Venedig–Tagebuch Es lebe die Königin

Der vierte Teil der "Heimat"-Reihe von Edgar Reitz enttäuscht viele Zuschauer: Die "Fragmente" sind kaum mehr als eine ziellose Montage von Bonus-Material. Die große Heldin von Venedig wird wohl die Queen werden - als kühle Monarchin nach dem Tod von Diana.

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Gelassen tröpfeln die Massen durch die Metalldetektoren um den prächtigen Palazzo del Casino auf dem Lido. Jeder Rucksack wird kontrolliert, bevor man sich dem Festivalzentrum nähern darf, den Kinosälen, den Pressestellen. Es ist warm, beinahe heiß in der venezianischen Mittagsonne, die Menschen schwitzen in den Warteschlangen, und trotzdem hört man kein Wort der Beschwerde.

Gefeiert: Queen-Darstellerin Mirren und Regisseur Frears
REUTERS

Gefeiert: Queen-Darstellerin Mirren und Regisseur Frears

Die Wächter sind freundlich und schnell, die Kinos sind fast immer voll, aber groß genug, dass auch Spätankommer noch einen Platz kriegen. Die Vorstellungen beginnen pünktlich. Perfekte Organisation, alles läuft glatt, eine hervorragend geölte Festivalmaschine. Amerikanisch anmutende Effizienz in Italien. Es ist ein bisschen beängstigend.

Umso schöner, dass es sie doch noch gibt, die kleinen Momente des Chaos. Erwischt hat es ausgerechnet "Heimat - Fragmente" von Edgar Reitz, den deutschen Beitrag für die "Horizonte"-Reihe, neben zwei Kurzfilmen die einzige Spur von deutscher Beteiligung in Venedig überhaupt.

Erst mit einer halben Stunde Verspätung kann die erste Vorstellung beginnen, niemand weiß genau, was los ist, bis eine weibliche Stimme zerknirscht durchsagt, dass es wegen technischer Probleme diesmal leider keine italienischen Untertitel gibt. "Schämt Euch!" ruft ein italienischer Journalist, Pfiffe hallen einzeln durch den Saal, ein kleines Stück zivilen Ungehorsams. Es ist wunderbar.

Fragmente für hartgesottene Fans

Nur wenige stehen auf und gehen, zu gespannt sind die meisten auf den inoffiziell vierten Teil der legendären "Heimat"-Reihe, die große Familiengeschichte aus dem Hunsrück, an der Edgar Reitz nun schon seit 1984 erzählt. "Heimat - Fragmente" ist allerdings keine Fortsetzung sondern eher so etwas wie eine Zugabe. Aus den vorigen Filmen war einfach noch eine Menge Material übrig, das hat Reitz dann neu zusammen montiert, wäre ja auch schade drum gewesen.

Um die Frauen der alt bekannten Familie Simon soll es gehen, um Lulu, Klärchen, Lucie und die vielen anderen, die über 145 Minuten wild und ziellos vor sich hin philosophieren. "Wieviel wiegen verlorene Gedanken?", fragt sich Lulu (Nicola Schössler) zum Beispiel, hämmert zwischendurch stoisch auf einen Amboss ein und spricht mit magischen Pfützen und Baumhöhlen.

Schwere Kost. Nach und nach bricht das Publikum ein, minütlich stehlen sich Verzweifelte aus dem Saal, übrig bleiben nur die ganz Harten. Auch die sehen am Ende nicht glücklich aus.

Etwas leichter geht es später und ebenfalls im "Horizonte"-Programm bei "The Hottest State" zu, von, mit und nach Ethan Hawke. Der hat seinen ersten Roman kurzerhand selbst verfilmt, bevor es kein anderer tut. Ein 20-jähriger Möchtegern-Schauspieler (Mark Webber) mit Vaterkomplex verliebt sich in eine gleichaltrige Möchtegern-Sängerin (Catalina Sandino Moreno), die ihn wenig später wieder loswerden möchte und ihn so zum liebeskranken Super-Depressiven macht. Nebenbei gilt es, die Vergangenheit aufzuarbeiten und dem Vater (Ethan Hawke) gegenüberzutreten, der die Familie vor Jahren verlassen hat.

Die Queen als Filmheldin

Manchmal schwankt der Film gefährlich nah in Richtung spätpubertäres Jammerkino, aber so sollen sie wohl sein, die Anfang-20-Jährigen heutzutage: von sich selbst besessen und von Selbstmitleid zerfressen. Dass er aus solchen egomanischen Nervensägen sympathische Charaktere machen kann, muss man Ethan Hawke allerdings hoch anrechnen. "The Hottest State" ist keine Film-Großtat, nur ein schöner kleiner Liebesfilm für einen Kinoabend zu zweit. Und das ist ja schon eine ganze Menge.

Und für die Meisterwerke ist ja eigentlich auch der Hauptwettbewerb zuständig. Und jetzt hat ihn Venedig auch endlich, den Hit, einen wirklichen Favoriten: "The Queen" von Stephen Frears erzählt von der Woche nach dem Tod Prinzessin Dianas, aus der Perspektive von niemand geringerem als Queen Elizabeth II., spektakulär verkörpert von Helen Mirren, die gut beraten wäre, sich schon mal eine Dankesrede für den Darstellerpreis zurecht zu legen.

Liebevoll und bissig folgt Frears seiner Heldin durch die Tage internationaler Massenhysterie, die sie weder versteht noch teilen kann, bis der Ruf der britischen Krone an ihrer scheinbaren Teilnahmslosigkeit zu zerbrechen droht. Nebenbei nervt sie der neu gewählte Premier Tony Blair (Michael Sheen) ständig mit gut gemeinten Ratschlägen und wird auch noch zusehends populärer.

Was für ein absurdes Konzept, was für ein großartiger Film. Unbefangen erfindet sich Frears seine Welt der Royals, ohne sie zur Karikatur verkommen zu lassen. Ein Gedankenspiel, wie es damals im Palast zugegangen sein könnte, respekt-, humor- und wundervoll. Für Helen Mirren gab es während der Vorstellung Szenenapplaus. Jeder Blick von ihr ist königlich, jede Geste würdevoll. Aus einem undurchschaubaren Wesen macht sie einen Menschen, so kühl wie liebenswert, so stilvoll wie verunsichert. Es ist eine berauschende Vorstellung.

Venedig hat seine Königin gefunden. Und sie ist gerecht und gut.



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