"Viel Lärm um nichts" Der perfekte Sommerfilm

Was tun nach einem Mega-Blockbuster wie den "Avengers"? Für Joss Whedon war klar: Eine Low-Budget-Schwarz-Weiß-Fassung von Shakespeares "Viel Lärm um nichts", in welcher der "Buffy"-Regisseur viele alte Freunde versammelt. Ein feiner Kinospaß.

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Wenn doch bloß alle Urlaubsfilme so wären: Während der Produktion des Comic-Blockbusters "Avengers" verfügte Regisseur und Autor Joss Whedon über eine vertraglich festgelegte Ferienzeit. Aber statt einfach mal auszuschlafen, drehte er lieber mit Minimalbudget und an nur zwölf Tagen eine Adaption von William Shakespeares "Viel Lärm um nichts" in seinem Privathaus.

Das entspricht nicht unbedingt der gängigen Vorstellung von Entspannung, ist jedoch ein Glücksfall für das Kinopublikum. Denn der Schnellschuss kommt derart unprätentiös und kurzweilig daher, dass man als Zuschauer fast übersehen könnte, wie clever Whedon sich den Bühnenklassiker zu eigen macht. Und dabei eine überraschend neue Sicht auf die vertraute Geschichte eröffnet.

Die entspinnt sich in schlichtem Schwarzweiß vor einer ganz heutigen Kulisse, aber mit der historischen Rollenbeschreibung: Edelmann Don Pietro (Reed Diamond) trifft nach einem erfolgreichen Waffengang gegen seinen abtrünnigen und nun in Gefangenschaft genommenen Bruder Don Juan (Sean Maher) in Messina ein, wo er und sein Gefolge freudig im Haus des Gouverneurs Leonato (Clark Gregg) empfangen werden. Kaum angekommen, verliebt sich der junge Offizier Claudio (Fran Kranz) in Leonatos Tochter Hero (Jillian Morgese), derweil sein erfahrener Gefährte und Mentor Benedikt (Alexis Denisof) verbale Spitzen mit Leonatos schlagfertiger Nichte Beatrice (Amy Acker) austauscht.

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"Viel Lärm um nichts": Grandiose Popkultur
Alsbald planen Don Pedro und Leonato die Vermählung von Claudio und Hero, und auch die widerständigen Wortfechter Benedikt und Beatrice wollen sie mit List unter die Haube bringen. Der verbitterte Don Juan hingegen sieht seine Chance zur Revanche gekommen und setzt alles daran, die Paarbildung mittels einer Intrige zu durchkreuzen.

Gartenparty mit Slapstick und Musik

Soweit die aus der Vorlage bekannte Ausgangssituation. Whedons Werktreue unterscheidet sich gleichwohl von sklavisch historisierenden Verfilmungen, die das elisabethanische Zeitalter möglichst akkurat nachbilden wollen, als auch von losen Shakespeare-Adaptionen, die zwar das grobe Handlungsgerüst, nicht aber die Sprache übernehmen. Bei Whedon ersetzen Autos die Pferde, der Adel trägt Straßenanzug und statt dem Säbel ziehen aufbrausende Kontrahenten die Automatikpistole.

Die zeitgenössische Überarbeitung endet bei den Dialogen, weshalb die minimalistisch-moderne Ausstattung im reizvollen Kontrast zu Shakespeares bild- und assoziationsreichem Originaltext steht. Den resultierenden Verfremdungseffekt nutzt die Inszenierung klug, um in entscheidenden Momenten den Witz, die Zärtlichkeit, aber auch die Grausamkeit des gesprochenen Worts noch deutlicher auszustellen.

Obschon "Viel Lärm um nichts" zu den Komödien Shakespeares zählt, ist das höfische Verwechslungs- und Verleumdungsspiel ja kein harmloses Vergnügen. So mangelt es auch nicht an dramatischer, sogar lebensbedrohlicher Fallhöhe, wenn die zwei potenziellen Liebespaare gegen fremde Ränke und eigene Vorurteile ankämpfen. Über die sonnige Gartenparty mit Slapstick und Musik kann sich jederzeit der Schatten der Tragödie legen, und dieser Umstand entspricht den erzählerischen Leidenschaften Joss Whedons.

