Venedig–Tagebuch Ein Baby erlöst die Welt

Der britische Zukunftsthriller "The Children of Men", gedreht vom mexikanischen Regisseur Alfonso Cuarón, ist die erste Sensation beim Filmfestival - und lässt die neuen Werke der Österreicherin Barbara Albert und des Franzosen Alain Resnais ziemlich blass aussehen.


Wo bitte bleibt das Kindergeschrei? Wenn man in Venedig am Meeresstrand oder sonst wo auf dem Lido herumspaziert, dann kann es ganz plötzlich passieren, dass man den Lärm der tobenden Kleinen vermisst. Diese Stadt wird von derart vielen Alten und Kinderlosen bevölkert, dass sie selbst im zeugungsschwachen Italien als besonders kinderarm berüchtig ist. Und tatsächlich sieht man am Festivalsonntag, wenn Badetag ist auf dem Lido und die venezianischen Einheimischen gewohnheitsmäßig in großer Zahl über die Lagune schippern, besonders viele knusprig gebräunte und topfitte alte Menschen in der matten Dünung plantschen oder vor dem Festivalpalast herumhüpfen, aber nur erschütternd wenige Bambini.

Regisseur Alfonso Cuarón in Venedig: Pathos im Überfluss
AP

Regisseur Alfonso Cuarón in Venedig: Pathos im Überfluss

Wie wäre eine Welt ohne Kindergeschrei eingerichtet? Das malt sich der mexikanische Regisseur Alfonso Cuarón nach einer Buchvorlage von P. D. James in dem Science-Fiction Thriller "Children of Men" aus - und landet damit in Venedig einen sensationellen Coup, der ihn vorläufig zum haushoch überlegenen Favoriten im Wettbewerb um den Goldenen Löwen macht.

Im Grunde könnte sich auch Frank Schirrmacher "Children of Men" ausgedacht haben. Der Film spielt im Jahr 2027 in einer abgeschabten Zukunftswelt, in der Bürgerkriege und Abwehrkämpfe gegen Migranten aus den armen Ländern toben, und in der es keine Kinder mehr gibt auf Erden. Seit knapp zwei Jahrzehnten, seit 2009 sind die Menschen auf dem ganzen Globus, ob arm, reich, schwarz, gelb oder weiß, komplett unfruchtbar.

Düstere Beiläufigkeit

Cuaróns Film malt dieses Szenario mit düsterer Beiläufigkeit aus. Zu Beginn hetzt Clive Owen in der Rolle eines Büroangestellten namens Theo mit müdem Blick und Whiskey-gefülltem Flachmann durch ein in pittoresken Grautönen verkommenes London, und schon wird ein Frühstückscafé samt Dutzenden von Gästen durch eine Bombenexplosion zerfetzt. Wenig später kidnappen Terroristen Theo. Er trifft im Lager der Schurken seine Ex-Frau (Julianne Moore) wieder. Sie bittet ihn, gefälschte Papiere für eine junge schwarze Frau zu besorgen.

In "Children of Men" lauern Gefahr und Verrat fast überall, nur in sorgfältig getarnten Verstecken tief im Wald oder auf Bauernhöfen können die Menschen für kurze Zeit verschnaufen und ein paar Sätze miteinander sprechen; Theo aber muss ziemlich schnell einsehen, dass nur er allein dem Mädchen auf der Flucht (Chiwetel Ejiofor) helfen kann - und dass dieses Mädchen schwanger ist.

Der Mexikaner Cuarón ist bisher vor allem mit dem Film "Y tua mama tambien" (2002) aufgefallen, davor hat er die Klassikerbearbeitung "Great Expectations" gedreht, danach eine Harry-Potter-Verfilmung. Die britische Großproduktion "Children of Man" aber ist nun eine besonders blutige Version der Weihnachtsgeschichte. Tatsächlich wissen die totalitären Herrscher der zivilisierten Welt ebenso wie die Terroristen: Die Geburt eines Säuglings wird als Erlösung gefeiert werden; und deshalb machen fast alle Jagd auf das heilige Kind.

"Children of Men" erzählt diese - sagen wir vorsichtig: ganz schön pathetische - Story mit zwingender Kraft, in mitreissendem Tempo und mit großartigen Schauspielern. Im Vergleich wirken viele andere Wettbewerbsfilme da nur wie matte Zählkandidaten.

Plaudern bis zum Abwinken

Der an sich verehrungswürdige und bejahrte französische Regisseur Alain Resnais zum Beispiel schildert in "Coeurs" ("Herzen") die Nöte, die ein bunt zusammengesuchter Haufen von nicht mehr ganz jungen Menschen so mit der Liebe hat. Großartige, aber auch ziemlich eitle französische Schauspieler sitzen in extrem künstlichem, bonbonbuntem Bar-Licht herum; nicht mehr ganz junge Frauen halten bettlägerige Greise mit Striptänzen bei Laune; und alle plappern sie ohne Unterlass. Resnais hat (wie schon in "Smoking/ No Smoking") ein Theaterstück des britischen Autors Alain Ayckbourn verarbeitet, die Vorlage heißt "Private Fears in Public Places" - aber statt von intimen Ängsten oder Sehnsüchten zu erzählen, bietet er leider nur mittelamüsantes Geschwätz.

Bei der Österreicherin Barbara Albert wird im Wettbewerbsfilm "Fallen" auch geredet bis zum Abwinken. Fünf Frauen Anfang dreißig treffen sich auf der Beerdigung eines Lehrers, mit dem mindestens zwei von ihnen auch Sex hatten: Das ist eine Situation, aber keine Geschichte. Und so hängen und rauchen und trinken Schauspielerinnen wie Birgit Minichmeyer, Nina Proll und Kathrin Resetarits auf einem Dorffest und in der Disco herum, ohne dass mehr dabei herauskommt als Außenansichten einer sehr allgemeinen weiblichen Tristesse, die durch ein paar kapitalismuskritische Sätze aufgehübscht wird. "Fallen" ist gar nicht unsympathisch, aber leider absolut egal.

Dabei ist eines der Themen, das Barbara Alberts Frauenfünfer nur antippt und keineswegs behandelt, die Frage, was es bringt, in unserer Gegenwart noch Kinder in die Welt zu setzen. Hätten sich die fünf Heldinnen ins Kino zu "Children of Men" gesetzt: Kann sein, sie wären empört gewesen über die ein bisschen verwegene Fortpflanzungs-Verherrlichung des Films, ganz sicher aber wären sie aus ihrer Lethargie erwacht.



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.