Venedig-Tagebuch Schäferstündchen mit den Nymphchen

Am Lido in Venedig protzen Eric Rohmer und Claude Chabrol mit sexuellen Altersobsessionen, Woody Allen schildert ein Mordkomplott und Wes Anderson präsentiert einen knallbunten Indienfilm wie aus wilden, drogenlustigen Beatles-Tagen.

Aus Venedig berichtet


Der Festivalfahrplan in Venedig ließ am Wochenende die Altmeister ran. Der hochverdiente britische Regisseur Ken Loach, fleißiger Sozialarbeiter im Weinberg des Weltkinos, erzählte in "It's A Free World" brav engagiert von der Ausbeutung osteuropäischer und einheimischer Zeitarbeiter in Großbritannien. Und die beiden unermüdlichen Schwerenöter Claude Chabrol und Eric Rohmer beschworen den Zauber der Liebe zu allen Lebens-Jahreszeiten. Ein bisschen unhöflicher ausgedrückt: Sie ließen der Altersgeilheit freien Lauf.

Rohmer hat in "L'amour d'Astree et de Celadon" ein höfisches Schäferspiel aus dem 17. Jahrhundert verfilmt und animiert blankbrüstige Nymphen und flotte Schäferknaben dazu, durch eine sanfthügelige Frühlingslandschaft zu hoppeln: Das ist absurdes Literaturverfilmungs-Theater in flatternden Kostümen und eine leider gruselig peinliche Beschwörung bukolischer Freuden und busenknospender Unschuld.

Chabrol dagegen erzählt in "La fille coupee en deux" (etwa: "Das zerrissene Mädchen") eine Sex- und Hörigkeitsgeschichte aus der französischen Gegenwart, in der ein frischwangiges Mädchen einem graubärtigen alten Schriftstellererfatzke verfällt, der gut und gerne ihr Opa sein könnte. Ludivine Sagnier ist eine Fernseh-Wetterfee namens Gabrielle und geht dem alten Poesieschwadroneur (François Berleand) so gründlich auf den Leim, dass sie sich in einen edlen Swingerclub mitschleppen und dort von Wildfremden vernudeln lässt.

Routiniert und klischeesatt: Der neue Chabrol

Vor allem aber treibt sie den ihr hoffnungslos verfallenen Schnöseljungen (Benoit Magimel) in die Verzweiflung, weil sie seine Liebe wegen des Schriftsteller-Tatterichs verschmäht. Das alles präsentiert Chabrol ein bisschen routiniert und klischeesatt. O-Ton: "Jaja, im seltsamen Frankreich treiben sie's wirklich so kreuz und quer durch drei Generationen!" Aber dann doch mit schöner Bosheit: Der eitle alte Sack, dem die schöne Gabrielle ihr Herz schenkte, kommt nicht ungeschoren davon.

Chabrol tritt in Venedig ebenso außerhalb des Wettbewerbs an wie Woody Allen. Dessen jüngstes Werk "Cassandra’s Dream" ist eine gradlinig, fast humorfrei, aber mit schauspielerischer Brillanz erzählte Geschichte über zwei junge Brüder aus der Arbeiterklasse, die nach oben wollen.

Ewan McGregor und Colin Farell sind ein großartiges Gespann und jagen auf Hunderennbahnen, in Mädchenarmen und auf ihrem kleinen Segelboot namens Cassandra's Dream dem Glück hinterher, und eines Tages klopft die Schicksalsfee wie im (bösen) Märchen an. Die beiden müssen nur einen kleinen Mord begehen, um ihrem Traum vom Reichtum einen entscheidenden Schritt näherzukommen.

Das ist kunstvoll ausgedacht und sympathisch locker dahininszeniert, aber so ganz wird man in diesem Woody-Allen-Film das Gefühl nicht los, dass man all diese Dostojewski-haften Schuldverstrickungen in "Matchpoint" und "Verbrechen und andere Kleinigkeiten" fixer und lebensnäher serviert bekam - wenn auch nicht mit so düsterem Ausgang. Immerhin verringert das Wiederkennen alter Allen-Motive nicht den Spaß an McGregors und Farells brüderlichem Höllenritt in Hass und Angst und Traurigkeit.

Manche Festivalberichterstatter unken ja, es sei ein einziges großes Schaulaufen und Schultergeklopfe älterer Regie-Herrschaften hier am Lido dieses Jahr. Sie übersehen, dass der Auftritt von großen Kinohaudegen wie Takeshi Kitano, Claude Chabrol oder Alexander Kluge, dem hier 40 Jahre nach Gewinn des "Löwen" eine üppige Werkschau gewidmet ist, die Werke der wenigen jüngeren Regisseure erst besonders glänzen lässt.

So wird der 40-jährige Andrew Dominik mit seinem "Jesse James"-Film - wir berichteten - besonders überschwänglich gefeiert, und auch dem bekannt versponnenen Amerikaner Wes Anderson. 38, huldigen die meisten Journalisten und Festivalgäste mit Jubel und Lachsalven.

"The Darjeeling Limited": Erlösungstrip im Zug

Andersons neuer Film "The Darjeeling Limited" schickt drei amerikanische Brüder, die von Owen Wilson, Adrien Brody und Jason Schwartzmann gespielt werden, auf eine Zugreise durch Indien. Das heißt, in Wahrheit ist es ein Erlösungstrip, denn die drei suchen erstens ihre als christliche Klostervorsteherin irgendwo in der indischen Provinz werkelnde Mutter (dargestellt von Angelica Huston) und zweitens, wie sie es ausdrücken, "Spiritualität".

Anderson Film sieht aus wie ein bonbonbunter Drogentraum. Das Indien, das er zeigt, ist absolut künstlich und wirkt wie die Kulisse einer magischen Mystery-Tour aus den Beatles-Tagen der späten sechziger Jahre. Die drei seltsamen Brüder schlagen und küssen sich und hantieren mit kuriosen - übrigens von Stardesigner Marc Jacobs für Louis Vuitton entworfenen - Koffern, wenn sie sich nicht gerade seltsame Tropfen in den Hals schütten.

Im Zug gibt es eine schöne Schaffnerin, mit der es einer der drei Jungs auf der Toilette treibt, und gerade als der Film in den schieren Klamauk abzudriften droht, werden die Helden aus dem Zug geworfen und geraten in ein schreckliches Unglück hinein: In einem reißenden Fluss kommt ein kleiner Junge ums Leben.

Wie in "The Royal Tenenbaums" und anderen Anderson-Filmen dreht sich alles um Familie, Schuld, psychopathischen Alltagsquark, und wie stets bei Anderson nervt mitunter die bloße Behauptung, allein das Gegrinse und Gehopse und bizarre Gerede der Helden sei schon an sich hip und komisch. Aber der bunte Bilderzauber und die schönen Sechziger-Jahre-Hits von Peter Sarstedt und Mick Jagger versprühen doch immer wieder den Charme eines großartigen Kindergeburtstags, und oft gibt es im Film wunderbar Aberwitziges zu entdecken und mit offenem Mund zu bestaunen.

Einmal beispielsweise, man ist wieder im Zug, hat sich plötzlich in jedem Waggon eine Schlüsselfigur aus dem zurückgelassenen amerikanischen Leben der Jungs eingenistet, und die Kamera klappert mit schwelgerischem Genuß die Abteile ab: Bei Anderson ist das Kino eine alle Ländergrenzen, alle Distanzen und alle Logik überspringende Zauberkiste.



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.