US-Kino beim Filmfest Venedig Als Amerika noch "great" schien

Das US-Kino von George Clooney und Guillermo del Toro sucht beim Filmfest in Venedig nach Bildern für die Trump-Ära. Regie-Veteran Paul Schrader trägt "Taxi Driver"-Motive in die Kirche.

Julianne Moore und Matt Damon in "Suburbicon"
Concorde

Julianne Moore und Matt Damon in "Suburbicon"

Aus Venedig berichtet


"Wann war Amerika tatsächlich groß?", fragte Donald Trump im März 2016, zu Beginn seines Wahlkampfs, der ihn ins Weiße Haus führen sollte. Mit seinem Slogan "Make America great again" verknüpfte er eine Sehnsucht nach den Vierziger- und Fünfzigerjahren des 20. Jahrhunderts, eine Zeit, in der die USA, so Trump, nicht "herumgeschubst" wurden, sondern respektiert; "wir taten im Grunde, was wir tun mussten". Bei Trumps Wählern schien dieses in vielerlei Hinsicht verklärte Sentiment einen Nerv zu treffen, wahrscheinlich haben sie nie auch nur eine Folge "Mad Men" gesehen.

Beim Filmfestival in Venedig versetzen sich gleich zwei der hier im Wettbewerb um den Goldenen Löwen gezeigten US-Filme, die beide gute Chancen haben, in der kommenden Oscar-Saison eine Rolle zu spielen, in die Ära der späten Vierziger bis frühen Sechziger, als im wirtschaftlich boomenden Weltkriegsgewinnerland USA alles peachy schien, wie die Amerikaner sagen: so tipptopp saftig, süß und bonbonfarben wie ein leckerer Pfirsich. Dessen Kern jedoch rottet vor sich hin und lässt Fäulnis unter die samtige Schale sickern.

Matt Damon und Noah Jupe in "Suburbicon"
Paramount/ La Biennale di Venezia

Matt Damon und Noah Jupe in "Suburbicon"

So jedenfalls stellt sich die Welt dar, die George Clooney in seiner sechsten Regiearbeit zeigt. "Suburbicon" beginnt mit bunten Fifties-Werbeillustrationen, die die Vorzüge der gleichnamigen Vorort-Idylle preisen: Sauberkeit, Sicherheit, gepflegte Vorgärten, zweifarbig lackierte Straßenkreuzer vor großen Garagen, happy families aus allen Bundesstaaten, die Kids ordentlich gescheitelt, die Frauen im züchtigen Sommerkleid, die Männer zupackend und geschäftig im blütenweißen Kurzarmhemd - ein Babyboomertraum, in dem sich kurios auch die zweifelhaft utopistische Zwergenwelt von Alexander Paynes Venedig-Eröffnungsfilm "Downsizing" spiegelt.

Bis mit den Mayers auch ein schwarzes Ehepaar mit ihrem kleinen Sohn in Suburbicon einzieht. Bei einer eilig einberufenen Gemeindekonferenz der braven Musterbürger herrscht schnell Pogromstimmung, im späteren Verlauf des Films formiert sich ein erst lärmend-mokanter, dann gewalttätiger Lynchmob vor dem Haus der Mayers. Es sind erschütternde, beklemmende Bilder, die Kameramann Robert Elswit ("There Will Be Blood") für diese rassistische Eskalation findet, aber einer der verblüffenden Clous von "Suburbicon" ist, dass sie nur eine Nebenhandlung für einen perfiden Plot darstellt, der sich im Nebenhaus abspielt.

Im Orignaldrehbuch der Coen-Brüder, das sie bereits in den Achtzigerjahren schrieben und auch dort ansiedelten, kommen die Mayers nicht vor. Clooney und sein Schreibpartner Grant Heslov waren es, die dem Film mit dem Fifties-Setting ihren eigenen politischen Stempel verliehen: einen Bogen vom offenen Rassenhass der von Trump idealisierten Ära zu den gegenwärtigen Spannungen zwischen schwarzem und weißem Amerika. Die Festival-Pressekonferenz nutzte er, um ausdrücklich Stellung zu beziehen.

Aber eigentlich geht es im Film um eine sinistre Geschichte über Gefühlskälte, häusliche Gewalt, Skrupellosigkeit hinter bürgerlichen Fassaden, Selbstsucht und Missbrauch nebenan im Haus des langweilig und bieder wirkenden Geschäftsmannes Gardner Lodge (Matt Damon). Die Thriller-Groteske hat Clooney präzise und unbarmherzig, weitgehend ohne die oftmals lindernden Humoresken und Manierismen der Coens in Szene gesetzt, sodass einem das Lachen im Halse stecken bleibt. Hilfloser Zeuge ihrer schockierenden Entfaltung wird Gardners kleiner Sohn Nicky (Noah Jupe) und damit stellvertretend für den Kinozuschauer die nachfolgenden Generationen. Julianne Moore tritt als seine vordergründig lieblich lächelnde, in Wahrheit aber durch und durch ruchlose Tante auf, eine Femme fatale im Hausfrauendress. "Suburbicon" startet am 9. November in den deutschen Kinos.

