Venedig-Tagebuch Scarlett, errette uns!

Ist das Filmfest in Venedig wirklich in Gefahr? Wird das geplante Kinofestival in Rom der Mostra den Rang ablaufen? Nicht solange Stars wie Scarlett Johansson und Filme wie "Infamous" am Lido brillieren.

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Was wurde nicht gestern, bis kurz vor der offiziellen Eröffnung, noch überall getuschelt und genörgelt über das ehrwürdige Filmfestival in Venedig. Zum 63. Mal wird jetzt auf dem Lido das Kino gefeiert, und es klang fast so, als könnte es diesmal eine Trauerfeier werden: Das nahezu parallel laufende Festival in Toronto habe die viel interessanteren Filme, hieß es. Und wenn im Oktober erstmal die Römer ihr eigenes Festival bekommen, wäre die venezianische Mostra doch eigentlich überflüssig. Schlechte Stimmung gleich zu Beginn – doch dann kam Scarlett Johansson.

Als sie gestern Abend über den roten Teppich schritt, als Hauptattraktion des Eröffnungsabends, von Schaulustigen umjubelt, von Blitzlicht begleitet, da war die Welt auf dem Lido wieder in Ordnung. Ein großer Star zum Auftakt, ein bisschen Glamour wie im alten Hollywood, und einen Haufen schreiender Paparazzi, mehr braucht es gar nicht. Wer denkt da schon an Rom oder Toronto?

Thriller in Schwarztotgold

Die Stimmung ist erstmal gerettet, jetzt fehlen nur noch die cineastischen Highlights. Der Eröffnungsfilm "The Black Dahlia" von Brian De Palma wurde immerhin recht freundlich aufgenommen. Ein Film Noir der alten Schule, wunderschön ausgestattet und streckenweise spannend, das ist doch für den Anfang gar nicht schlecht. Die (wahre) Geschichte über einen legendären Mordfall in Hollywood im Jahr 1947 folgt einem Roman von James Ellroy, dessen düsteres Krimiwerk "L.A. Confidential" zum Filmklassiker wurde.

So virtuos ist De Palmas Film dann doch nicht. Der Plot schwirrt unentschlossen umher, erzählt ein paar Geschichten zuviel auf einmal. Nicht jede Wendung kommt überraschend, nicht alle darstellerischen Leistungen bewegen sich auf hohen Niveau. Aaron Eckhart als harter Cop und Hilary Swank als mysteriöse Sex-Bombe leisten so hervorragende Arbeit, dass es geradezu ärgerlich ist, dass sie sich die Leinwand mit Scarlett Johansson und Josh Hartnett teilen müssen, die ebenfalls als Sex-Bombe und Cop besetzt sind. Johansson ist auf den roten Teppichen dieser Welt aufregender anzuschauen als in diesem Film. Hier wirkt sie eher verunsichert. Teenie-Schwarm Hartnett hat die größte Rolle von allen und ist darin so heillos überfordert, dass er einem leid tun kann.

Bildersturm über Venedig

Einen Goldenen Löwen wird es dafür wohl nicht geben, den bekommt dann schon eher Apichatpong Weerasethakul. Der thailändische Regisseur gilt als große Kreativ-Hoffnung des Weltkinos, hat mit dem sensationellen "Tropical Malady" vor zwei Jahren Cannes verzaubert, und präsentiert in Venedig sein neues Werk "Syndromes and a Century". Darin geht es um ein Krankenhaus auf dem Land und ein Krankenhaus in der Stadt. Eine genauere Beschreibung wäre so zwecklos wie der Versuch einer Deutung. Spektakuläre Bilder gehen in kontemplativer Ruhe auf den Zuschauer nieder, bevor ein irrwitziges Gemeinschaftstanz-Finale die Meditation jäh beendet.

Die interessantesten Filme laufen, wie so oft, außerhalb des Wettbewerbs. "Infamous” von Douglas McGrath beispielsweise, wurde deshalb so gespannt erwartet, weil es den Film eigentlich schon gibt. Wie im letztjährigen "Capote" geht es um Truman Capote und seine Beziehung zum verurteilten Mörder Perry Smith, um die Entstehung von Capotes Tatsachenroman "Kaltblütig". Es ist seltsam, "Infamous" zu sehen, wenn man "Capote" kennt. Die Geschichte ist die gleiche, "Capote" war ein exzellenter Film, wozu braucht es also einen zweiten?

"Infamous", mit einem wunderbaren Toby Jones in der Hauptrolle, mag der bessere Film sein, konsequenter und ambitionierter als der Vorgänger, der sehr von der Strahlkraft seines Hauptdarstellers Philip Seymour Hoffman profitierte. Ob sich das Nicht-Festival-Publikum ein zweites Mal für den zugegebenermaßen faszinierenden Schrifststeller erwärmen kann, wird man abwarten müssen. Helfen könnte das eindrucksvolle Star-Ensemble (Gwyneth Paltrow, Sigourney Weaver, Isabella Rossellini, Jeff Daniels!).

Venedig 2006 – es warten noch neue Filme von Paul Verhoeven, Stephen Frears, David Lynch, Alfonso Cuarón und viele mehr. Meryl Streep soll noch kommen, und Laura Dern.

Rom und Toronto? Lächerlich.



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