Depardieu-Komödie "Verliebt in meine Frau" Der Samen ist schon schwarz vor Lust

Zwei Paare, ein Spargelessen, ein Schoko-Cumshot - und viele geile Männerfantasien: Die französische Komödie "Verliebt in meine Frau" tut ganz raffiniert und bildungsbürgerlich, ist aber ein ekelerregender Film.

Christine Tamalet

Das Wort "raffiniert" ist eine tolle Vokabel. Erstens kann man sie auf alles Mögliche anwenden, auf Kunst genauso wie auf Pistazienschokolade oder einen Hosenschnitt. Zweitens nutzt sie nicht jeder, sie gehört noch ins streng geschützte Kommunikationssystem des Bildungsbürgertums. Wenn etwas raffiniert ist, ist es edel und komplex und clever und verdaulich und lukullisch und so weiter. Wenn man raffiniert sagt, dann hat man viel zu sagen.

"Verliebt in meine Frau" soll ein raffinierter Film sein - raffiniert wie die Edelschokolade, um die es hier einmal geht, in einem selbstverständlich durch und durch raffinierten Drehbuchmoment. Zwei Paare essen in diesem Film, der auf dem Theaterstück "Hinter der Fassade" von Florian Zeller beruht, gemeinsam zu Abend: Daniel (gespielt vom Regisseur selbst: Daniel Auteuil) und Isabelle (Sandrine Kiberlain) laden Patrick (Gérard Depardieu) und seine neue Freundin Emma (Adriana Ugarte) ein. Es gibt Champagner vorweg, dann Spargel und Lamm. Zum Dessert soll es Windbeutel mit Schokolade geben, aber mehr dazu später.

Folgendes Problem liegt in der Luft: Patrick hat erst kürzlich seine Frau Laurence für Emma verlassen, Laurence ist aber die beste Freundin von Isabelle. Der Stress ist also vorhersehbar. Aber so funktioniert das Spargel schlemmende Bildungsbürgertum eben: Es werden dort in hundert Jahren noch Leute miteinander dinieren, die gar nicht miteinander in einem Raum sein wollen - und dergestalt ihr Publikum anfaden.

Fotostrecke

10  Bilder
"Verliebt in meine Frau": Männer, die auf Emma starren

Man muss auch noch dazusagen, dass Emma, dreißigjährig und wunderschön, ganz und gar nicht zu Depardieu passt, was wiederum Daniel ganz und gar nicht passt, der nun voller Neid auf seinen alten Freund auch gerne eine Emma hätte, was man gleich am Anfang sieht, als er sich die gerade erst zur Tür Hereingekommene ganz und gar nackt vorstellt. Überhaupt ist Daniel, der sich bei Woody Allen die Tollpatschigkeit abgeschaut hat, nichts anderes als die Summe seiner primitivsten Männerfantasien: Was, wenn Emma mit ihm zusammen wäre, wenn sie Patrick für ihn verlassen würde, wenn sie mit ihm durch die Hintertüre in der Küche flüchtete, mit ihm nach Venedig führe, sich für ihn im Bikini am Pool räkelte?

Zunehmend mischen sich seine angegeilten Vorstellungsbilder in die Kammerspiel-Tischszenerie: Emma ist nackt, Emma küsst ihn, Emma liegt in seinen Armen, Emma flüstert ihm ins Ohr. Ganz raffiniert geht es hin und her zwischen Tagtraum und Spargelbiss, man weiß bald gar nicht mehr, was nun real ist und was nicht. Derart hingerissen ist Daniel von Emma, derart neben die Spur geraten, derart schwindelig ist ihm, dass er ihr einmal vor Schreck einen ganzen Topf geschmolzener, dunkler Schokolade ins Gesicht schleudert. Eine raffinierte Metapher, natürlich: Der Samen ist schon schwarz vor Lust.


