Eine-Einstellung-Film "Victoria" "Der Dreh war wie eine Droge"

In Berlin trifft eine junge Spanierin eine Gruppe Jungs und überfällt mit ihnen eine Bank: Der Film "Victoria" wurde in nur einer Einstellung gedreht. Wie macht man das?

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Zur Person
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    Laia Costa, 1985 in Barcelona geboren, spielte in einigen erfolgreichen spanischen TV-Serien und in der Komödie "Tengo ganas de ti" ("Ich steh auf Dich", 2012), bevor sie die Hauptrolle in "Victoria" übernahm. Der Film hatte 2015 im Wettbewerb der Berlinale Premiere; Costa ist als beste Hauptdarstellerin für den Deutschen Filmpreis nominiert.
SPIEGEL ONLINE: Frau Costa, wie hat Ihnen Sebastian Schipper seinen Film vorgestellt? (Lesen Sie hier unsere zur Berlinale veröffentlichte Rezension)

Costa: Ich glaube, wir haben nach dem Casting gar nicht lange vorab über das Projekt gesprochen, sondern sofort mit der Arbeit angefangen.

Schipper: Wann hast du dann erfahren, was wir machen wollen?

Costa: Meine Agentin hat mir gesagt, dass der Film in einer Einstellung gedreht wird und dass es um ein Mädchen in Berlin geht, das nachts ein paar Jungs kennenlernt. Dass die eine Einstellung zweieinhalb Stunden dauern würde, hatte mir aber niemand gesagt.

Zur Person
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    Sebastian Schipper, 1968 in Hannover geboren, ist Schauspieler (u.a. "Kleine Haie", "Ludwig") und Filmemacher. Mit seiner ersten Regie-Arbeit, "Absolute Giganten", gewann er 1999 den Deutschen Filmpreis in Silber. 2006 und 2009 folgten die Dreiecks-Beziehungsdramen "Ein Freund von mir" und "Mitte Ende August". "Victoria"-Kameramann Sturla Brandth Grøvlen gewann auf der Berlinale einen Silbernen Bären; Schipper ist als bester Regisseur für den Deutschen Filmpreis nominiert.
Schipper: Aber die zwölf Seiten Drehbuch, die ich verfasst hatte, kanntest du schon, oder?

Costa: Nein, bis zu unserem ersten Treffen kannte ich selbst die nicht.

Schipper: Das Besondere bei dem Buch war, dass es keinerlei Dialoge enthalten hat. Normalerweise arbeitest du Ewigkeiten an einem Drehbuch - also, Ewigkeiten, wenn's schlecht läuft, und zwei Jahre, wenn's gut läuft. Dann drehst du wie verrückt und sitzt anschließend im Schnitt und denkst: Scheiße, das funktioniert nicht, wie können wir das retten? Bei "Victoria" haben wir im Prinzip das Drehbuch, die Struktur, die Dialoge gemeinsam vor Ort geschrieben und währenddessen die Szenen immer wieder überarbeitet und neu arrangiert. Die Arbeit am Set musste also bereits das vorweg nehmen, was normalerweise erst nach Drehschluss kommt. Das hat die Arbeit wahnsinnig anstrengend gemacht, aber uns sehr stark zusammengebracht. Die Schauspieler haben sich deshalb auch viel stärker verantwortlich für den Film gefühlt.

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"Victoria": Atemlos durch die Nacht
Costa: Ganz genau. Deshalb kann ich mich auch nicht daran erinnern, wann du mir das Projekt als Ganzes vorgestellt hast. Das war von vornherein ein Prozess, in den du uns eingebunden hast.

SPIEGEL ONLINE: Auch wenn Sie das Gemeinschaftliche bei der Arbeit betonen: Der Film heißt "Victoria", Sie, Frau Costa, sind am meisten von allen Darstellern im Bild. Wie haben Sie Ihre Figur angelegt, ist sie die Heldin des Films?

Costa: Nein, Victoria ist nicht die Heldin des Films, jedenfalls nicht die alleinige. Ein Held ist jemand, der wie jeder andere Angst hat, aber sie überwindet und deshalb sein Ziel erreicht. Und das tun auch die Jungs im Film. Victoria entwickelt diese Stärke aber erst im Verlauf des Films.

Schipper: Der Film ist wirklich erst während des letzten Drehs zu einer Einheit geworden. Was funktioniert und wie sich die Figuren zueinander verhalten, hat sich erst dann gezeigt. Bis dahin haben wir an Victoria wirklich viel geändert.

Exklusiv: Sehen Sie hier den Kurzfilm, mit dem Sebastian Schipper die Filmförderung von seinem Konzept für "Victoria" überzeugt hat

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SPIEGEL ONLINE: Zum Beispiel?

Schipper: Anfangs war sie noch das gute Mädchen, das langsam auf die dunkle Seite wechselt. Aber das war einfach nicht interessant genug, so hätten wir nur ein statisches Porträt erzeugt. Etwas musste in ihr arbeiten und als wir sie dann als Idealistin anlegten, passte plötzlich alles: Wenn Victoria an etwas glaubt, zieht sie es bedingungslos durch.

