Verhoevens Kriegsthriller "Black Book" "Gewalt ist normal!"

Als Hollywood-Regisseur sorgte er für Furore und Skandale, jetzt hat der niederländische Regisseur Paul Verhoeven wieder einen Film in Europa gedreht: Nächste Woche läuft sein Weltkriegsthriller "Black Book" an - ein abgründiges Spiel aus Sex und Gewalt.

Von Daniel Haas


Da steht er und sieht aus wie Charles Schumann. Ach was, wie Sean Connery mit den Haaren von Charles Schumann. Großartig: das Hemd aufgeknöpft bis zum Brustbein. Die Zähne weißer als das Porzellan, das die Assistentin in Form von Kaffeetassen auf dem Tisch platziert hat.



"Herr Verhoeven, toll Sie kennen zu lernen." Keine Reaktion. Klar, er arbeitet ja, liest den neuen Ratzinger. Hat ihm die PR-Frau gerade von Dussmann geholt. "Oh, das neue Buch unseres Papstes!", sagt der Reporter beflissen. "Planen Sie einen Jesus-Film?" Vielsagendes Lächeln, Zähneblitzen. "Nein, ich schreibe ein Buch. Über Jesus. Ratzinger hat das falsch verstanden."

Weltkrieg mit Pulp-Appeal

Der Papst contra Verhoeven: toll! Wenn man nur nicht mit ihm über seinen neuen Film reden müsste: "Black Book", ein Weltkriegsdrama mit dem Charme eines Pulp-Romans. Der Plot ist so irre, dass man ihn sich gar nicht ausdenken kann. Haben Verhoeven und sein langjähriger Drehbuchautor Gerard Soeteman auch gar nicht. "Black Book" ist die Bearbeitung einer wahren Geschichte. Bearbeitung steht hier in Anführungszeichen, die so breit sind wie die der Sessel, in dem der Reporter langsam versinkt. Denn der Regisseur ist sauer.

"Zu viel Sex? Zu provokativ?" Schnauben. "Wie kann etwas so Essentielles wie Sexualität provokativ sein!?" Mit Verlaub, Herr Verhoeven, die Frage, warum in der Geschichte einer niederländischen Jüdin, die sich 1944 dem Widerstand anschließt, pausenlos nackte Brüste zu sehen sein müssen, ist doch gar nicht so abwegig. "Sich nicht mit Sex zu beschäftigen, das ist eine Verfehlung! Leute, die so ticken, sind kaputt!"

Der Reporter fühlt sich intakt wie lange nicht. Denn er hat viel über Sex nachgedacht, darüber, welche wichtige Rolle das Begehren in Verhoevens Filmen spielt. In "Basic Instinct", wo eine Autorin Lustmorde begeht; in "Show Girls", dem grandios gefloppten Melodram über Stripperinnen, in "Hollow Man" über einen Wissenschaftler, der erst unsichtbar und dann zum Spanner wird.

Trash oder Tragödie? Beides!

Und jetzt in "Black Book" mit Carice Van Houten als Jüdin Rachel, die sich prostituiert für die gute Sache. Die sich als Geheimagentin der Resistance das Schamhaar blond färbt und ihren Nazi-Lover (Sebastian Koch) fragt: "Sieht so eine Jüdin aus?" Ist das noch Realismus oder schon Exploitation? Ist das lüsterner Trash oder ein genialischer Blick in die Abgründe einer Zeit, die alle - Opfer wie Täter - entblößte, körperlich und moralisch?

Die Geschichte soll genau so abgelaufen sein: Rachels Familie wird von den Nazis auf der Flucht abgeschlachtet. Sie schließt sich dem Widerstand an, verliebt sich in einen Gestapo-Offizier und gerät zwischen die Fronten. Die Nazis enttarnen sie als Spionin, die Resistance verdächtigt sie als Verräterin. Nach dem Krieg wird sie von der Übergangsregierung inhaftiert und gedemütigt. Am Ende nimmt sie Rache.

Wenn der Sex ihn so wütend macht, ist das vielleicht ein Thema: Rache und Gewalt. "Warum wird eigentlich soviel gemordet und gefoltert und gequält in Ihrem Werk?" Spannung. Stille. Herumgnibbeln am Ratzinger-Umschlag. Eine unbewusste Geste? Jesus, "Passion Christi", Mel Gibson: Kommt jetzt ein Exkurs über Gewalt als Entertainment und Erlösung? "Ich habe so viel Gewalt gesehen", sagt Verhoeven. "Und vielleicht erholt man sich davon einfach nicht mehr."

Es gibt sie also, die biographische Verbindung zu den umherfliegenden Körperteilen aus dem Science-Fiction-Schocker "Starhsip Troopers" und den Eispickel-Morden aus "Basic Instinct". Und, ganz direkt, zu den Kolportage-haften Metzeleien, die "Black Book" als einen mit viel Lust am Radau inszenierten Genre-Film ausweisen. Als die Nazis Holland besetzten, war Verhoeven zwei, als sie gingen sieben Jahre alt. "Immer wieder sah ich als Kind die von den Deutschen Getöteten in den Straßen liegen. Die Nazis präsentierten sie für uns Holländer als Abschreckung."

"Black Book" ist Verhoevens erster holländischer Film seit 20 Jahren. In den Siebzigern und Achtzigern war er der größte Regiestar des Landes, Filme wie "Spetters" und "Der Soldat von Oranien" gehören zum Kanon des niederländischen Kinos. Hier kann man nachhaken: Ist sein Verhältnis zur Gewalt europäisch? Oder eher amerikanisch?

"Gewalt ist normal!" Da ist er wieder, der zahnblitzende Connery-Schumann. Schenkt dem Reporter, der geglaubt hat, jetzt könne man kulturkritisch Erbsen zählen, einen ein. "Gewalt ist doch überall!" Verhoeven, der Fatalist. "Sie gehört zur Kreation!" Verhoeven, der Universalist. "Ich habe ein Lieblingsfoto, darauf sind zwei aufeinander prallende Galaxien zu sehen. Was für eine Zerstörung!"

Weicht er jetzt ins Kosmische aus? Die PR-Frau hüstelt freundlich, die Zeit ist um. Wie kommt man auf die Schnelle von der allumfassenden Destruktion zurück zur Kunst, zur Schöpfung? Die Lösung ist natürlich der Papst. "Was stört Sie denn am Jesus-Buch?" "Ratzingers Auslegung des Gleichnisses vom verlorenen Sohn. Es geht nicht um Gott, sondern um den Menschen. Dass er vergeben soll."

Der Reporter ist erleichtert. Der Regisseur weiß um den Segen der Gnade. In seinen Filmen, diesen mal scheppernden, mal schaurig scharfsinnigen Studien über Sex und Gewalt, sucht man sie nach wie vor vergebens.



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