Filmzensur in China Verbotene Bilder

In China werden Meinungsfreiheit und künstlerischer Ausdruck nach wie vor unterdrückt. Das Filmfest Hamburg zeigt eine Auswahl junger chinesischer Filme, die in ihrer Heimat keine Chance auf Öffentlichkeit haben.

Von

Yuanchao

Wenn Chinesen junges, unabhängiges Kino aus ihrer Heimat sehen wollen, müssen sie weite Wege gehen. In der Volksrepublik gibt es neben den großen Martial-Arts-Blockbustern kaum Öffentlichkeit für zeitgenössische alternative Filmkunst. Die Schwarzmärkte quellen über vor Raubkopien des asiatischen und amerikanischen Mainstreamkinos. Programmkinos existieren so gut wie nicht und die beiden letzten Schauplätze für unabhängige Filmkunst fielen in den vergangenen Jahren den strengen staatlichen Auflagen zum Opfer.

Die unabhängigen Filmfeste in Nanjing und Beijing hatten zuvor immerhin als kleine Schaufenster einer recht lebendigen Independent-Szene gedient. 2014 aber wurde das Beijing Independent Film Festival offiziell verboten und das mit fast 1500 Filmen größte Archiv unabhängigen chinesischen Filmschaffens von den Behörden beschlagnahmt.

Das Filmfest Hamburg zeigt im diesjährigen Programm nun 13 Filme des jungen chinesischen Kinos. Und was da zu sehen ist, zeigt ein deutlich anderes Bild von China, als es in den offiziellen Filmen gezeigt wird, die es durch die behördliche Zensur schaffen. Jens Geiger, der die Reihe in Kooperation mit dem Deutsch-Chinesischen Kunstverein K 26 für das Filmfest kuratiert hat, war selbst in China, um sich dort einen Eindruck der Filmszene zu verschaffen.

Tristesse und Müdigkeit

"Die unabhängig produzierten Filme werden heute eigentlich nur noch in Hinterzimmern oder Privatwohnungen gezeigt", erzählt er. Die 13 Filme, die Geiger schließlich für Hamburg ausgewählt hat, zeichnen ein düsteres Porträt des heutigen Chinas. Es sind oft Menschen am Rande der Gesellschaft, die sich die meist jungen Filmemacher als Sujets auswählen. Ein buddhistischer Mönch auf den Spuren seines vorherigen Lebens zieht in Zhai Yixiangs "This Worldly Live" einsam seine Kreise durch triste Abrissviertel. In Guo Xiaodongs "A Moment in Love" berichten verschiedene Paare von ihren Beziehungsbemühungen im komplexen chinesischen Sozialgeflecht.

Geiger hat als durchgehendes Motiv eine "gewisse Tristesse und Müdigkeit" ausgemacht, die auch als Ausdruck einer neuen, härteren politischen Linie der chinesischen Regierung verstanden werden kann. Der Spielfilm "One Summer" handelt sogar explizit vom zermürbenden Alltag im Umgang mit einer undurchschaubaren Bürokratie. Regisseurin Yang Yishu erzählt die Geschichte einer Ehefrau, die versucht, ihren Mann ausfindig zu machen, nachdem er ohne Begründung verhaftet wurde.

Dabei sind viele der Regisseure als Teil einer in der Propaganda als aufstrebend und modern erscheinenden Generation aufgewachsen. Sie haben also die im Westen oft mit wohlwollender Naivität wahrgenommenen Zeichen der Öffnung zum Kapitalismus nach 1989 miterlebt. Ein Vorteil des neuen Modernismus war allerdings in der Tat, dass junge Filmemacher nicht mehr auf die staatliche Zuteilung von Zelluloid angewiesen waren, sondern schnell und einfach digitale Filme produzieren konnten, so dass sich eine lebendige unabhängige Szene entwickeln konnten.

Bei der Finanzierung helfen sich Künstler aus verschiedenen Bereichen oft mit Mikrobudgets, ein gigantischer Unterschied zum umstrittenen deutschen Filmförderungssystem. Dass die Filme trotzdem nicht ihren Weg auf die Leinwände finden, liegt am chinesischen Zensursystem, dessen Mahlwerk jeder Kinofilm in spe durchlaufen muss. Den unabhängigen Produktionen, die sich nicht auf Kompromisse mit den Zensurbeamten einlassen wollen, bleibt da nur die Existenz abseits eines größeren Publikums - und die Hoffnung auf die Bühne der internationalen Filmfestivals.

Wie stark der Staat immer noch auf Meinungsfreiheit und Kunst einwirkt, lässt sich am Umgang mit der alternativen Filmkultur festmachen. Während die Ausreisererlaubnis für den prominenten Ai Weiwei scheinbar nach einem Lockern der Zügel aussah, leiden im Land verbleibende Künstler nach wie vor unter oft willkürlicher Einflussnahme der Zensurbehörden.

