Missbrauchsdrama "Verfehlung" Mein Kumpel, der Pädophile?

Missbrauch in der katholischen Kirche: Der Film "Verfehlung" zeigt, wie der Vorwurf einer sexuellen Straftat eine Männerfreundschaft gefährdet. So differenziert wurden Geistliche im Kino selten gezeigt.


Ein ganz normaler Männerbund: Man spielt gemeinsam Fußball, der Schweiß fließt in Strömen und wird hinterher in der Kneipe mit Bier und Schnaps ersetzt. Lachen, Plaudern, Schulterklopfen.

Hin und wieder blitzt ein Priesterkragen ins Bild. Allmählich lässt sich aus den rätselhaft bürokratischen Hierarchiestufen, die diese Männer im Gespräch zitieren, ein Berufsbild zusammensetzen. Und es wird deutlich, dass sie doch keinem ganz normalen Männerbund angehören, sondern einem der ältesten der Welt: der katholischen Kirche.

Der Regisseur Gerd Schneider war selbst Priesteramtsanwärter in der Erzdiözese Köln, und es sind die Innenansichten aus dem Alltag von Geistlichen, die in seinem Film am stärksten beeindrucken. Schneider zeigt Menschen, für die ihr Beruf Berufung sein mag, die aber, jedenfalls zunächst, nicht auf ihre Rolle als Repräsentant des Priesteramtes eingeschränkt werden.

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Drama "Verfehlung": Es kann nicht sein, was nicht sein darf
So differenziert wurden Geistliche im Kino selten gezeigt. Selbst ambitionierte Filme wie die chilenische Produktion "El Club" über eine Art Exilgefängnis für ehemalige Priester oder "Am Sonntag bist du tot" mit Brendan Gleeson kommen nicht umhin, jene Krisenhaftigkeit zum Erzählprinzip zu machen, die der Zusammenprall von Gesellschaft, menschlicher Natur und Glaube geradezu zwangsläufig hervorruft.

Es kann nicht sein, was nicht sein darf

Auch Schneiders Film wählt die Innenperspektive: Dominik (Kai Schumann), einer der drei Kumpel, gerät in den Verdacht, den jungen Mike sexuell missbraucht zu haben. Er landet in Untersuchungshaft. Der Gefängniseelsorger ist sein Freund Jakob (Sebastian Blomberg), der sich sicher ist, dass ein Irrtum vorliegen muss. Aber als er auf eigene Faust zu ermitteln beginnt, nagen immer stärkere Zweifel an ihm. Oliver (Jan Messutat), der in der Kirche Karriere macht, mag nicht an Dominiks Schuld glauben - es kann ja nicht sein, was nicht sein darf.

Schneider wagt auch einen zaghaften Blick in die Familien, die vom Missbrauch oder den Folgen dieses Vorwurfs aus der Bahn geworfen wurden, aber er verharrt dort nicht lange. Er nähert sich dem Phänomen vor allem aus Sicht der Täter.

Oliver steht für den Apparat und alles, was dort falsch laufen mag. Jakob sucht nach der Wahrheit, er ist das gute Gewissen und der böse Stachel im Hintern seiner Institution. Und Dominik ist der Gefallene, in dessen Gedanken- und Gefühlswelt Schneider aber nicht zu tief hineinblickt.

Die Darsteller passen sich ihren dramaturgischen Funktionen perfekt an: Jan Messutat bringt eine Distanz in sein Spiel. Mit steifer Rhetorik will er sich das Chaos vom Leib halten, das droht, würden die Vorwürfe öffentlich werden. Sebastian Blomberg wirft sich derweil mit vollem Einsatz in die Gefühle, die in Jakob miteinander streiten. Kai Schumann verharrt im Schock, sein Gesicht ist eine starre Maske des Entsetzens über das, was mit ihm geschieht.

Der Zwiespalt, in dem manche katholischen Priester heute stecken mögen, ist hier auf drei Figuren verteilt. So wie der einzelne von ihnen bisweilen zum Klischee wird, so wenig klischeehaft ist die Erzählung insgesamt. "Verfehlung" schließt eine Lücke in der Kinolandschaft - als Porträt einer Freundschaft zwischen Geistlichen, die der maximalen Zerreißprobe ausgesetzt wird. Die Mechanismen der Kirche, die diese Freundschaft zu zerstören drohen, zeigen sich in ihrer ganzen Komplexität - jedoch auch ohne Überraschungen nach all den Jahren, in denen dieses Thema in den Nachrichten präsent war.

