Crowdfunding-Hit "Veronica Mars" Die rätselhafte Macht der Fans

Die Lieblingsserie wurde eingestellt? Im Zeitalter von Crowdfunding muss das nicht das Ende sein, wie die Fans der US-Serie "Veronica Mars" beweisen. Über Kickstarter haben sie Geld für eine Filmadaption gesammelt - und die ist nun auch in deutschen Kinos zu sehen.

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Am 13. März 2013 wurde Filmgeschichte geschrieben. Oder Fernsehgeschichte? Ganz klar ist das bei "Veronica Mars" nicht. Drei Staffeln lang, von 2004 bis 2007, lief im US-TV die Serie über eine Schülerin, die als Privatdetektivin eine scheinbar idyllische kalifornische Küstenstadt aufmischt. Dann zog der Network-Sender CW wegen mieser Quoten den Stecker.

Die Begeisterung der Fans für den ungewöhnlichen Genre-Mix aus Highschool-Drama, Neo-Noir-Thriller und bissiger Comedy, aus "Buffy" und Mickey Spillane, blieb aber ungebrochen, und nachdem Rechteinhaber Warner Brothers seine Blockadehaltung aufgab, konnten Showrunner Rob Thomas und Hauptdarstellerin Kristen Bell am 13. März 2013 das tun, was sie eigentlich schon viel früher hatten machen wollen: über die Crowdfunding-Plattform Kickstarter Geld für einen "Veronica Mars"-Film zu sammeln.

Und wie sie sammelten. Innerhalb von zwei Tagen war ihr Ziel von zwei Millionen Dollar erreicht, insgesamt kamen über 5,7 Millionen Dollar von über 91.000 Unterstützern* weltweit zusammen. Die "Veronica Mars"-Kampagne ist damit eine der erfolgreichsten Crowdfunding-Initiativen überhaupt, auf Kickstarter ist sie das Projekt, das am schnellsten sowohl die Eine- als auch Zwei-Millionen-Dollar-Marke gerissen als auch die meisten Unterstützer (sogenannte "backers") gefunden hat.

Inspiration für Spike Lee

Diese Zahlen haben andere Filmemacher elektrisiert. Kurz nach dem Start der "Veronica Mars"-Kampagne bat "Scrubs"-Star Zach Braff um Crowdfunding für sein Spielfilmprojekt "Wish I Was Here". Selbst Regiegröße Spike Lee griff auf Kickstarter zurück, um seinen neuesten Film "Da Blood of Jesus" zu finanzieren. In Deutschland konnten die Macher des ebenfalls mit Hilfe von Crowfunding zustanden gekommenen "Stromberg"-Films gerade verkünden, dass ihre Investoren dank des großen Erfolgs an den Kinokassen nicht nur ihren Einsatz zurückerhalten, sondern ab sofort auch am Gewinn beteiligt werden.

Nicht zuletzt waren es aber die Fans von anderen eingestellten Serien, die nach dem Erfolg der "Veronica Mars"-Kampagne am leidenschaftlichsten zu diskutieren begannen. Welches Format hätte ebenfalls eine Fortsetzung verdient: Das abrupt nach drei Staffeln abgewürgte Western-Epos "Deadwood"? Judd Apatows nur eine Staffel währende Highschool-Serie "Freaks & Geeks"? Rob Thomas' ebenfalls vorzeitig beendete Comedy "Party Down"?

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"Veronica Mars" im Kino: Auf der Welle der Fan-Begeisterung

Genau ein Jahr später ist jetzt erst einmal zu sehen, was aus dem Geld der "Veronica Mars"-Fans geworden ist: Ein neuer Fall für die Hobby-Detektivin, die eigentlich keine mehr sein will, erzählt knapp zehn Jahre nach ihrem Highschool-Abschluss. Wieder ist Veronicas Ex-Freund Logan (Jason Dohring) in einen Mordfall verwickelt, und trotz der Aussicht auf einen Job als Anwältin in einer New Yorker Top-Kanzlei kann Veronica der Verlockung nicht widerstehen, in ihre Heimatstadt Neptune zurückzukehren und den Mordfall zu lösen. Oder kann sie einfach nur Logan nicht widerstehen?

In den USA hat es der Film trotz Video-on-Demand-(VoD)-Option übers Wochenende in die Top Ten der umsatzstärksten Kinofilme geschafft und knapp zwei Millionen Dollar umgesetzt. Zu den Umsätzen in Deutschland, wo der Film ausschließlich im Kino zu sehen ist, wollte sich der Verleih Warner Bros. bislang nicht äußern.

Über solche Zahlen jubeln die Fans fast genauso wie über den Film selbst. "Loved it", "Awesome", "Masterpiece", heißt es auf Twitter, dazu werden Fotos von Kinotickets und Progammtafeln gepostet, auf denen das kleine Fan-Projekt "Veronica Mars" zwischen Blockbustern wie "Need for Speed" und dem "Lego Movie" aufgeführt ist. Und tatsächlich bietet der Film fast alles, was die Fans einst so leidenschaftlich an die Serie gebunden haben dürfte: eine bestens aufgelegte Kristen Bell, die die vor Pointen und popkulturellen Verweisen überbordenden Dialoge wie beiläufige Geistesblitze klingen lässt; ein gelungenes Neo-Noir-Setting, in dem die fiktive Küstenstadt Neptune zum Schauplatz von Korruption, Diskriminierung und Klassenkampf wird; und ein nach wie vor reizvolles Liebesdreieck aus Veronica, Logan und ihrem Jetzt-wieder-Freund Piz (Chris Lowell).

Vom TV übers Kino zurück ins TV?