"Verliebt in meine Frau"
Frankreich 2018

Originaltitel: Amoureux de ma femme
Regie: Daniel Auteuil
Drehbuch:
Florian Zeller
Darsteller: Sandrine Kiberlain, Adriana Ugarte, Gérard Depardieu
Produktion: Curiosa Films, ance 3 Cinéma, Zack Films
Verleih: Weltkino Filmverleih
Länge: 84 Minuten
FSK: ohne Altersbeschränkung
Start: 11. Oktober 2018


"Verliebt in meine Frau" ist ein ekelerregender Film. Und zwar nicht nur, weil er den weiblichen Körper spätestens mit diesem Schoko-Cumshot endgültig, restlos und unter Gekicher zum reinen Prellbock für den Samenschuss objektiviert, sondern weil er den (wenn auch nur metaphorisch übergriffigen) Mann ganz besonders in dieser Szene als das Opfer seiner eigenen Fantasien herausinszeniert. Armer neidischer Daniel, er ist ganz durch den Wind.

Der Eindruck wächst und erhärtet sich von Minute zu Minute, dass sich dieser Film bis in die dümmste Schlusspointe hinein der Agenda verschrieben hat, den derzeit viel zu doll gescholtenen Männertrieben apologetisch zur Seite zu springen. Je raffinierter er sich dabei gebärdet, je mehr sich die Melange aus verspielter Ebenenwechselei und franko-humoristischen C'est-la-vie-Schablonen als soziologisch klug und belastbar ausweist, desto widerlicher wird er.

Der Mann ist der tragische Held seines Begehrens. Genau dieses dahingestellte Axiom markiert das Ende von "Verliebt in meine Frau". Und spätestens, wenn Daniel am Schluss - er musste einen ganzen triebleidenden Spargelverzehrabend darauf warten - endlich mit der moralischen Reinwaschung beschenkt wird, der er so lange entgegenrackerte, wird klar: Man hat es als Mann nicht leicht, verdammt noch mal.


Im Video: Der Trailer zu "Verliebt in meine Frau"

Christine Tamalet
Mehr zum Thema
Newsletter
Neu im Kino: Tops und Flops


insgesamt 60 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
koh 10.10.2018
1. Vorschlag in Güte
Wie wäre es, wenn wir alle mal ein paar Jahre darauf verzichten würden, Film- und Buch-Rezensionen zu schreiben. Zumindestens bis sich diese #meetoo Hysterie wieder auf ein erträgliches Level eingependelt hat. Momentan sind alle Rezensionen müßig: Zeigt der Film, dass Männer alle notgeile Schwachköpfe sind, die am Ende ihrer gerechten Strafe zugeführt werden? Dann könnte der Film was taugen. Tut der Film das nicht, oder kommen gar Männer über 50 in positiv besetzten Rollen vor, dann schreiben wir halt einen Verriss. So eindimensional!
Tharsonius 10.10.2018
2. Übertrieben negative Kritik?
Ich habe den Film im Mai diesen Jahres in Originalfassung gesehen und ihn für sehr humorvoll und amüsant-komisch befunden. Für leute die zum Lachen in den Keller gehen ist er allerdings nicht zu empfehlen. ;
pyrrhon-von-daheim 10.10.2018
3. Meine französische Frau
kann darüber lachen. In Deutschland pflegen wir gerne die Dinge schwarz oder weiß zu sehen. Da macht auch der deutsche Feminismus leider keine Ausnahme. Wem das Französische geläufig ist, möge sich den Film im Original ansehen. Die Feinheiten erschließen sich aus der Sprache und deren Betonung. Eine französische Groteske will und kann sich nicht an moralischen Überlegenheit Kritik-beflissener messen. Es sind zwei unterschiedliche Universen.
schoenwetterschreiberling 10.10.2018
4. Ideologisierte Kritik
Und wieder einmal sieht man: FeministInnen haben keinen Humor.
geando 10.10.2018
5. Eifriger Ritter der Inquisition
Möchte sich der Autor (angesichts des aktuellen metoo-Hypes im Spiegel-Redaktionshaus) seinen schreibenden Kolleg*Innen als besonders eifriger Ritter der feministischen Inquisition andienen? Muss eine Komödie den Ansprüchen gendergerechter Ideologie gerecht werden? Ich denke noch nicht- und das ist gut so.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.