Vergewaltigungsdrama "Anonyma": Tränen in rauchenden Trümmern

Von Joachim Kronsbein

Das Tagebuch einer Zeitzeugin über die Vergewaltigungen deutscher Frauen durch sowjetische Soldaten am Ende des Zweiten Weltkriegs war ein Bestseller – nun hat sich Max Färberböck an der Verfilmung von "Anonyma – Eine Frau in Berlin" versucht. Doch das Ergebnis enttäuscht.

Ein Keller im Berlin der letzten Kriegstage, Frühjahr 1945. Die Deutschen haben noch nicht kapituliert, Hitler hat sich im Führerbunker verschanzt. Die Rote Armee rückt auf das Regierungsviertel vor. Die zerstörte Stadt erlebt die letzten Straßenkämpfe. Und für viele ausgezehrte deutsche Frauen beginnt nun eine unbeschreibliche Leidenszeit. Sie werden – oft mehrmals – von sowjetischen Soldaten vergewaltigt. Die Frauen fragen einander nach einigen Tagen nur noch lakonisch: "Wie oft?"

Szene aus "Anonyma - Eine Frau in Berlin": Reifes deutsch-russisches "Romeo und Julia"
Constantin Film

Szene aus "Anonyma - Eine Frau in Berlin": Reifes deutsch-russisches "Romeo und Julia"

Eine Journalistin, selbst Opfer, hat diese Zeit in Tagebüchern festgehalten. Nach dem Krieg wurden sie anonym publiziert. In Deutschland waren sie damals kein Erfolg. Niemand wollte über dieses Kriegskapitel etwas lesen. 2003 brachte der Eichborn Verlag in seiner "Anderen Bibliothek" das bedeutende Dokument noch einmal heraus, unter dem Titel "Anonyma: Eine Frau in Berlin". Nun wurde das Buch ein Bestseller. Inzwischen kennt man höchstwahrscheinlich die Identität der Autorin: Marta Hillers. Es sind allerdings Zweifel daran laut geworden, ob ihr verblüffend ausgearbeiteter Bericht in allen Teilen authentisch ist.

Es könnte sein, dass Kurt W. Marek, ein enger Freund und unter dem Pseudonym C. W. Ceram mit seinem populärwissenschaftlichen Archäologie-Buch "Götter, Gräber und Gelehrte" ein Auflagenmillionär, den Text lektoriert hat.

Das Buch der anonymen Frau ist jetzt unter dem sperrigen Originaltitel vom Regisseur Max Färberböck ("Aimée & Jaguar") verfilmt worden. Nina Hoss spielt die Hauptfigur. Aus dem Off spricht sie verbindende, erklärende Texte. Und das ist schon das erste, gravierende Problem. Denn die Frauenfigur rückt so in eine abgeklärte Distanz zu sich selbst, die dem Film nicht guttut.

Die Ich-Erzählerin ist eine erfolgreiche Journalistin, sie war im Ausland, kennt die Welt und spricht Russisch. Sie ist privilegiert. Und sie ist keine Gegnerin des Nazi-Regimes. Sie hat eher von ihm profitiert. Sie ist im Keller ihres Hauses eine Außenseiterin. Da entstehen Spannungen. Aber Färberböck deutet sie höchstens an. Die anderen Bewohner des Hauses haben keine Konturen, das Geflecht ihrer Beziehungen bleibt dunkel. Einzig Irm Hermann als Witwe gibt ihrer Figur komödiantische Präsenz.

Färberböck will seinen Figuren offenbar nicht zu nahe treten. Den Russen nicht und den deutschen Frauen auch nicht. Scham? Political Correctness? Oder die Unfähigkeit, sich moralisch zu positionieren? So entsteht ein quälend betulicher Film ohne Dramatik, ohne Kraft und Wucht. Was bei diesem Thema eine bemerkenswerte Regieleistung ist. Die Kulissen wirken künstlich, die Musik bemüht emotional. Der Film ist durch und durch von Pappe.

Die wenigen Tage Ende April 1945, die das verfilmte Tagebuch in der Hauptsache beschreibt, die Hektik, das Chaos, die Orientierungslosigkeit, die Gewalt und Atemlosigkeit erzählt Färberböck so statuarisch, dass im Kino der Eindruck von endlosen zähen Wochen entsteht.

Dabei handelt die anonyme Frau eigentlich bewundernswert schnell und zielgerichtet. Sie sucht sich nach mehreren Vergewaltigungen durch untere Ränge einen sowjetischen Offizier, gewissermaßen einen Verbündeten, der sie vor Übergriffen anderer Soldaten schützen soll. Doch anders als im Buch, wo das Verhältnis kühl, wenn auch nicht ohne Sympathie als Geschäft auf Gegenseitigkeit abgewickelt wird, bläht der Film diese Beziehung zu einer nahezu kitschigen Liebestragödie aus.

Dieser Major (Jewgenij Sidikhin) wird versetzt, die Frau weint ihm nach. Ein melodramatischer Abschied auf dem Kasernenhof mit einem innigen Händedruck und schmachtenden Blicken und bedeutenden Worten besiegelt das Ende der ungewöhnlichen Liebesallianz: Eine Art reifes deutsch-russisches "Romeo und Julia" in rauchenden Trümmern.

Nun muss die Frau mit ihrem heimgekommenen deutschen Geliebten Gerd (August Diehl) klarkommen, für den sie das Tagebuch eigentlich geschrieben hat. Er soll verstehen, was ihr angetan worden ist. Doch Gerd nennt die vergewaltigten Frauen nach der Lektüre der Aufzeichnungen "schamlos wie Hündinnen" und "widerlich". Doch auch dieses, weit in die Nachkriegszeit wirkende verletzende Unverständnis, das bis heute Verdrängen und Verschweigen provoziert, ist dem Regisseur nur eine halbherzige Episode wert.

Dieser Konflikt zwischen den Männern, die aus dem Krieg zurückkommen, und den zurückgebliebenen Frauen, die eigenes, traumatisierendes Leid erfahren haben, hätte der dramaturgische Kern des Films sein können. Er wäre vielleicht schwergewichtiger geworden.

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