Verbotene Defa-Filme Einblick in die ostdeutsche Seele

Das 11. Plenum des ZK der SED von 1965 hatte verheerende Folgen für das DDR-Kino: Gesellschaftsrelevante Themen wurden tabuisiert, zeitkritische Filme verboten. Eine Werkschau in Berlin holt sieben der damals verhinderten Filmpremieren nach.

Von Nino Ketschagmadse


Verbotene Filme: "Jahrgang 45" mit Rolf Römer und Monika Hildebrand, Regie: Jürgen Böttcher
DEFA

Verbotene Filme: "Jahrgang 45" mit Rolf Römer und Monika Hildebrand, Regie: Jürgen Böttcher

Karla kommt frisch von der Uni. Beim Versuch, ihren Schülern kritisches Denken beizubringen, scheitert die junge Lehrerin. Die Kinder wissen längst, was man ohne Gefahr sagen kann, und wann man besser schweigt. Das bloße Aufgreifen eines solchen Themas sorgte dafür, dass der Film "Karla" 1965 verboten wurde. Schuld daran war das 11. Plenum des ZK der SED, das kritische Gegenwartsthemen zum Tabu erhob. "Reden Sie sich auch in Zukunft um Kopf und Kragen", lautete der Rat der Lehrerin an ihren Schüler. Wahrheit und kritische Auseinandersetzung haben in einem totalitären Regime jedoch keinen Platz. Und so verstaubte Hermann Zschoches Film 35 Jahre im Giftschrank.

"Karla" ist einer von sieben Filmen, deren verhinderte Premieren in Michael Verhoevens "Toni"-Kino nun nachgeholt werden. Neben Nostalgie und kritischer Erinnerung soll die Reihe "Verbotene Filme" Einblicke in die Seele und die Erfahrungen der Ostdeutschen geben. Vor und nach den geschichtsträchtigen Filmen diskutieren Zeitzeugen - Filmemacher und Schauspieler - sowie Filmhistoriker über die Bedeutung dieser Filme und über die Folgen der Diktatur für die Kunst.

"Karla" mit Jutta Hoffmann, Regie: Hermann Zschoche
DEFA

"Karla" mit Jutta Hoffmann, Regie: Hermann Zschoche

In den sechziger Jahren, als im Westen der deutsche Film nach zahllosen Heimatstreifen in einer Krise steckte, schienen DDR-Regisseure auf dem Höhepunkt ihrer Schaffenskunst angelangt. Doch der Kreativität wurde jäh ein Riegel vorgeschoben. Kurz nachdem Frank Beyers "Spur der Steine" 1966 in die Kinos kam, wurde er verboten. Erst ein paar Monate zuvor, während der Tagung des 11. Plenums vom 15. bis 18.12.1965 waren zwei andere Filme aufs Schärfste kritisiert worden: "Das Kaninchen bin ich" von einem der Gründer des Defa-Filmstudios, Kurt Maetzig, und "Denk bloß nicht, dass ich heule" von Hermann Zschoche. Für die damals Beteiligten war klar, dass es um mehr ging als nur um diese beiden Werke. Ohne dass jemals ein direktes Verbot ausgesprochen worden wäre, wurde eine innere Zensur wirksam. Die "Schere im Kopf" ließ die kritischen Stimmen unter den ostdeutschen Filmemachern schlagartig verstummen. Bereits fertig gestellte Filme konnten nicht öffentlich gezeigt werden, laufende Produktionen wurden gestoppt, unter Verschluss genommen und zum Teil vernichtet.

Ähnliche Sanktionen erlebten das Theater und das Verlagswesen. In Ungunst fiel auch die Beat-Musik, überhaupt alle neue Formen der Tanzmusik. Diese "Unkultur" führe dazu, so proklamierte Honecker in jenen Tagen, dass die Jugend verdorben wird. Und vom Verdorbensein zur Kriminalität sei es nur ein kleiner Schritt.

"Berlin um die Ecke" mit Dieter Mann und Erwin Geschonneck, Regie: Gerhard Klein
DEFA

"Berlin um die Ecke" mit Dieter Mann und Erwin Geschonneck, Regie: Gerhard Klein

Als weitere Folge des Plenums wurden verantwortliche DDR-Kulturpolitiker ihrer Posten enthoben. Die Gruppe um Defa-Chef-Dramaturg Klaus Wischnewski, die sich für die Dezentralisierung des Filmstudios eingesetzt hatte, wurde aufgelöst. Unkonforme Regisseure, Dramaturgen und Schauspieler wurden von der Defa und vom Fernsehen jahrelang nicht mehr beschäftigt.

Nach der Wende wurden die Filme aus ihrem Kellerdasein befreit. Aber nicht alle konnten rekonstruiert werden. Die Filmgesprächs-Woche des Wilhelm-Fraenger-Instituts soll, so Veranstalter Paul Werner Wagner, einerseits daran erinnern beziehungsweise bekannt machen, dass es auch in der DDR eine wichtige und kritische Kultur gegeben hat, und andererseits eine Grundlage zur Diskussion über die historischen Ereignisse schaffen. Zu diesem Zweck stehen namhafte Zeitzeugen zum Gespräch bereit. Zugesagt haben unter anderem Hans Bentzien, ehemaliger DDR-Kulturminister, Frank Beyer, Wolfgang Kohlhase und Jutta Hoffmann. Der älteste Diskutant, Defa-Regisseur Kurt Maetzig, wird im nächsten Monat 90 Jahre alt.

Für den Berliner Filmhistoriker Günter Agde, dessen 1991 erschienenes Buch "Kahlschlag" sich mit dem 11. Plenum beschäftigt, geht es auch um Werbung für die alten DDR-Filme, die ja sonst kaum im Kino liefen. Mit ihren Werken hätten die damaligen Regisseure versucht, das Publikum zu ermutigen, an gesellschaftlichen Entwicklungen teilzunehmen: "Es war eine Utopie, aber diese Ehrlichkeit, dieser Mut ist für das Künstlertum schon bemerkenswert."


Die Gesamtschau "Verbotene Filme" im Toni am Antonplatz in Berlin Weißensee dauert vom 14. bis 20. Dezember 2000. Beginn: jeweils 19.30 Uhr; Dauerticket für alle 7 Veranstaltungen: 50 Mark



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