Vierter "Twilight"-Film: Endlich Sex, endlich Action

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Zugegeben, die Erwartungen waren nicht gerade hoch. Aber was Regisseur Bill Condon aus "Breaking Dawn Teil 1 - Bis(s) zum Ende der Nacht" macht, ist durchaus vorzeigbar. Die fatale Ehe von Bella mit Vampir Edward bietet den Darstellern endlich Stoff zum Spielen - und den Zuschauern sogar Humor.

Da liegt es nun, das Hochzeitsbett, in Trümmern und in Fetzen. Erstaunt schaut die Braut, als sie im Morgenlicht die Augen öffnet, den Federn hinterher, die aus zerrissenen Decken durch den Raum treiben. Dann erinnert sie sich an die Verzückungen der letzten Nacht und lächelt. Vorm Badezimmerspiegel fasst sie sich später ins Gesicht und tastet zärtlich die Berührungen ihres Bräutigams nach. Schließlich kommt der Ehemann ins Bad, zieht ihren Unterarm aus dem Morgenmantel und deutet auf die blauen Abdrücke, die sein übermäßig fester Griff hinterlassen hat, und die tiefen Furchen, die er auf ihre Schulter gekratzt hat. Nie wieder, sagt sein schuldiger Blick, wird er ihr das antun.

Drei Filme lang mussten "Twilight"-Fans auf die erste gemeinsame Liebesnacht von Bella ( Kristen Stewart) und Edward (Robert Pattinson) warten. Zu groß war die Angst des Vampirjungen Edward, dass er seine Lust nicht bändigen könne und die menschliche Bella beim Sex töten würde. Erst wenn sie auch Vampir geworden war, wollte er mit ihr schlafen. Bei ihrem ersten Stelldichein ist Bella nun aber immer noch ein Mensch. In altkluger Voraussicht hatte sich Edward ausbedungen, dass sie vorher heiraten. Die Ehe als ultimative Lustbremse, da merkt man dem Bräutigam seine 110 Jahre doch an.

Aber all die Lebens- und Todeserfahrung scheint nichts genützt zu haben, als klar wird, was die Folgen der Hochzeitsnacht sind: ein Kind, halb Mensch halb Vampir, das in rasender Eile wächst und Bella schon nach wenigen Wochen mit seinen Tritten die Rippen bricht. Und wieder einmal ist Bellas Leben in Gefahr, denn dass sie diese Schwangerschaft, geschweige denn die Geburt, überlebt - das scheint völlig ausgeschlossen.

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"Breaking Dawn Teil 1": Bellas flüchtiges Eheglück
Kein Sex vor der Ehe - und am besten auch nicht danach

Eine der erstaunlichsten Aspekte an der "Twilight"-Saga war immer ihre Eindimensionalität. Nichts an der Dreiecksgeschichte um Bella, Edward und den jungen Werwolf Jacob (Taylor Lautner) eignete sich zur zeitdiagnostischen Ausdeutung. Mühsam las man aus Stephenie Meyers Buchvorlagen konservatives Gedankengut heraus, schließlich schien Edward Keuschheit vor der Ehe zu propagieren. Spätestens mit dem vierten Film ist aber auch diese Ebene perdu: Die Braut sieht nach der Hochzeitsnacht aus wie ein Opfer häuslicher Gewalt und durchlebt in der Folge eine höllische Schwangerschaft, bei der aus diversen Gründen Unmengen von Blut fließen. Sex, so wird es einem hier nahegelegt, ist nicht nur vor der Ehe, sondern jederzeit ein Übel.

Für "Breaking Dawn Teil 1" - die Fortsetzung und gleichzeitig der letzte Teil der Saga kommt im Winter 2012 - ist diese Wendung trotzdem ein Glücksfall. Endlich kann der Film auffahren, was man in einer Geschichte über die sexuell aufgeladensten Phantasiefiguren der Geschichte, nämlich Vampire, von Anfang erwartet hat: Sex, Gore und jede Menge Blut.

Litt vor allem der zweite Teil "New Moon" unter den erbärmlichen Dialogen von Drehbuchautorin Melissa Rosenberg (auch diesmal wieder fürs Skript verantwortlich), orientiert sich der vierte Film nun an seinem temporeicheren Vorgänger "Eclipse" und drückt erzählerisch und cinematografisch aufs Gas.

Als erstes fällt die satte Farbgebung auf. Dankenswerterweise hat Regisseur Bill Condon ("Dreamgirls", "Kinsey") auf die immergleiche silbrig-blaue Tönung der vorherigen Filme verzichtet und lässt die menschlichen Wangen nun rosa erstrahlen. Das erweist sich später, als Bella mit hohlen Augen dem Tod entgegenzutreiben scheint, als Trick, um ihr Siechtum noch eindrücklicher zu machen. Doch zunächst ist man froh darüber, dass dieser "Twilight"-Teil mehr will - und tatsächlich auch mehr bietet.