Costa: Diese Herangehensweise hat mich an die Ausbildung an der Schauspielschule erinnert: Dort bekamen wir den Ratschlag, dass wir beim Spielen versuchen sollten, etwas in der Figur zu entdecken, das nicht im Text enthalten ist. So ist es mir auch mit Victoria gegangen: Ich habe sie erst während des Spielens vollständig verstanden.

Schipper: Der Prozess des gemeinsamen Erarbeitens war wirklich entscheidend für das Endergebnis. Leider fehlt beim Film so häufig das Interesse am Prozess. Dabei ist es als Regisseur so toll, diese ganzen Schnipsel und Ideen sammeln und arrangieren zu können.

Costa: Sebastian hat sich bei den Probeaufnahmen häufig dazugestellt und einfach Stichworte in den Raum geworfen. "Wenn Ihr was Interessantes dabei entdeckt, wird das in eure Figur einfließen", hat er erklärt. "Und wenn Ihr vergesst, was ich gesagt habe, dann war es eben unwichtig." So haben wir sehr viele Informationen und Anregungen von ihm bekommen, ohne unter Druck gesetzt zu werden.

SPIEGEL ONLINE: Ist "Victoria" also Teil der neuen Welle von improvisierten Filmen in Deutschland wie etwa "Love Steaks" von Jakob Lass oder "Männer zeigen Filme, Frauen ihre Brüste" von Isabell Suba?

Schipper: Nur bedingt. Ich sage zu meinen Schauspielern zwar auch, dass sie spontan und unmittelbar agieren sollen. Allgemein sind Impro-Filme aber getragen vom Spaß daran, sich selbst keine Grenzen aufzuerlegen und unerwartbar zu sein. "Victoria" hat dagegen ein durchaus traditionelles Erzählgerüst, ich will meine Geschichte wirklich durcherzählen - mit richtigem Anfang, Mittelteil und Ende. Das heißt aber nicht, dass alles vorhersehbar sein muss. Durch dieses latente Gefühl von Gefahr, das wir bei "Victoria" geschaffen haben, rätselt man trotzdem, was als nächstes passieren wird.

SPIEGEL ONLINE: "Victoria" lief im Wettbewerb der Berlinale als einer von zwei deutschen Beiträgen. Wie wichtig sind Deutschland und speziell Berlin als Bezugspunkte?

Costa: Ich hatte nicht das Gefühl, einen deutschen Film zu drehen - eher einen europäischen. Schließlich geht es um ein Mädchen, das in einem anderen Land lebt.

Schipper: Ich glaube auch, dass Berlin gar nicht so entscheidend für den Film ist. Er dreht sich eher um junge Leute in unserer Zeit.

SPIEGEL ONLINE: Aber eine junge Spanierin, die wegen der Arbeit nach Berlin gekommen ist - das spiegelt doch sehr genau die Situation in der Stadt wieder.

Schipper: Das stimmt - wobei sich das international nicht so erschließt. Mir haben Leute gesagt, das "Victoria" unrealistisch sei, schließlich könne sie nicht in einem Berliner Café arbeiten, wenn sie nicht Deutsch spricht. Da musste ich doch sehr lachen, die haben eindeutig noch nicht versucht, in Neukölln eine Tasse Kaffee auf Deutsch zu bestellen. Allgemein nervt mich aber die Diskussion darüber, wie cool Berlin wirklich ist. Dazu will ich erst gar nicht eine Haltung entwickeln. Ich mag einfach an der Stadt, dass sie so vielen jungen Leuten Unterschlupf bietet. Unsere Welt meint es nämlich oft nicht besonders gut mit denen, die Jugendarbeitslosigkeit in Südeuropa ist zum Beispiel katastrophal.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie traurig, dass Sie nie wieder einen Film wie "Victoria" werden drehen werden? Es noch mal genauso zu machen, würde den Ansatz ja zur Masche verkommen lassen.

Schipper: Nein, ich bin nicht traurig, denn die Herausforderung liegt nun darin herauszufinden, was ich als Filmemacher aus dem Dreh mitnehmen kann. Die Qualität des Films besteht nämlich nicht darin, dass er in einer Einstellung gedreht wurde, sondern was die Beschränkung auf eine Einstellung für Folgen hatte: Die Schauspieler haben wirklich gebrannt für ihre Rollen, dauernd herrschte das Gefühl, gerade noch an der Katastrophe vorbeigeschrammt zu sein.

Costa: Für mich war der Dreh wie eine Droge, ich würde es sofort wieder machen. Gleichzeitig weiß ich, dass mir so eine Rolle nie wieder angeboten werden wird. Das macht mir fast schon Angst.