Geiger findet, "dass wir mit unseren Freiheiten auch die Verpflichtung haben, diesen Regisseuren hier das anzubieten, was ihnen in ihrer Heimat fehlt: Ein Forum, um ihre Arbeiten vorzustellen und sie mit dem Publikum zu diskutieren." Die in Hamburg gezeigten Filme ermöglichen es Zuschauern im Westen nun, China durch die Augen und Kameras der dort unabhängig arbeitenden Künstler zu betrachten.



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 10 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
amelkreuzung 30.09.2015
1. gar nicht so schlecht
ich leben seit geraumer Zeit in China und muss sagen das ich die Kontrolle gar nicht so schlecht finde. es gibt keine Unruhen und kämpfe, es ist sicherer als irgendwo anders auf der Welt und die Menschen leben friedlich und glücklich solange man sich an die Regeln hält. wohin die sogenannte Demokratie führt sieht man in Europa zu genüge. Alle wollen mitreden, meist mit gefährlichem Halbwissen. Es gibt genausoviel Kriminalität. Man versteckt es nur besser. Dann lieber China!!
sonorian 30.09.2015
2. Ein falsches Beispiel
Der Film THE ASSASSIN gehört sicher nicht zu den jungen, unabhängigen Produktionen. Er wurde großzügig finanziert (Hongkong, Taiwan, China), Budget rund $ 15 Millionen. Mehr als die Hälfte davon kam aus China. Die Premiere war in Beijing. Der Film war in der offiziellen Auswahl für Cannes 2015. Die Hauptdarstellerin Shu Qi ist eine der berühmtesten und bestbezahltesten Damen in der chinesischen Filmindustrie; seit weit über 10 Jahren wird jeder ihrer Atemzüge von der Öffentlichkeit verfolgt. In Europa wurde sie zuerst durch den Film TRANSPORTER (1) bekannt, war aber zu dem Zeitpunkt schon Superstar in Asien.
markus_wienken 30.09.2015
3.
Zitat von amelkreuzungich leben seit geraumer Zeit in China und muss sagen das ich die Kontrolle gar nicht so schlecht finde. es gibt keine Unruhen und kämpfe, es ist sicherer als irgendwo anders auf der Welt und die Menschen leben friedlich und glücklich solange man sich an die Regeln hält. wohin die sogenannte Demokratie führt sieht man in Europa zu genüge. Alle wollen mitreden, meist mit gefährlichem Halbwissen. Es gibt genausoviel Kriminalität. Man versteckt es nur besser. Dann lieber China!!
Lernen Sie die chinesische Sprache, reisen Sie durchs Land und wenn Sie das Vertrauen der Bevölkerung gewonnen haben, sprechen Sie mit den Menschen dort. Sie werden Ihre rosarote Brille schnell ablegen. Und wenn es hier genausoviel Kriminalität gibt wie in China, warum gibt es bei uns keine vergitterten Fenster bis in die oberen Stockwerke um mal nur ein Beispiel zu nennen? Erstaunlich, dass man so ignorant in einem remden Land leben kann bar jeder Realität.
bertholdrosswag 30.09.2015
4. China tut gut, seine Identität zu wahren.
Man könnte das anrüchige Wort >Verboten< auch mit >Untersagen < benennen. Dass die chinesische Regierung auch die Entwicklung der Kultur überwachend begleitet finde ich in Ordnung. Im Westen hält man es mehr wie in der Kinderbehandlung: Gewähre ihm seine Spinnerei dann ist er wenigstens abgelenkt und zufrieden. Der Beitrag Nr.1 entspricht dem, was ich schon seit Jahren in Bezug auf die Chinesische Volksführung empfinde. Die offensichtliche geistige und materielle Dekadenz des Westens ist für die rationalen Chinesen verachtenswert und damit haben sie recht.
markus_wienken 30.09.2015
5.
Zitat von bertholdrosswagMan könnte das anrüchige Wort >Verboten< auch mit >Untersagen < benennen. Dass die chinesische Regierung auch die Entwicklung der Kultur überwachend begleitet finde ich in Ordnung. Im Westen hält man es mehr wie in der Kinderbehandlung: Gewähre ihm seine Spinnerei dann ist er wenigstens abgelenkt und zufrieden. Der Beitrag Nr.1 entspricht dem, was ich schon seit Jahren in Bezug auf die Chinesische Volksführung empfinde. Die offensichtliche geistige und materielle Dekadenz des Westens ist für die rationalen Chinesen verachtenswert und damit haben sie recht.
Ob Verboten oder Untersagen, letzendlich kommt es aufs Gleiche heraus. Ich bin froh in einer offenen Gesellschaft zu leben, in der "Spinnereien" wie Sie es ausdrücken erlaubt sind. Solange keine Gesetze verletzt werden sehe ich darin keinerlei Problem. Wenn ich mir die Chinesen so ansehe, ist der Wunsch nach Konsum dort weitaus stärker ausgeprägt als bei uns. Wenn ich z.B. das chin. TV Programm mit dem in Deutschland vergleiche, vermag ich eine geistige Überlegenheit Chinas und eine geistige Dekadenz hier Vergleich zu China nicht festzustellen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.