"Verschwende deine Jugend" Tanz den Kommerz

Popperfrisuren und Neondekor: Benjamin Quabecks Musikerdrama "Verschwende deine Jugend" lässt die achtziger Jahre effektvoll wieder auferstehen. Von Jürgen Teipels nachdenklicher Buchvorlage blieb indes nicht viel übrig, die Produzenten hoffen auf einen kommerziellen Hit.

Von Oliver Hüttmann


"Verschwende deine Jugend", Darsteller Stadlober, Schwarz: Aufbruch, Leidenschaft, Ausverkauf
Constantin

"Verschwende deine Jugend", Darsteller Stadlober, Schwarz: Aufbruch, Leidenschaft, Ausverkauf

Sein Debüt war noch nicht in den Kinos, da hatte Benjamin Quabeck schon den nächsten Job. Auf dem Filmfest München, wo der Student für seinen Abschlussfilm "Nichts bereuen" einen Förderpreis bekam, heuerten ihn die Produzenten Jakob Claussen und Thomas Wöbke für ein vier Millionen Euro teures Projekt über "junge Leute, die irgendwie mit Musik zu tun haben" am Anfang der Achtziger zur Zeit der Neuen Deutschen Welle an.

Claussen und Wöbke haben ein Gespür für junge Talente und vor sieben Jahren im deutschen Film eine kleine neue Welle ausgelöst, auf der sie vor allem selbst erfolgreich ritten. Das Duo produzierte Caroline Links "Jenseits der Stille", das für den Auslands-Oscar nominiert worden ist, Stefan Ruzowitzkys Horror-Hit "Anatomie" mit Franka Potente und die Filme von Hans-Christian Schmid ("Crazy"), der im Coming-Of-Age-Genre zum Vorbild für den Nachwuchs wie Quabeck wurde. Inzwischen aber ist die Magie der Wonder Boys aus München verpufft. Die makabre, in England gedrehte Komödie "Ein todsicheres Geschäft" war kommerziell ein Trauerspiel, "Was tun, wenn¹s brennt?" von Gregor Schnitzler mit Till Schweiger blieb hinter den Erwartungen zurück und "Anatomie 2" geriet zum Totalflop.

Pop-Produzent in Nöten: Harry (Tom Schilling) will seine Band berühmt machen
Constantin

Pop-Produzent in Nöten: Harry (Tom Schilling) will seine Band berühmt machen

Nun liegt es an Quabeck, das Erfolgsprofil seiner Produzenten zu retten mit einem Film über eine Phase der deutschen Popmusik, die von Aufbruch, Leidenschaft und Ausverkauf geprägt ist. Bands wie Fehlfarben, Der Plan, Einstürzende Neubauten oder DAF stießen gegen Ende der Siebziger und Anfang der Achtziger mit Punk, Presslufthammer und Plastikpop aus dem Underground in die Charts vor und schufen damit die Basis für den phänomenalen Boom von musikalischem Allerlei, das unter dem Etikett Neue Deutsche Welle verramscht wurde.

Jene Stimmung vor Nena, Markus und Fräulein Menke hat der Musikjournalist Jürgen Teipel in seinem Buch "Verschwende Deine Jugend" resümiert. Eine Adaption indes ist Quabecks gleichnamiger Film nicht. Bis auf DAF, deren Song beide Werke betitelt, hat er auch nichts mit jenen Bands zu tun, ja sogar mit Musik nur am Rande. Denn obwohl Drehbuchautor Ralf Hertwig als ehemaliges Mitglied von Palais Schaumburg ein Protagonist jener subkulturellen Bewegung ist, handelt die Geschichte universell von adoleszenter Sehnsucht, Streben nach Anerkennung und Scheitern. In der ersten Drehbuchfassung, vielleicht inspiriert von Cameron Crowes "Almost Famous", soll sie noch in den siebziger Jahren angesiedelt gewesen sein.