Schipper: Du musst dir die Energie aus dem Dreh bewahren, auch wenn du als nächstes etwas ganz anderes machst. Das Kino gibt es seit mehr als hundert Jahren. Mittlerweile scheint sich das Gefühl breitgemacht zu haben, man hätte die Bestie Film gezähmt. Aber diese Bestie darf nicht gezähmt werden. Manchmal habe ich das Gefühl, die Bestie ist in die großen amerikanischen Serien geflohen. Dort passieren zurzeit die wirklich wilden Dinge. Ich wünsche mir, dass auch im Film wieder mehr Unberechenbarkeit möglich ist. Immer nur auf Nummer sicher zu gehen, das ist eigentlich das Gefährlichste.

Sehen Sie hier den Trailer zu "Victoria"

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insgesamt 7 Beiträge
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Seite 1
chuckal 10.06.2015
1. Jedesmal
wenn dieser Film erwähnt wird, hört und liest man das gleiche: Eine einzige Einstellung. Die Frage aber ist doch nicht, ob man diese logistische Herausforderung formal bewältigt hat und was das filmhistorisch bedeutet, sondern was der Film erzählt, was er für einen Inhalt hat und da erfahre ich immer nur Dünnes und das was ich da lese und höre, klingt doch sehr nach ausgedachter Cool-Action. Selber konnte ich ihn noch nicht sehen, da er zumindest in meiner Stadt anscheinend noch gar nicht im Kino war oder wenn zu Zeiten, an denen ich nicht konnte. Also: Hat den Film jemand gesehen und wie fand er/sie ihn?
travelflo 10.06.2015
2. Ich habe den
Film bereits gesehen. Man erwähnt natürlich den Punkt mit der Einstellung, da das der herausragende "Unique Selling Point" ist. Das, was ihn (bis auf ganz wenige Ausnahme) von anderen Filmem unterscheidet. Diese Beschränkung auf diese eine Einstellung ist eine Art Dogma. Ähnlich wie beim Dogma 95 geht das zu Lasten einiger Filmelemente, andere wiederum werden bestärkt. Durch den Verzicht auf den Schnitt, hat man eher das Gefühl an den Personen zu seinen,die Bindung zu den Figuren wird größer. Ich habe den Film abends gesehen, als es dunkel war. Der Film selbst startet im Dunkeln (4:00) und geht bis 6:30, also bis es hell wird. Ich hatte das Gefühl, dass es draußen nun doch auch hell sein musste. Einfach daher, da mich der Film so eingezogen hat. Auf der anderen Seite ist die Story in meinen Augen sehr schwach, teilweise kitschig, vorhersehbar. Teilweise unlogisch etc. Ich selbst mache auch Filme, ich habe mir die Frage gestellt, ob man das überhaupt besser machen könnte, trotz dieser "Einschränkung". Ich würden sagen ja. Aber als Fazit kann ich nur sagen, Hut ab vor der Leistung der Crew und der Schauspieler, die 240 Minuten vergingen sehr schnell.
BeratungsconsultingWirkes 10.06.2015
3. Ausschaltknopf
Eine typische Zeitgeistproduktion. Politisch korrekter Plot, trendige Machart, fertig ist der Filmpreis.
Grafsteiner 10.06.2015
4. Der Dreh war wie eine Dogge.
Die sabbert so übel. Ooops. Falsch gelesen: "Der Dreh war wie eine Droge". Ja, ja, Drogensüchtige sabbern auch, wenn sie überhaupt alt werden. Rainer Werner Fassbinder hat den Drogenlöffel ja schon mit 37 abgegeben. Nachdem er schon mit 25 aussah wie ein Bahnhofspenner.
chuckal 11.06.2015
5. Vielen Dank
Zitat von travelfloFilm bereits gesehen. Man erwähnt natürlich den Punkt mit der Einstellung, da das der herausragende "Unique Selling Point" ist. Das, was ihn (bis auf ganz wenige Ausnahme) von anderen Filmem unterscheidet. Diese Beschränkung auf diese eine Einstellung ist eine Art Dogma. Ähnlich wie beim Dogma 95 geht das zu Lasten einiger Filmelemente, andere wiederum werden bestärkt. Durch den Verzicht auf den Schnitt, hat man eher das Gefühl an den Personen zu seinen,die Bindung zu den Figuren wird größer. Ich habe den Film abends gesehen, als es dunkel war. Der Film selbst startet im Dunkeln (4:00) und geht bis 6:30, also bis es hell wird. Ich hatte das Gefühl, dass es draußen nun doch auch hell sein musste. Einfach daher, da mich der Film so eingezogen hat. Auf der anderen Seite ist die Story in meinen Augen sehr schwach, teilweise kitschig, vorhersehbar. Teilweise unlogisch etc. Ich selbst mache auch Filme, ich habe mir die Frage gestellt, ob man das überhaupt besser machen könnte, trotz dieser "Einschränkung". Ich würden sagen ja. Aber als Fazit kann ich nur sagen, Hut ab vor der Leistung der Crew und der Schauspieler, die 240 Minuten vergingen sehr schnell.
Wegen solcher Posts gibt es solchen Foren. Vielen Dank. Aber ist der wirklich 4 Stunden lang?
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