Kraftvolles Kreaturenmärchen

Sally Hawkins und Octavia Spencer in "The Shape of Water"
20th Century Fox

Sally Hawkins und Octavia Spencer in "The Shape of Water"

Während Clooney für "Suburbicon" das unheilvoll lauernde "Look and Feel" klassischer Suspense- und Noir-Filme wählte - von Hitchcock über "24 Stunden in seiner Gewalt" bis zu "Ein Köder für die Bestie"-, entführt der mexikanische Hollywoodregisseur Guillermo del Toro ("Crimson Peak") in seinem neuen Film ins Monster- und Musical-Kino des Kalten Krieges. "The Shape of Water" ist ein visuell kraftvolles Kreaturenmärchen, das anders als im Meisterwerk "Pans Labyrinth" (2006) ohne die Horrormomente auskommt, die del Toro liebt - dafür aber virtuos den Tanz- und Revuefilm der Vierziger zitiert. Ein amerikanisches "Amélie" nannte eine Kollegin hier beim Festival diesen wundersamen, aber betörenden Genre- und Stilmix.

Eigentlich erzählt del Toro die visuell umwerfende - und am Ende sogar sexuelle - Liebesgeschichte zwischen der schüchternen und stummen Putzfrau Eliza Esposito (Sally Hawkins) und einem aus Südamerika gewaltsam entführten Amphibienmann, der geradewegs aus Jack Arnolds Klassiker "Der Schrecken vom Amazonas" entstiegen zu sein scheint. Doch der Regisseur scheut sich nicht, seiner Alien-Lovestory politische Tiefe zu geben.

Der Regierungsbeamte Strickland (Michael Shannon), der die Kreatur gefangen nahm, um ihre Fähigkeiten für Forschungszwecke im Space Race mit den Russen auszubeuten, ist ein selbstgerechter, gewaltbereiter und rassistischer Dreckskerl - ein für die "greatness" seiner Nation und seines Egos über Leichen gehender Macho-Amerikaner, der auch ins Personal von "Suburbicon" gepasst hätte - er ist hinter seinem Saubermann-Image so verdorben und verfault wie die beiden im Ringen mit dem Wassermann verlorenen Finger, die ihm im Verlauf des Films einfach nicht wieder anwachsen wollen.

Gegen ihn und die unmenschlichen Machenschaften eines skrupellosen Systems verbünden sich die Unterdrückten der Gesellschaft: die aus Mexiko stammende Waise Eliza, ihre joviale schwarze Kollegin Zelda (Octavia Spencer) sowie Elizas kuchenverrückter Freund und Nachbar, der alternde schwule Werbeillustrator Giles (Richard Jenkins), um das fremdartige, natürlich gar nicht primitive, sondern sehr edle Wasserwesen zu befreien. "The Shape of Water" ist eine in umwerfenden Farbnuancen und prächtigen Bildern inszenierte Alien-Burleske, deren altmodisches, nach Simplizität sehnendes Flair ebenso berührt wie ihr romantischer Humanismus.

"Taxi Driver" im Talar

Szene aus "First Reformed"
La Biennale di Venezia

Szene aus "First Reformed"

In der ungleich trister wirkenden Gegenwart siedelte Regie- und Drehbuch-Altmeister Paul Schrader ("American Gigolo", Drehbuch zu "Taxi Driver") seinen im beengenden Digitalformat gedrehten Film "First Reformed" an.

Doch wie seine jüngeren Kollegen Clooney und del Toro forscht auch Schrader in der Historie seiner Heimat nach den korrumpierten Stellen. Schauplatz ist eine fiktive Pilgerväterkirche in Neuengland. Das museale, in makellosem Weiß sanierte Gotteshaus, in dem sich zur Messe nur noch wenige Gläubige versammeln, steht kurz vor den Feierlichkeiten zu seinem 250. Jubiläum. Als ein junger Aktivist gegen den Klimawandel mit seiner schwangeren Frau (Amanda Seyfried) beim örtlichen Pastor Rat gegen seine Hoffnungslosigkeit sucht und sich wenig später umbringt, beginnt der kränkelnde, längst selbst todessehnsüchtige Reverend, die bigotten Verflechtungen zwischen seiner konzernartig organisierten Kirchengemeinde und ihrem großzügigsten Finanzier und Spender, dem lokalen Baulöwen und Umweltsünder, zu hinterfragen.

