik ein packendes psychologisches Katz-und-Maus-Spiel, das gespickt ist mit historischen Fakten: "Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford" legt nahe, dass James selber schlussmachen wollte und deshalb seinem Mörder die Tatwaffe schenkte, im Wissen, was der mit ihr anstellen würde.



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