Nur eines fehlt dem Film, und das ist oberflächlich betrachtet das, wofür die Fans eigentlich ihr Geld rausgerückt haben: Filmformat. Der Kriminalfall ist komplizierter und detaillierter als für einen Spielfilm nötig, aber nicht so spannend wie die mit unzähligen falschen Fährten und Cliffhangern bestückten Erzählbögen der TV-Staffeln. Die waren mit über 20 einstündigen Folgen ungewöhnlich lang und dennoch so dicht und stimmig wie wenige Serien sonst konstruiert. Darüber hinaus tauchen im Film viele der schillernden Nebenfiguren (Weevil, Mac, Vinnie van Lowe), die der Serie den Charakter eines Sozialpanoramas gaben, zwar auf, tragen aber keine eigenen Erzählstränge bei.

Angesichts der guten Zahlen vom Wochenende wird in den US-Medien bereits darüber spekuliert, wie es um die Chancen für eine Fortsetzung des Films bestellt ist. Unter den Jubel der Fans mischen sich derweil die Stimmen, die eigentlich lieber eine neue Staffel als einen weiteren Film sehen wollen - zum Beispiel via Netflix, der Streaming-Plattform, die vergangenes Jahr der anarchischen Comedy "Arrested Development" zu einer vierten Staffel verholfen hat.

Hauptdarstellerin Bell, die zurzeit in der Comedy "House of Lies" zu sehen ist und deshalb keine reguläre Fernsehserie parallel drehen darf, hat solche Gerüchte frühzeitig befeuert. Schon im vergangenen Sommer sagte sie in einem CNN-Interview, dass nach entsprechenden Schlupflöchern für eine mögliche Online-Ausstrahlung gesucht werde.

Am Ende könnte also der Erfolg des "Veronica Mars"-Films zu einer weiteren Staffel der Fernsehserie führen. Für Film- und Fernsehmacher bleibt die Frage, was aus dem Erfolg von Kickstarter-Kampagnen zu lernen sei, deshalb weiter offen. Und die Fans, die ein Jahr lang dem Filmstart entgegen gefiebert haben, stehen auch schon wieder vor der alten Frage: Und wie geht es jetzt mit "Veronica Mars" weiter? Noch wirft die neue Macht der Fans mehr Rätsel auf, als sie Lösungen bietet.

Veronica Mars

    USA 2014

    Regie: Rob Thomas

    Buch: Rob Thomas, Diane Ruggiero

    Darsteller: Kristen Bell, Jason Doring, Chris Lowell, Enrico Colantoni, Percy Daggs III, Tina Majorino, Ryan Hansen, Max Greenfield

    Produktion: Rob Thomas Productions, Warner Bros. Digital, Spondoolie Productions

    Verleih: Warner Bros.

    Länge: 107 Minuten

    Start: 13. März 2014

* Disclaimer: Die Autorin gehört zu den Unterstützern des Films auf Kickstarter.

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insgesamt 17 Beiträge
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Seite 1
dosmundos 19.03.2014
1. !
Danke für die Unterstützung, Frau Pilarczyk! Ich war pünktlich letzten Donnerstag im Kino, mit meiner Tochter, der ich die drei Staffeln geschenkt hatte, damit sie nicht immer nur Vampire sieht. Mars Investigations ist eben generationenübergreifend...
fnüffe 19.03.2014
2. Fortsetzung?
Ich bin Samstag auch extra 40km weit ins einzige Kino im Umkreis gefahren, das den Film zeigt, um die Fortsetzung der geliebten Serie sehen zu können. Wir waren in der 12:45 Uhr-Vorstellung zu viert...Glaube nicht, dass die Eintrittszahlen wie in den USA hier erreicht werden. Aber leider wurde das offen gebliebene Rätsel der letzten Staffel gar nicht aufgelöst. Insofern fand ich den Film unbefriedigend und habe ihn auch nicht als echte Fortsetzung empfunden. War eher wie das gezeigte Jahrgangstreffen, ein nettes Wiedersehen mit alten Bekannten. Ich finde es deshalb auch sinnvoller, gleich eine neue Staffel einer Serie zu drehen und keinen Kinofilm. Zumindest eine Mini-Serie.
Tom Joad 19.03.2014
3. *
Zitat von sysopWarner Bros.Die Lieblingsserie wurde eingestellt? Im Zeitalter von Crowdfunding muss das nicht das Ende sein, wie die Fans der US-Serie "Veronica Mars" beweisen. Über Kickstarter haben sie Geld für eine Filmadaption gesammelt - und die ist nun auch in deutschen Kinos zu sehen. http://www.spiegel.de/kultur/kino/veronica-mars-film-nach-kickstarter-kampagne-im-kino-a-959202.html
Ich würde gerne eine Fortsetzung von "My Name Is Earl" mitfinanzieren. Und in Deutschland den "Tatortreiniger".
theduderino 19.03.2014
4. optional
Ein Problem der Serie in Deutschland war unter anderem, dass sie zu beschissenen Zeiten ausgestrahlt wurde. Wenn ich mich recht entsinne am Sa. oder So. im ZDF um 4 Uhr morgens. Da ist es nur verständlich, dass die Serie in Deutschland kaum einer kennt und damit einen würdigen Nachfolger von Serien im Stile von Buffy verpasst hat.
walther_white 19.03.2014
5. Welch Sensation......
........ist das, dass diese Begebenheit sich mehr als 8 (!!) Jahre nachdem 2005 der Film Serenity als Fan-finanzierte Fortsetzung der abgesetzen Kultsserie Firefly in die deutschen Kinos kam, wiederholt... Statt einen Disclaimer zu schreiben hätte die Autorin lieber mal richtig recherchieren sollen.........
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