Bassistin Melitta (J. Schwarz): Coole Blondie-Kopie
Constantin

Bassistin Melitta (J. Schwarz): Coole Blondie-Kopie

Im Mittelpunkt steht Harry Pritzel (Tom Schilling), der bei der Stadtsparkasse München und nebenbei als Musikmanager arbeitet. Er betreut das Trio Apollo Schwabing mit dem Sänger und Gitarristen Vince (Robert Stadlober), der Bassistin Miletta (Jessisca Schwarz) und dem Schlagzeuger Freddie (Marlon Kittel), beherrscht selbst kein Instrument und gehört zu jenen schmächtigen Bürschchen, die Mangel an Charisma durch Eifer wettmachen. Als die Band im Musikmagazin "Sounds" vom arroganten Kritiker Wieland Schwartz (Christian Ulmen) verrissen wird und ein ohnehin kaum besuchtes Konzert in einem Stromausfall endet, geben die Musiker Harry die Schuld daran, dass sie noch nicht berühmt sind.

In seiner Verzweiflung kündigt Harry großspurig an, er werde Apollo Schwabing im Circus Krone spielen lassen - als Vorgruppe von DAF. Das Problem: Die wissen nichts von diesem Auftritt, obwohl Harry bereits die Zirkusarena gemietet hat, überall Plakate kleben lässt und im Plattenladen von Bob (Dieter Landuris) die Eintrittskarten verkauft werden. Harry wächst die Lüge schnell über den Kopf, und obwohl er schließlich eine Zusage von DAF erhält, kann er deren Gage nicht bezahlen und versucht seine Sparkassenfiliale auszurauben.

Arroganter Musikkritiker: MTV-Star Christian Ulmen als Wieland Schwartz
Constantin

Arroganter Musikkritiker: MTV-Star Christian Ulmen als Wieland Schwartz

Der 27-jährige Quabeck war damals noch zu klein, um die NDW bewusst miterleben zu können. Aber man muss ja nicht unbedingt dabei gewesen sein, um einen Film mit typischen Zeitkolorit wie Popperfrisuren, Schweiß- und Stirnbändern, spitzen Schuhen und weißen Socken, Ansteckern mit Protestslogans gegen Strauß oder den Nato-Doppelbeschluss, Sackos mit Schulterpolster, Palästinenserschals und Neondekor auszustatten. Quabecks Leistung besteht darin, pointiert eine Geschichte erzählen und stimmig die Schauspieler leiten zu können. Stadlober glänzt als labile, narzisstische Künstlerseele, Schwarz spielt cool eine Kopie von "Blondie" Debbie Harry und Schilling wirft sich mit allen emotionalen Facetten in seine Figur.

"Verschwende deine Jugend" ist kein unbequemer, sondern ein unterhaltsamer Film. Den Zorn und die Rebellion der damaligen Generation spiegelt er zwar nicht wider, aber einige Widerhaken gibt es dennoch. Im Luxushotel von DAF liegen die Geldscheine schon mal in einer Plastiktüte, ihr Manager schreibt den Vertrag koksend auf Toilettenpapier, und Gabi Delgado (Denis Moschitto) sucht ständig seine Kontaktlinsen. Sottisen und Slapstick, in den sich dennoch ein Abgesang auf die Zukunft der NDW und der Musik einschleicht. "Wer braucht schon noch Gitarren und Strophen", nölt Delgado, den Trend zur elektronischen Musik im Blick. Und trotz einer gewissen Kurzsichtigkeit präsentiert er Harry eine CD als Zukunft der Musik. Ein prophetischer Anachronismus.

Am Ende konstatiert Harry, bald werde mehr so sein wie jetzt. Musik, das gilt vor allem heute, hat immer weniger mit Idealismus zu tun und immer mit Kommerz. Im Kino ist es natürlich nicht anders. "Verschwende deine Jugend" kann ein Erfolg werden, was vor allem für Claussen und Wöbke durchaus wichtig ist. Benjamin Quabeck ist das Einspielergebnis egal. "Qualität", sagt er, "misst sich nicht an Zahlen." Und als nächstes will er sowieso wieder eine "kleinen, harten Film" drehen.


Verschwende deine Jugend

Deutschland 2003. Regie: Benjamin Quabeck. Drehbuch: Ralf Hertwig. Darsteller: Tom Schilling, Robert Stadlober, Jessisca Schwarz, Dieter Landuris, Marlon Kittel, Christian Ulmen. Produktion: Claussen + Wöbke. Verleih: Constantin. Länge: 98 Minuten. Start: 3. Juli 2003



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