Viertes "Shrek"-Kinospektakel: Ekel in Elternzeit

Von

Der Frust beim Windelwechseln verführt Oger Shrek zu einem teuflischen Pakt: Für die Freiheit als wilder Kerl verspielt er sein Familienglück. Doch was im Animationsspektakel "Für immer Shrek" als ironisches Porträt des entmachteten modernen Mannes beginnt, verkommt zum flachen Popcornkino-Krawall.

Neues "Shrek"-Trickspektakel: Auf Wiedersehen Kinder Fotos
DreamWorks

Es sind nicht die Hexen und Zauberer, die ihm zusetzen. Es sind die Kinder. Was ist denn schon ein ordentliches Märchenkomplott gegen den häuslichen Terror, dem der Held am Anfang dieses wohl endgültig letzten " Shrek"-Kinofilms ausgesetzt ist. In einer wunderbar perfiden Schnittfolge sehen wir den einst wilden Kerl bei der Betreuung seines Nachwuchses - beim ewigen Windelwechseln bleibt keine Zeit fürs Schlammbad.

Zu allem Überfluss ist Shrek auch noch zur Attraktion einer Sightseeing-Tour durchs Märchenland Far Far Away geworden. Immer wenn er vom Plumpsklo kommt, steht da ein Touristenbus, in dem ein Fremdenführer die neuen sozialen Fähigkeiten des einst einzelgängerischen Ogers preist. Seht her: Auch ein Ekel, Ego und Eremit wie er kann ein liebender Familienvater werden! Aber kann er das wirklich?

Nachdem im dritten Teil der "Shrek"-Saga das Prekariat von Far Far Away, also die ausgemusterten bösen Stiefmütter, die abgeschobenen fiesen Prinzen und anderen Verlierer des Märchenarbeitsmarkts, einen großen Auftritt hatten, geht es im vierten um ein anderes problematisches soziologisches Phänomen der Gegenwart: die Elternzeit. So gesehen ist Far Far Away auch diesmal wieder ganz nah am Puls unserer Zeit.

Alle finden es natürlich erst mal super, wenn so ein Haudrauf wie Shrek sich vollständig den Bedürfnissen seiner Familie unterordnet - und lachen dann hinter vorgehaltener Hand doch über diese Art gesellschaftlich belobigter Entmannung.

Genrehöhepunkte, zu schade für die Sechs- bis Zwölfjährigen

Degradiert, domestiziert, demoralisiert: Kein Wunder, dass Shrek in die Hände des durchtriebenen Rumpelstilzchens fällt, der ihm einen mit viel Kleingedrucktem versehenen Vertrag unterjubelt. Der Oger darf noch einmal in die Zeit vor seiner familiären Unterjochung zurückkehren - und muss dafür nur einen Tag seines Lebens abtreten.

Doch ach, was wäre denn, wenn Shreks Leben ganz anders verlaufen wäre? Wenn der grüne Stinker nicht die ebenso grüne Prinzessin Fiona geheiratet hätte und so das Märchenreich gerettet hätte? In einer Sequenz, die bei Frank Capras Selbstzweifler-Melodram "Ist das Leben nicht schön?" abgeschaut ist, zieht er nun wie einst Jimmy Stewart durch eine Welt, die ohne seine Existenz sehr viel düsterer wäre. Die eigene Hütte ist verwaist, das Märchenreich in der Hand des Winkeladvokaten Rumpelstilzchen - und die geliebte Fiona verhärmte Anführerin einer Widerstandsarmee.

Die erste Hälfte des "Shrek"-Abenteuers ist mal wieder eine Wucht: Wie hier klassische Erwachsenen-Stoffe über klassische Hollywood-Genrehöhepunkte verhandelt werden, erscheint natürlich viel zu schade für die Hauptklientel der Sechs- bis Zwölfjährigen, mit der das produzierende Studio DreamWorks (in den USA dann allerdings doch nicht so erfolgreich) Kasse zu machen versucht.

Außer bei "Ist das Leben nicht schön?" wird ausgiebig bei Stanley Kubricks "Spartacus" geklaut. Es wimmelt in den ersten 30 Minuten von Sidekicks und erzählerischen Seitensträngen; "Shrek"-Regieneuling Mike Mitchell ("Sky high - diese Highschool hebt ab") orientiert sich da an seinen Vorgängern. So taucht zum Beispiel das schon bekannte Lebkuchenmännchen auf: In einer der spätrömischen Dekadenz verfallenen Märchenwelt muss die beseelte Backware als Gladiator in den Ring steigen und sich seine Teigärmchen zur Belustigung der Massen abschlagen lassen. Natürlich, es werden auch in dieser "Shrek"-Episode wieder Kindertränen fließen.

Popcornkino-Krawall statt tragischen Potentials

Andererseits wollen Regisseur Mitchell und seine Drehbuchautoren Josh Klausner und Darren Lemke dann doch immer wieder den Bedürfnissen der Kleinen gerecht werden. Ein bisschen gleichen sie da Vater Shrek, der amtliches Oger-Entertainment und Kinderprogramm aufeinander abzustimmen versucht. Doch wo in den vorherigen "Shrek"-Etappen kluges Erwachsenenkino und kunterbunter Animationsspaß in kunstvoll schizophrener Weise nebeneinander liefen, zerfällt die aktuelle Episode einfach nur kunstlos in zwei Teile.