Nackter Oberkörper nach nur 17 Sekunden

Da ist zum Beispiel Edward, der wegen der langersehnten Hochzeit endlich Grund zum Lachen und Feixen hat - was die Anzahl der Gesichtsausdrücke, die Robert Pattinson bislang abgefordert wurden, mit einem Schlag verdoppelt. Und da sind die Flitterwochen, in denen Bella endlich aus ihrer bleiernen Passivität geholt wird und um eine weitere Liebesnacht mit ihrem Mann buhlen muss. Wie befreit spielt Kristen Stewart, sicherlich die stärkste Darstellerin in einem durchwachsenen Ensemble, angesichts dieser Aufgabe auf. Endlich muss sie sich nicht immer nur durch die Haare fahren, um die Löcher in den Dialogen zu überspielen, endlich kann sie vollen Körpereinsatz bringen.

Sogar ein bisschen Humor - bislang bei "Twilight" fast noch das größere Tabu als Sex - fährt Condon auf. Die Hochzeit inszeniert er zum Beispiel so, dass Bellas menschliche Verwandtschaft mit all ihren Macken schräger erscheint als die Vampirgefolgschaft, die Edward hinter sich versammelt. Doch nicht alle Lacher sind freiwillig. Dass sich Taylor Lautner diesmal nach 17 (!) Sekunden Laufzeit das T-Shirt vom aufgepumpten Oberkörper reißt, könnte man bei anspruchsvolleren Produktionen für ein Zeichen von Selbstironie halten. Hier wirkt es vor allem uninspiriert, denn dem zerrissenen T-Shirt folgt einer von zahllosen Wutausbrüchen, bei denen sich Jacob schließlich in einen Werwolf verwandelt - wie üblich in einen, der vor allem nach schrecklichen Spezialeffekten aussieht.

Aber selbst Jacob kommt letztlich zu seinem Recht, denn zum ersten Mal wird wirklich aus seiner Perspektive erzählt. Wie Edward muss er mitansehen, wie der Kampf um Bellas Liebe zwar entschieden ist, der Kampf um ihr Leben aber erst beginnt. Bella ist dabei nicht durch ein dämliches Frauenbild zur Passivität gezwungen, sondern durch eine Schwangerschaft, die sie bis zum Tode auszuzehren scheint.

Edward, Bella, Jacob - das erscheint mit "Breaking Dawn Teil 1" endlich als Kräftedreieck, aus dem heraus tatsächlich Spannung entsteht. Für ein Franchise, das kaum mehr als eine Dreiecksgeschichte zu bieten hat, eigentlich ein Armutszeugnis. Aber zumindest lässt es darauf hoffen, dass der letzte Teil ein Finale sein wird, das all dem Wirbel um "Twilight" und seine Darsteller zumindest halbwegs gerecht werden wird.

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insgesamt 17 Beiträge
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1. Kein Sex, keine Action
filmforist 22.11.2011
Das Bild eines zerstörten Bettes und zahlreiche blau-schwarze Flecken als den lang erwarteten "Sex" zu bezeichnen, lässt tief blicken. Auch das kurze Rennen eines Wolfes durch den Wald und den 30 Sekunden dauernden lahmen "Kampf" zwischen Wölfen und den ihre Fähigkeiten nicht einsetzenden Vampiren als "Action" zu bezeichnen ist eher unverständlich. Eine treffende Kritik gibt es hier: www.kritikertipp.de . Insgesamt ist der Film das Lahmste der letzten Monate und der einzige "Kampf" ist der Kampf mit sich selbst den Kinosaal nicht zu verlassen, damit man sich nicht zu Tode langweilt.
2. Vampire
ColynCF 22.11.2011
Spritzen Vampire eigentlich? Und was ist mit Monatsblutung? Verhüten müssen sie ja wohl nicht.
3. .
El_Lutzo 22.11.2011
Kondome schützen. Außerdem dachte ich, Gore und viel Blut wären das Gleiche?
4. Oh man
Direwolf 22.11.2011
Zitat von sysopZugegeben, die Erwartungen waren nicht gerade hoch. Aber was Regisseur Bill Condon aus "Breaking Dawn Teil 1 - Bis(s) zum Ende der Nacht" macht, ist durchaus vorzeigbar. Die*fatale Ehe von Bella mit Vampir*Edward bietet den Darstellern endlich*Stoff zum Spielen - und den Zuschauern sogar*Humor. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,799086,00.html
einst war der Vampir der Fürst der Finsternis, Dracula galt als Horrorfilm. Und heute? Heute sind es Teenieschwärme, die man vermutlich schon mit einer Karotte pfählen könnte. Was für ein Abstieg
5. Man tut gut daran
Scandal 22.11.2011
SPON-Filmrezensionen nicht allzu ernst zu nehmen. Filme selbst sind nur das Vehikel für mäandernde, ewig ausschweifende Gedankengänge des jeweiligen Autors - das ist alles hübsch aufbereitet, mitunter findet sich gar ein triftiges Argument, hat aber mit dem eigentlichen Film nur selten etwas zu tun. Eine Faustregel, die eine Erfolgsquote von gut und gerne 90% aufwärts verspricht, lautet in etwa: Wird hier ein Film angepriesen, schaut man sich besser was anderes an. Und genauso umgekehrt.
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