Volker Schlöndorff Volker Schlöndorff: "Die Stille nach dem Schuss" - Von der Spaßguerilla zur RAF

Politik kehrt in den deutschen Film zurück: In "Die Stille nach dem Schuss" findet eine RAF-Angehörige in der DDR Asyl, und mit ihr sucht Volker Schlöndorff das richtige Leben im falschen.

Von Cristina Moles Kaupp


Spaßguerilleros unterwegs
Arthaus

Spaßguerilleros unterwegs

Wenn schwere Themen plötzlich an Gewicht verlieren, hat die Zeit ihre bleierne Fessel abgestreift, und Terroristen dürfen endlich wieder Menschen werden. Volker Schlöndorff kehrt nach vielen Jahren zum politischen Film zurück. "Die Stille nach dem Schuss" zeigt die vier Leben der Rita Vogt (Bibiana Beglau).

Eines davon wurzelt in den Siebzigern und gehört zu einer Bande Spaßguerilleros, die bei Filmbeginn zu heiteren Spieluhrklängen eine Kreuzberger Bank überfällt - ohne Masken und Gewalt, wie bei einer lustigen Enteignungsparty. Rita kennt die Dogmen ihrer Revolution zwar aus dem ff, doch ihre Leidenschaft gehört dem charismatischen Anführer Andi. Der sitzt gerade im Gefängnis und soll befreit werden. Doch die Aktion fordert ein Menschenleben, Ritas Konterfei landet auf dem Fahndungsplakat.

Flucht und wachsende Zweifel, die Situation spitzt sich zu. Über den Kontakt zum Stasi-Mann Hull (ein viel zu netter Martin Wuttke) kommt die Gruppe in die DDR. Bei aller Sympathie für die gemeinsamen romantischen Ideale weiß die Stasi die Terroristen lieber im eigenen Land denn in exotischer Ferne. Zeit für vertrauensbildende Maßnahmen also, etwa brüderliche Gespräche zu Grillwurst und Radeberger. Rita will bleiben, beginnt ein falsches Leben, das jetzt das richtige werden soll; richtet sich ein im Plattenbau, schläft im Nachthemd mit Röschendruck. Nur die Kolleginnen vom VEB Modedruck sind irritiert: Eine aus dem Westen, die freiwillig in den Osten zieht? Unter ihnen ist Tatjana (Nadja Uhl), die ihre Probleme mit der Liebe und dem Staat in Alkohol ersäuft. Freundschaft, Zärtlichkeit und unstillbare Sehnsüchte. Rita muss lernen, sich in der DDR einzurichten, Tatjana träumt sich über die Grenzen hinweg.

Dann wird Andi erschossen, und auch von Rita gibt´s Großaufnahmen in der "Tagesschau". Wieder hilft ihr Hull in den Mantel einer neuen Identität. Nun darf Rita Kinder hüten am Ostseestrand, sich verlieben in den bademeisternden Physiker Jochen (Alexander Beyer), der mit ihr nach Moskau will, eine Heirat und Kinder - der bürgerliche Traum vom Glück. Doch Jochens Karriere passt nicht zur ihrer Vergangenheit - der Staat weiß das zu verhindern. Rita ist wieder allein. Dann fällt die Mauer, und das letzte Kapitel ihres Lebens beginnt: Ein Schicksal, gezeichnet von Sinnkrisen, dem Bruch mit dem Staat, gescheiterten Idealen und der letzten Sehnsucht nach einem ganz normalen Leben. Es zersplittert an der deutsch-deutschen Wirklichkeit - tragisch, aber konsequent.

"Alles ist so gewesen. Nichts war genau so", steht im Abspann. Zehn Personen aus dem Kreis der RAF hatten in der DDR gelebt, eine von ihnen war Inge Viett. Mögen ihre Lebensstationen in die akribischen Recherchen von Schlöndorff und Drehbuchschreiber Wolfgang Kohlhaase miteingeflossen sein, die Übereinstimmungen enden, als Ritas Leben in der DDR beginnt. Die fiktiven Erlebnisse der beeindruckend dargestellten Anarchistin im Arbeiter- und Bauernstaat sind wesentlich spannender als das detailgetreue Nachbilden einer politischen Wirklichkeit. Auch ein Weg, Kontroversen herauszufordern, doch dadurch gewinnt "Die Stille nach dem Schuss" an undogmatischer, bisweilen sogar humorvoller Leichtigkeit - passend zum Zeitgeist 2000.

Die Stille nach dem Schuss, Deutschland 1999, Regie: Volker Schlöndorff, Buch: Wolfgang Kohlhaase, Darsteller: Harald Schrott, Jenny Schily, Mario Irrek, Franca Kastein, Kamera: Andreas Höfer, Vertrieb: Bavaria Film International. 104 Minuten



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