Gerade die letzten 30 Minuten wirken wie ein Zugeständnis ans halbwüchsige Publikum: Die bei "Star Wars" abgeschauten Verfolgungsjagden durch den Palast Rumpelstilzchens und das zu HipHop eher staksig tanzende Hexenheer sind wenig inspiriert. Hinzu kommt, dass man kompatibel für den aktuellen Kinder- und Jugendmarkt in 3D gedreht hat, ohne dass die Tricktechnik dazu genutzt wird, dem Märchenland Far Far Away mehr räumliche Tiefe zu verleihen. Ausgesprochen flach endet also diese finale "Shrek"-Episode, die doch mit dem Thema Elternzeit so tiefschürfend begann.

Kinder, sie bedeuten hier eben gleich im doppelten Sinne das Karriere-Aus: für Shrek als im ganzen Märchenwald gefürchteten und respektierten Oger genauso wie für Shrek als Trickfigur-Konstrukt, das hier sein Potential als tragischer Charakter dem Popcornkino-Krawall unterordnen muss. Es führt kein Weg an dieser bitteren Erkenntnis vorbei: Die Kids haben Shrek auf dem Gewissen.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 6 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. ...
averell 29.06.2010
ich halte mich inzwischen daran, mir immer die filme anzuschauen, die der spiegel nicht gut findet. somit ist gute unterhaltung garantiert.
2. ...
Celegorm 29.06.2010
Zitat von averellich halte mich inzwischen daran, mir immer die filme anzuschauen, die der spiegel nicht gut findet. somit ist gute unterhaltung garantiert.
Achja, der SPIEGEL als querdenkender Fels in der Brandung, als Meinungsmacher der Filmkunst? Iwo, schön wärs. Die Kritiken entsprechen zumindest im Grundtenor praktisch ausschliesslich dem Meinungsmainstream von Kritikern und Zuschauern. So auch hier, durchwachsene 54% ("While not without its moments, Shrek Forever After too often feels like a rote rehashing of the franchise's earlier entries.") bei RottenTomatoes oder 6.7/10 bei IMDB passen hier trefflich ins Bild. Weswegen es schon fast niedlich absurd ist, da zu suggerieren, SPON würde irgendwie gegen den Strom schwimmen oder man würde gar filmischen Sachverstand beweisen, wenn man sich zum konsequenten Gegendenker dazu erhebt. Der Rest ist natürlich Geschmackssache. Wenn Sie also offenbar einen Filmgeschmack besitzen, der nicht mit dem von anderen übereinstimmt, oder anderer Ansicht als die Mehrheit sind, was einen guten oder schlechten Film darstellt, dann herzlichen Glückwunsch dazu. Aber sowas muss man dann doch nicht an die grosse Glocke hängen. Ansonsten kommt am Ende noch einer an und ist stolz darauf, dass er "Transformers 2" für ein Meisterwerk hält..
3.
gigamesh 29.06.2010
Ich habe mir diesen Film bereits am 22. Mai, in einem anderen Land, in einer anderen (nicht original) Sprache in einem 3D-Kino ansehen können. Ein Armutszeugnis für Deutschland, dass es hier erst jetzt gezeigt wird. Die Popularität der Raubkopien wird wohl auch in diesem Fall bei einer solchen Zeitdifferenz enorm sein... P.S. Dieser Teil ist deutlich(!) besser geworden, als der dritte. Unterhaltsam, lustig und mit einer echten Handlung, rundum - empfehlenswert.
4. ...
averell 30.06.2010
Zitat von CelegormAchja, der SPIEGEL als querdenkender Fels in der Brandung, als Meinungsmacher der Filmkunst? Iwo, schön wärs. Die Kritiken entsprechen zumindest im Grundtenor praktisch ausschliesslich dem Meinungsmainstream von Kritikern und Zuschauern. So auch hier, durchwachsene 54% ("While not ......
anhand dieses posts sehe ich schon warum dir die kritiken gefallen. manche leute hören (lesen) sich halt gern selbst.
5. Shrek lass nach
Meckermann 30.06.2010
Shrek hat irgendwie schon im dritten Teil spürbar nachgelassen, denke die Luft ist auch einfach langsam raus. Wäre der Oger ein Schauspieler hätte er sich womöglich gar nicht erst auf einen vierten Teil eingelassen... ... Wobei Jonny Depp auf der anderen Seite auch Fluch der Karibik 4 macht, wo man sich den zweiten schon besser mal verniffen hätte.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Kino
RSS
alles zum Thema Shrek
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 6 Kommentare
  • Zur Startseite
Für immer Shrek

USA 2010

Regie: Mike Mitchell

Buch: Josh Klausner, Darren Lemke

Sprecher: Sascha Hehn, Esther Schweins, Dennis Schmidt-Foß, Benno Fürmann, Bernhard Hoëcker, Marie-Luise Marjan

Produktion: DreamWorks Animation, DreamWorks SKG, Pacific Data Images

Länge: 94 Minuten

Start: 30. Juni 2010

Offizielle Website zum Film