Mit sparsamen, aber präzise eingesetzten Mitteln gelingt Schrader, 71, mit "First Reformed" ein überraschend dringliches Spätwerk, ein zorniges "Taxi Driver"-Update das vom Politischen ins Religiöse wechselt und hinter wohlfeilen Predigten amoralische Strukturen aufdeckt. Gegen sie radikalisiert sich Pastor Toller, von Ethan Hawke mit fiebriger Intensität dargestellt, immer mehr, während er seine Seele und seinen krebszerfressenen Körper mit Alkohol zu exorzieren versucht - bis die mit Blut, Galle und Fäulnis malträtierte Toilette im Gotteshaus streikt. Zur Jubelfeier schnallt sich Toller schließlich einen Bombengürtel um und droht, zum Travis Bickle im Talar zu werden.

Robert Redford und Jane Fonda in "Our Souls at Night"
La Biennale di Venezia

Robert Redford und Jane Fonda in "Our Souls at Night"

Aber Schrader lässt seinen Film nicht in Gewalt münden. Liebe, Familie, der kleinste Nukleus menschlicher Wärme und Verbundenheit, das ist der Anker, an den sich die unterschiedlichen US-Filme hier in Venedig bei ihren Erkundungen der amerikanischen Seelenlage klammern. Das gilt letztlich auch für die beiden ehemals auch politisch und für die Umwelt engagierten New-Hollywood-Veteranen Robert Redford, 81, und Jane Fonda, 79, die vom Festival am Freitagabend mit Ehrenlöwen fürs Lebenswerk geehrt wurden. Sie sind außer Konkurrenz in der Netflix-Produktion "Our Souls at Night" (Regie: Ritesh Batra) zu sehen. Als gerade noch rüstige, aber seit Jahren verwitwete Nachbarn legen sie sich zunächst gegen die Einsamkeit nachts zusammen ins Bett und rekapitulieren ihre Lebenslügen, -Brüche und -Entscheidungen, um am Lebensabend noch einmal die Liebe zu entdecken. Es ist ja bekanntlich nie zu spät. Schon gar nicht, um Kino wieder "great" zu machen.


Die Filmfestspiele von Venediglaufen vom 30. August bis 9. September. SPIEGEL ONLINE berichtet regelmäßig von den Filmfestspielen.

insgesamt 3 Beiträge
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allessuper 02.09.2017
1. Amerika war nur hier bei uns so great, weil wir so devot waren.
Wir mögen es halt, uns unterzuordnen, oder aber drüberzustellen. Mit den USA fiel uns diese devote Bewunderung umso leichter, da uns ja mehr oder weniger bewusst war, dass Deutschamerikaner nach Volkszählungsergebnissen mit Selbstangabe zur Hauptabstammung mit knapp 50 Millionen die größte „ethnische Gruppe“ in den USA bilden, noch vor den Afro-Amerikanern, vor irisch- oder englischstämmigen Amerikanern. Die Nähe kommt also nicht von ungefähr, und wir konnten uns ein wenig in diesem Glanz auch sonnen. Andere Länder schätzen die guten Filme aus den USA, aber diese devote Haltung haben die nicht.
JKStiller 02.09.2017
2. Die Suche der USA nach Erlösung
und kein Ende in Sicht. Noch immer der Verweis auf die peachy time, die nur eine werden konnte, weil die Welt das amerikanische Militär zur Regulierung brauchte - oder meinte, es brauchen zu müssen. Oder weil die Amerikaner zu viel Sendungsbewusstsein hatten. Wie auch immer, das Konstrukt USA fällt in sich zusammen, und wer es bisher nicht in diesem Land geschafft hat, der kann entweder still und leise sterben oder den Aufstand wagen. Dank Trump verstehen nun sehr viele Amis auch die Hollywood-Verarschung. Popcorn umsonst beim Kinobesuch hilft auch nicht, wenn im Alltag die Butter im Kühlschrank fehlt. Die Filmemacher bemühen sich, das will ich nicht in Abrede stellen. Sie habe aber über Jahrzehnte auch gut abkassiert mit ihren Versionen des American Dream. Clooney, Redford und Co werden gar nichts daran ändern. Ein Feigenblatt, mehr nicht.
neue Legislaturperiode 03.09.2017
3. Amerika
beeindruckte. Beeindruckt. Womit, wodurch und wen, war und ist individuell unterscheidbar. Es gab und gibt in Deutschland und anderen Ländern Sachlichkeit und differenziertes Nachdenken in der Begegnung mit diesem Land und seinen Menschen.
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