"Vergiss Amerika" Real existierende Träume in Aschleben

Was tun, wenn der beste Freund dieselbe Frau liebt? Wie überleben Träume im traurigen Osten? Vanessa Jopp zeigt es in ihrem sensiblen und realistischen Filmdebüt "Vergiss Amerika".

Von Cristina Moles Kaupp


Träumen von Amerika: David (M. Harloff), Anna (F. Petri) und Benno (R. Knizka)
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Träumen von Amerika: David (M. Harloff), Anna (F. Petri) und Benno (R. Knizka)

Wie heißt es so schön: Mit 17 hat man noch Träume? David und Benno sind schon Anfang Zwanzig und gehen lieber auf Nummer sicher. Nachts tauchen die Freunde nach Münzen im Stadtbrunnen, das bringt mehr Spaß und sorgt vor allem für Freibier. Mehr Nervenkitzel und Abwechslung hält ihr ostdeutsches Provinzkaff allerdings nicht bereit, das so grau ist wie sein Name: Aschleben. Wer hier wohnt, hat sich entweder aufgegeben oder sich noch nirgends hingewünscht. Nach Amerika zum Beispiel, ins gelobte Land der Freiheit. Doch im Jahr 2000 hat selbst dieses Klischee endlich ausgespielt. Warum sonst hätte Vanessa Jopp ihr inzwischen (mit dem Preis der HypoVereinsbank) preisgekröntes Filmdebüt "Vergiss Amerika" genannt und damit die energische Forderung verknüpft: "Mach dein Ding hier und jetzt!"?

Benno ist damit schon etwas weiter als der nachdenkliche David - denkt er zumindest. Seine Leidenschaft sind amerikanische Oldtimer, die der Draufgänger ausgerechnet in Aschleben an den Mann bringen will. David hingegen will als Fotograf berühmt werden und arbeitet daher in einem Fotogeschäft. Beide plagt das Fernweh, doch sie harren aus in diesem traurigen Ort, als gelte es den tumben Nachbarn noch irgendetwas zu beweisen. Eines Nachts, als sie wieder nach Kleingeld tauchen, werden sie von Anna überrascht, der Tochter des neuen Pfarrers. Sie ist blond, süß, quirlig und wickelt die Jungs sofort um den Finger. Gemeinsam fahren sie durch den Ort, erzählen sich Geschichten und ihre Träume - vorhersehbar, dass Anna gen Ende ihrer Spritztour Benno in die Arme sinkt. Pech für den schüchternen David, dessen Herz natürlich auch für Anna pocht. Die setzt als angehender Filmstar jedoch auf andere Werte und gibt der Optik und dem Selbstbewusstein Bennos den Vorzug.

Viel Zeit verstreicht, in der Anna in Berlin die Schauspielschule besucht und David seinen Zivildienst auf Rügen beginnt. Doch dann erkrankt sein Vater, und Aschleben hat ihn wieder. Es ist trostloser denn je. Der Fotoladen schließt, und David wird Fischverkäufer in einem monströsen Einkaufsparadies, schließlich muss er sich um seine Familie kümmern. Nur Bennos Geschäfte scheinen zu laufen; selbstgefällig wähnt er sich auf der Sonnenseite des Lebens - noch. Auch Anna kehrt plötzlich zurück. Die Starallüren sind ihr gründlich vergangen, nun sucht sie in der Beziehung zu Benno Ersatz, will nicht wahrhaben, dass sie sich auch hier verrechnet hat. Aber nützt das David, der sie immer noch liebt?

Wie bei allen Dreiecksgeschichten schwankt die Balance zwischen den Beteiligten, und die Freundschaft zwischen David und Benno ist nicht aus Beton gegossen. Dass sie sich trotzdem um Ehrlichkeit und Verständnis bemühen, macht die Charaktere um so sympathischer. Glücklicherweise lässt Vanessa Jopp das Ende ihrer sensibel erzählten Geschichte offen und verzichtet auf alles Grelle und Hippe. Stattdessen zeigt sie ein realistisches Bild vom Alltag in der ostdeutschen Provinz, dem sie bei aller Tristesse auch lustige Momente abgewinnt - etwa wenn der Personalchef David mit "Trivial Pursuit"-Fragen prüft, oder eine Kiosk-Verkäuferin minderjährige Jungs mit Pornoheftchen zum Glühen bringt.

Auch mit ihren Hauptdarstellern bewies die Regisseurin viel Geschick: Marek Harloff (David) zeigt, wie sehr ihm introvertierte Rollen liegen; natürlich und authentisch agieren auch Roman Knizka (Benno) und Franziska Petri (Anna). Doch bei allem Trouble mit der Liebe zeigt "Vergiss Amerika", dass man an Träumen nicht nur scheitern, sondern auch wachsen kann.

"Vergiss Amerika". Deutschland 2000; Regie: Vanessa Jopp; Drehbuch: Maggie Peren; Darsteller: Marek Harloff, Roman Knizka, Franziska Petri, Rita Feldmeier, Andreas Schmidt-Schaller; Länge: 90 Min.; Verleih: Filmverlag der Autoren/Arthaus; Start: 9. November 2000



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