Von Christian Buß
Es sind nicht die Hexen und Zauberer, die ihm zusetzen. Es sind die Kinder. Was ist denn schon ein ordentliches Märchenkomplott gegen den häuslichen Terror, dem der Held am Anfang dieses wohl endgültig letzten " Shrek"-Kinofilms ausgesetzt ist. In einer wunderbar perfiden Schnittfolge sehen wir den einst wilden Kerl bei der Betreuung seines Nachwuchses - beim ewigen Windelwechseln bleibt keine Zeit fürs Schlammbad.
Zu allem Überfluss ist Shrek auch noch zur Attraktion einer Sightseeing-Tour durchs Märchenland Far Far Away geworden. Immer wenn er vom Plumpsklo kommt, steht da ein Touristenbus, in dem ein Fremdenführer die neuen sozialen Fähigkeiten des einst einzelgängerischen Ogers preist. Seht her: Auch ein Ekel, Ego und Eremit wie er kann ein liebender Familienvater werden! Aber kann er das wirklich?
Nachdem im dritten Teil der "Shrek"-Saga das Prekariat von Far Far Away, also die ausgemusterten bösen Stiefmütter, die abgeschobenen fiesen Prinzen und anderen Verlierer des Märchenarbeitsmarkts, einen großen Auftritt hatten, geht es im vierten um ein anderes problematisches soziologisches Phänomen der Gegenwart: die Elternzeit. So gesehen ist Far Far Away auch diesmal wieder ganz nah am Puls unserer Zeit.
Alle finden es natürlich erst mal super, wenn so ein Haudrauf wie Shrek sich vollständig den Bedürfnissen seiner Familie unterordnet - und lachen dann hinter vorgehaltener Hand doch über diese Art gesellschaftlich belobigter Entmannung.
Genrehöhepunkte, zu schade für die Sechs- bis Zwölfjährigen
Degradiert, domestiziert, demoralisiert: Kein Wunder, dass Shrek in die Hände des durchtriebenen Rumpelstilzchens fällt, der ihm einen mit viel Kleingedrucktem versehenen Vertrag unterjubelt. Der Oger darf noch einmal in die Zeit vor seiner familiären Unterjochung zurückkehren - und muss dafür nur einen Tag seines Lebens abtreten.
Doch ach, was wäre denn, wenn Shreks Leben ganz anders verlaufen wäre? Wenn der grüne Stinker nicht die ebenso grüne Prinzessin Fiona geheiratet hätte und so das Märchenreich gerettet hätte? In einer Sequenz, die bei Frank Capras Selbstzweifler-Melodram "Ist das Leben nicht schön?" abgeschaut ist, zieht er nun wie einst Jimmy Stewart durch eine Welt, die ohne seine Existenz sehr viel düsterer wäre. Die eigene Hütte ist verwaist, das Märchenreich in der Hand des Winkeladvokaten Rumpelstilzchen - und die geliebte Fiona verhärmte Anführerin einer Widerstandsarmee.
Die erste Hälfte des "Shrek"-Abenteuers ist mal wieder eine Wucht: Wie hier klassische Erwachsenen-Stoffe über klassische Hollywood-Genrehöhepunkte verhandelt werden, erscheint natürlich viel zu schade für die Hauptklientel der Sechs- bis Zwölfjährigen, mit der das produzierende Studio DreamWorks (in den USA dann allerdings doch nicht so erfolgreich) Kasse zu machen versucht.
Außer bei "Ist das Leben nicht schön?" wird ausgiebig bei Stanley Kubricks "Spartacus" geklaut. Es wimmelt in den ersten 30 Minuten von Sidekicks und erzählerischen Seitensträngen; "Shrek"-Regieneuling Mike Mitchell ("Sky high - diese Highschool hebt ab") orientiert sich da an seinen Vorgängern. So taucht zum Beispiel das schon bekannte Lebkuchenmännchen auf: In einer der spätrömischen Dekadenz verfallenen Märchenwelt muss die beseelte Backware als Gladiator in den Ring steigen und sich seine Teigärmchen zur Belustigung der Massen abschlagen lassen. Natürlich, es werden auch in dieser "Shrek"-Episode wieder Kindertränen fließen.
Popcornkino-Krawall statt tragischen Potentials
Andererseits wollen Regisseur Mitchell und seine Drehbuchautoren Josh Klausner und Darren Lemke dann doch immer wieder den Bedürfnissen der Kleinen gerecht werden. Ein bisschen gleichen sie da Vater Shrek, der amtliches Oger-Entertainment und Kinderprogramm aufeinander abzustimmen versucht. Doch wo in den vorherigen "Shrek"-Etappen kluges Erwachsenenkino und kunterbunter Animationsspaß in kunstvoll schizophrener Weise nebeneinander liefen, zerfällt die aktuelle Episode einfach nur kunstlos in zwei Teile.
Gerade die letzten 30 Minuten wirken wie ein Zugeständnis ans halbwüchsige Publikum: Die bei "Star Wars" abgeschauten Verfolgungsjagden durch den Palast Rumpelstilzchens und das zu HipHop eher staksig tanzende Hexenheer sind wenig inspiriert. Hinzu kommt, dass man kompatibel für den aktuellen Kinder- und Jugendmarkt in 3D gedreht hat, ohne dass die Tricktechnik dazu genutzt wird, dem Märchenland Far Far Away mehr räumliche Tiefe zu verleihen. Ausgesprochen flach endet also diese finale "Shrek"-Episode, die doch mit dem Thema Elternzeit so tiefschürfend begann.
Kinder, sie bedeuten hier eben gleich im doppelten Sinne das Karriere-Aus: für Shrek als im ganzen Märchenwald gefürchteten und respektierten Oger genauso wie für Shrek als Trickfigur-Konstrukt, das hier sein Potential als tragischer Charakter dem Popcornkino-Krawall unterordnen muss. Es führt kein Weg an dieser bitteren Erkenntnis vorbei: Die Kids haben Shrek auf dem Gewissen.
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