Denn ob nun im Fernsehen, in Comics oder im Kino - Whedons Geschichten vereinen mit Verve rasante Komik, emanzipatorisches Ethos und dringliche Herzensbildung. In seinem Zugriff auf Shakespeares Text akzentuiert er daher folgerichtig jene Motive, die in etlichen seiner anderen Arbeiten zu finden sind: Skepsis gegenüber Autoritäten, Liebe entgegen der Konventionen und nicht zuletzt selbstbewusste, oft weibliche Figuren, die sich gegen Willkür und Fremdbestimmung behaupten müssen.

Besetzt mit lauter Lieblingsdarstellern

Der Besetzung sind diese Themen fraglos bekannt, sie besteht nahezu vollständig aus Schauspielern, die bereits mit Whedon gearbeitet haben. Dazu gehören neben Denisof ("Buffy") und Acker ("Angel") - denen als rührende Romantikrüpel die turbulentesten Szenen gehören - auch Nathan Fillion ("Firefly") und Tom Lenk ("The Cabin in the Woods"), die als buffoneske Nachtwächter in Messina ermitteln und erheitern.

Alle gemeinsam bilden ein veritables Ensemble, eine Whedon Company, die mit sichtlichem Spaß ihr Sommertheater aufzieht. Wie Joss Whedon so seine eigene Werkgeschichte mit der des größten Dramenautors im westlichen Kanon kurzschließt, ist amüsant anzusehen und erscheint bei allem Augenzwinkern nur konsequent. Ganz gleich ob alter, neuer, oder gar kein Klassiker, es geht um die intellektuelle Lust an einem Text, der Zeiten überdauert. Darum, das gegenwärtige Moment in einer Fiktion auszumachen, die gedruckt unserer Lebenswelt fern scheinen mag, aber forsch auf die Leinwand geworfen neue Relevanz gewinnt. Und um Empathie für Figuren, die leidenschaftlich nach der richtigen Sprache für ihre Liebe suchen.

Man kann das viel Lärm um nichts nennen. Oder grandiose Popkultur mit Humor und Haltung.

Viel Lärm um nichts

USA 2012

Originaltitel: Much Ado About Nothing

Regie: Joss Whedon

Buch: Joss Whedon nach einem Theaterstück von William Shakespeare

Darsteller: Amy Acker, Alexis Denisof, Nathan Fillion, Clark Gregg, Reed Diamond

Produktion: Bellwether Pictures

Verleih: Edel motion

Länge: 109 Minuten

Start: 24. Juli 2014

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niska 24.07.2014
1.
Zitat von sysopEdel MotionWas tun nach einem Mega-Blockbuster wie den "Avengers"? Für Joss Whedon war klar: Eine Low-Budget-Schwarz-Weiß-Fassung von Shakespeares "Viel Lärm um Nichts", in welcher der "Buffy"-Regisseur viele alte Freunde versammelt. Ein feiner Kinospaß. http://www.spiegel.de/kultur/kino/viel-laerm-um-nichts-joss-whedon-verfilmt-shakespeare-a-982337.html
Da hat er wirklich alles aufgefahren, was im Whedonverse einen guten Namen hat: Amy Acker (Angel, Dollhouse, The Cabin in the Woods, Marvel’s Agents of S.H.I.E.L.D.) Alexis Denisof (Buffy, Angel, Dollhouse, Marvel’s The Avengers) Reed Diamond (Dollhouse) Sean Maher (Firefly, Serenity) Clark Gregg (Marvel’s The Avengers, Marvel’s Agents of S.H.I.E.L.D.) Fran Kranz (Dollhouse, The Cabin in the Woods) Jillian Morgese (Statistin bei Marvel’s The Avengers) Nathan Fillion (Firefly, Serenity, Buffy, Dr. Horrible’s Sing-Along Blog) Tom Lenk (Buffy, Angel, The Cabin in the Woods) Riki Lindhome (Buffy) Ashley Johnson (Dollhouse, Marvel’s The Avengers) Die einzige echte Whedon-Jungfrau im Cast ist Spencer Treat Clark... Unbedingt anschauen.
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