Venedig Tagebuch Schrott aus der Schneekugel

Auch im gediegenen Venedig darf der Trash nicht fehlen: LaButes "The Wicker Man" gab einen Vorgeschmack, doch Aronofskys "The Fountain" geriet zu einem derartigen Desaster, dass viele Zuschauer nach der Vorstellung geschockt zum Bier griffen.

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Die Berlinale sei eine ziemlich graue Veranstaltung, heißt es immer, kühl und unglamourös. Das Filmfest in Cannes, das wichtigste der Welt, gilt als anstrengendes Glitzer-Spektakel, laut und übertrieben. Venedig dagegen, so die Legende, habe Klasse und Stil, mehr Kunst als Kommerz, mehr gediegenes Understatement als lärmenden Blitzlichtterror. Jeder Besucher saugt allzu gern das mondäne Flair des Lido auf und aalt sich für ein paar Tage in dekadenter Großbürgerlichkeit, bevor es zurück ins Großraumbüro geht. Es wäre vielleicht alles ein bisschen zu viel des Guten, wäre da nicht noch diese andere Seite des venezianischen Festivals, ignoriert, verkannt aber allgegenwärtig.

Es kommt darauf an, in welche Richtung man das Festivalgelände am Palazzo del Casino verlässt. Zur Rechten der rote Teppich, das edle Hotel Excelsior, die Stars. Geradeaus der Strand, die berühmten hölzernen Umkleidekabinen, die sonnenbadende Society. Aber zur Linken, da lauert er, der Inbegriff billiger Geschmacklosigkeit, der von Glanz umzingelte Schandfleck der 63. Mostra: Der gefürchtete Gastronomie-Bereich.

Hier riecht es nach Bratfett und schalem Bier, weiße Plastikzelte säumen den Schwung an Aluminium-Tischen in der Mitte, aus den Boxen dröhnen die Großraumdisco-Hits der vergangenen zwei Jahre, immer lauter, je näher der Abend rückt. Es ist nicht zu fassen, dass jemand das mal für ein angemessenes gastronomisches Konzept gehalten hat, aber eigentlich ist es nur konsequent. Denn auch im Festivalprogramm, neben meditativen Kunstfilmen, Hollywood-Glamour und sozialkritischen Parabeln, ist der Trash versteckt, der cineastische Schrott, und das nicht mal knapp.

Action mit mörderischem Tempo

Nicht, dass dagegen etwas einzuwenden wäre, denn auch in dieser Kategorie gibt es einige kleine Kino-Wunder zu entdecken. Der außer Konkurrenz laufende "City of Violence" des Koreaners Ryoo Seung-wan ist zum Beispiel so ein Fall. Die wüste Kung-Fu-Story kommt daher wie eine Liebeserklärung an die amerikanischen Gangster-Filme aus den siebziger Jahren: Ein paar junge Punks bringen einen netten Barbesitzer um, woraufhin dessen vier Kindheitsfreunde (darunter ein harter Cop und ein zwielichtiger Kredit-Hai) zusammenkommen, um die vermeintlich Schuldigen zu finden, und vor allen Dingen um sie nach allen Regeln der Kunst zu verprügeln.

Das geschieht wahlweise in ausgefeilt choreografierten Massenspektakeln zu schmissigen Disco-Hits oder im intimen Zweikampf unter schwermütig klassischen Klängen. Getroffen wird sich grundsätzlich in schummerigen Bars, und wer aus dem Weg geräumt werden soll, wird mit einzementierten Füßen in den See geworfen. Sicher, die Figuren sind allesamt klischee-beladene Karikaturen, und auf logische Zusammenhänge wird gern verzichtet, wenn dabei eine gute Action-Sequenz herauskommt. Doch der Film hält von Anfang bis Ende sein mörderisches Tempo, nimmt sich selbst nie besonders ernst und übertrifft sich mit jeder Kampfszene auf ein Neues, und das ganz ohne die abgeschmackte Hochseil-Akrobatik im Stil von "Tiger and Dragon", die im asiatischen Kampfkino fast schon zum obligatorischen Gimmick verkommen ist.

Dass sich der Regisseur im Festivalkatalog dafür entschuldigt, dass er selbst eine der Hauptrollen übernommen hat ("Das sollte ich in Zukunft nicht mehr tun"), macht den Film noch ein Stück sympathischer.

Zur Katastrophe mutierter Kunstfilm

Auch Neil La Butes ("Nurse Betty") lang erwartetes Remake "The Wicker Man", das auch außerhalb des offiziellen Wettbewerbs in Venedig gezeigt wird, versucht sich auf der trashigen Route, in diesem Fall allerdings mit einem eher unerfreulichen Ergebnis. Eine Weile ist es noch ganz spaßig einem völlig außer Kontrolle geratenen Nicolas Cage dabei zuzuschauen, wie er mit absurd überzogener Mimik und Gestik versucht, ein kleines blondes Mädchen vor einem finsteren Kult zu retten. Dass er das mitunter todernst in einem Bärenkostüm erledigt, wirkt dann aber nur noch albern. Zuviel erwarten wird aber eh niemand, der das Original kennt. Dass sich gestandene Größen wie Neil La Bute und Nicolas Cage zu so einem Unfug hinreißen lassen, ist ganz niedlich, macht den Film aber auch nicht besser.

Dann gibt es noch den Trash, der nicht als solcher gedacht ist, die schlimmste Kategorie von allen: der zur Katastrophe mutierte Kunstfilm. Der heiß ersehnte "The Fountain" von Darren Aronofsky (mysteriöses Regie-Wunderkind seit "Pi" und "Requiem for a Dream") ist ein solches Exemplar und findet sich demütigenderweise im offiziellen Wettbewerb. Es brauchte nur die erste Pressevorführung, und aus dem im Vorfeld als Favorit gehandelten Bestimmt-Meisterwerk wurde das erste Total-Desaster des diesjährigen Festivals. Ein Buh-Konzert zum Schluss, höhnisches Gelächter an den bewegend gemeinten Stellen, und das von einem höchst Aronofsky-freundlichen Journalisten-Publikum. Ein Untergang.

Besonders um die Schauspieler kann es einem Leid tun. Hugh Jackman (Wolverine aus "X-Men") gibt sich alle Mühe, einen besessenen Forscher zu spielen, der ein Heilmittel für seine krebskranke Ehefrau (Rachel Weisz) sucht. Er muss allerdings auch noch einen entschlossenen spanischen Krieger im 16.Jahrhundert spielen, der bei den Mayas für seine Königin (wieder Weisz) den Baum des ewigen Lebens sucht. Zwischendurch gibt er noch einen glatzköpfigen Mönch, irgendwann in der fernen Zukunft, der im All in einer Art Schneekugel lebt, in der auch ein Baum des Lebens steht, an dessen Rinde er ständig herumkratzt und -kaut.

Kunst soll das sein, bedeutungsschwer und wichtig. Tatsächlich ist es nur banal, prätentiös und nervtötend.

Erschüttert strömt die Presse kurz vor Mitternacht aus der ersten Vorstellung heraus, der Schock sitzt tief. Um den zu verarbeiten gibt es eigentlich nur eine Lösung: Nach links gehen, zu den wummernden Bässen, dem Bier aus Plastikbechern und den fett-triefenden Pizza-Stücken. Wenn schon Trash, dann lieber richtig.



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