Es mag der Geschichte ein wenig von ihrer emotionalen Wucht nehmen, wenn vieles schon gehört, gelesen, gesehen scheint. Doch hätte Schneider versucht, dieses Halbwissen mit wilden Verschwörungstheorien zu überbieten, so wäre wohl ein weitaus schlechterer Film entstanden.



insgesamt 9 Beiträge
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prosperosbluebeard 26.03.2015
1. Synonyme: Missgeschick, Panne, Ungeschicklichkeit, Versehen
Zwar ist jeder Film über klerikale sexuelle Gewalt begrüßenswert – dennoch hinterlässt der derzeitige Hype um den Film „Verfehlung“ einen schlechten Geschmack, wenn gleichzeitig 2 hervorragende Filme der ARD („Das Schweigen der Männer - Die katholische Kirche und der Kindesmissbrauch“) und des BR („Kirche zwischen Schuld und Sühne“) in den letzten 14 Tagen in fast allen Medien nicht beachtet wurden (da sie zu viele Versäumnisse offen ansprachen??) – und jetzt sogar der „besonders wertvolle“ Film mit „Gewöhnliche Menschen unter ungewöhnlich hohem Druck“ beworben wird.
hemtech 26.03.2015
2. Er hat
doch nur eine "andere" Sexualität. Wird doch heutzutage für jede Abartigkeit verwendet.
testanera49 26.03.2015
3. VERFEHLUNG- ist wie eine Entschuldigung der Taten
Das ein Film über den vertuschten Missbrauch an Schutzbefohlenen durch katholische Geistliche und im Schutze der Römisch-Katholischen Kirche mit dem Titel Verfehlung ungeschoren von den Medien daher kommt ist ein weiterer Skandal, weil dieser Titel nicht deutlich macht, dass es sich bei dem Missbrauch von Kindern, um eines der schlimmsten Verbrechen handelt, die man sich verstellen kann. Die Taten werden durch den Titel auf eine Weise verharmlost, dass man sich nur dafür schämen kann. Das öffentlich-rechtliche Sender ( ARD) diesen Titel akzeptiert haben, nur weil sie einen anderen Titel, der die Taten und das Verhalten der Kirche als das bewertet hätte was es ist- Die Schande- verhindern wollten. Für mich begeht dieser Film damit noch einmal einen Missbrauch an den betroffenen Kindern!!!
ergo-oetken 27.03.2015
4. Wilde Verschwörungstheorien?
Was ist ein Männerbund denn anderes als eine Verschwörung? Erst recht, wenn er auch noch spirituell untermauert wird und seine Mit-Glieder sich selbst als religöse Elitekaste ansehen? Wie weit die gefühlte, erhoffte und nach außen hin simulierte Erhabenheit von der Realität abweicht: was stellt das besser dar als die systematisch betriebene und systemisch angelegte Missbrauchskriminalität durch Kleriker. Schäbig. Der einzig wirklich passende Begriff.
o_280189843001 27.03.2015
5.
Es ist richtig auch die andere Seite zu sehen und zu verstehen . Aber was ist m,it der Tat , die diese Kinder ertragen müssen und nun ein Leben lang in sich tragen müssen . Es ist nur ein Moment aber Dieser verändert alles mit einem Male . Das Vertrauen zwischen Erwachsene und Kinder geht verloren . Ich verstehe dies als eine Krankheit ab . Aber vielleicht sollte die Kirche ihre eigenen Gesetze neu bewehrten oder anschauen . Zeiten ändern sich und Menschen mit . Die Gesellschaft ändert sich und ihre Einstellungen und ohne Auswirkung an die Priester geht das nicht vor rüber . Vielleicht sollte innerhalb der Kirche eine offenes Gespräch stattfinden . Oder ein Abschluss das man mit Kinder und Jugendlich arbeiten darf und kann und es auch ein ärztliches Zeugnis gibt . Dann gäbe es vielleicht weniger solche Taten . Nur mit dem Glauben zu leben , das kann nicht Jeder !
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