Polizistenthriller zur Flüchtlingskrise Das Bullenherz als Mördergrube

Im deutschen Actionthriller "Volt" spielt Benno Fürmann einen Polizisten, der in einer beunruhigend nahen Zukunft einen Flüchtling ermordet. Doch was ist seine Reue in Zeiten der Verrohung noch wert?

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Was wäre, wenn… CSU-Scharfmacher Horst Seehofer oder die AfD in der hitzigsten Phase der Flüchtlingskrise mit ihren Forderungen nach Transitzonen an deutschen Grenzen mehr Gehör gefunden hätten? Die Bevölkerung, so das ZDF-"Politbarometer" vom November 2015, wäre für einen kurzen, schockierenden Moment mit großer Mehrheit dafür gewesen, solche Auffanglager für die vor Krieg und Unterdrückung fliehenden Asylbewerber einzurichten, wie es sie heute in Ungarn gibt - aus den Augen, aus dem Sinn.

Zum Glück erwiesen sich sowohl die Regierenden als auch die deutsche Zivilgesellschaft - bis auf Weiteres - als humaner, klüger und empathischer. Sonst herrschte vielleicht bereits ein so düsteres Szenario in bayerischen und sächsischen Grenzregionen, wie es Regisseur Tarek Ehlail in seinem dystopischen Thriller "Volt" entwirft.

"Ich bin mit vielen anderen geflohen, um zu überleben. Aber ihr habt uns in Transitzonen gesteckt, weit weg von euren schönen Häusern, die ihr hinter bewachten Mauern versteckt. Ihr wollt uns vergessen, aber wir sind da, auch wenn ihr uns nicht seht. Und wir sind viele", sagt Flüchtling Hesham (Tony Harrisson Mpoudja) aus dem Off, während man ihn durch Betongänge und Ruinenlandschaften einer aufgelassenen Industrieanlage streifen sieht.

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"Volt": Albtraum in der Transitzone

In der beunruhigend nah erscheinenden Zukunft des Films sind die Lager längst rechtsfreie Räume, die regelmäßig von martialischen Polizeitrupps durchkämmt werden, um die Illusion von Ordnung aufrechtzuerhalten. Bei einer der nächtlichen Razzien gerät Hashem mit dem Polizisten Volt (Benno Fürmann) aneinander. Der Flüchtling, Stachel im Fleisch einer auf Ignoranz gepolten Gesellschaft, verletzt Volt mit einem Messer, woraufhin ihn der Beamte im Affekt erwürgt. Gewalt erzeugt Gewalt erzeugt Gewalt.

Durchziehen, Bier trinken, rassistische Flüche

Regie-Autodidakt Ehlail kennt die Spannungen zwischen Oben und Unten gut. Der Deutsch-Palästinenser wuchs im Saarland an der Grenze zu Frankreich auf, sammelte aber auch Erfahrungen in den Krisengebieten der Banlieues, bevor er zwei Piercingstudios leitete und eine Karriere als Boxer einschlug. Seine Sympathie für das links-alternative Milieu machte er in seinen Filmen "Chaostage" und "Gegengerade" deutlich, umso bemerkenswerter ist, dass er für sein bisher ambitioniertestes Projekt "Volt" nun konsequent die Täterperspektive wählte. Ehlail stellt die brandaktuelle Frage, welche emotionalen Spielräume einem Polizisten bleiben, wenn er als Werkzeug einer unbarmherzigen Gesellschaft fungiert.


"Volt"

Deutschland/Frankreich 2016
Drehbuch und Regie: Tarek Ehlail
Darsteller: Benno Fürmann, Ayo, Sascha Alexander Geršak, Denis Moschitto, Tony Harrisson Mpoudja, Anna Bederke, André Hennicke, Stipe Erceg
Produktion: Augenschein Filmproduktion, Les Films D'Antoine
Verleih: Farbfilm
Länge: 80 Minuten
FSK: ab 16
Start: 2. Februar 2017


Volt quält sich mit seiner Schuld, doch weder seinen Kameraden (Sascha Alexander Geršak, Anna Berderke) noch der Obrigkeit kann er sich anvertrauen. Bei den einen hat sich innere Verhärtung und pure Existenzangst zu einem Panzer zusammengefügt, der nichts mehr kennt außer Durchziehen, Bier trinken und rassistische Flüche auf "Blackys" und "Kanaken". Bei den anderen, verkörpert durch einen nervösen, vernarbten Gruppenführer (Andre Hennicke), ist die Angst vor politischem und öffentlichem Druck zu groß. Die Bullen-Omertà und seine wachsende Seelenqual treibt Volt schließlich zurück ins Lager, wo er sich in Hashems schöne Schwester LaBlanche (R&B-Sängerin Ayo) verliebt. Echte Läuterung bleibt dem Prügelknaben allerdings verwehrt.

"Volt" sei ein "Film in Flammen", sagt Regisseur Ehlail, und tatsächlich merkt man dem mit 80 Minuten knapp gehaltenen Thriller die Leidenschaft an, mit der er gedreht wurde. Dennoch zündet "Volt" letztlich nicht. Das liegt zum einen an der unverhohlenen Moralität des Plots, die jeden Zwischenton unter ihrer Last erdrückt.

Genau diese Ambivalenz aber braucht das Genre des harten Copfilms, in das Ehlail hier mit einigem stilistischen Ehrgeiz eintaucht. Grün-orange Filter, ständiger Regen, hektisch geschnittene Action im Schatten der Nacht: "Volt" setzt allein ästhetisch einen willkommenen Gegenpol zur Sozialpädagogen-Tristesse der sonntäglichen "Tatort"-Messe oder anderen Ermittlerdramen im deutschen Kino und TV.

Fiasko für Fürmann

Ehlails Bilder atmen John Carpenters B-Movie-Horror, Michael Manns Hochglanzgewalt und Gaspard Noés Hyperrealismus ebenso wie die vereinfachende, artifizielle Bildersprache des Musikvideos. Für das passende Bedrohungsambiente sorgt ein nervös-fiebriger Industrialsoundtrack von Punklegende Alec Empire.

Im Video: Der Trailer zu "Volt"

Farbfilm

Um die Potenziale eines so reizvollen Referenzrahmens auszuschöpfen, braucht es aber pralle, widersprüchliche Charaktere, pointierte Dialoge und viel inszenatorische Finesse. Über all das verfügt "Volt" leider nicht. Die Gespräche der Polizisten untereinander sind klischeesteif und wirken eher lächerlich als authentisch und taff. Unter den Flüchtlingen gibt es ohnehin nur Platzhalter statt Persönlichkeiten, mit Ausnahme der furiosen LaBlanche.

Sie muss sich an einem Benno Fürmann abarbeiten, dem es nicht gelingt, seinen traumatisierten Brutalo Volt auch nur ansatzweise sympathisch oder zugänglich zu machen, zu wenig bietet ihm das Drehbuch dafür an. Auch beim hysterisch herumbrüllenden Schattenboxen mit sich selbst oder auf lebensmüder Motorradfahrt über die Landstraße, Standards der cineastischen Illustration männlicher Seelenpein, bleiben Motivation und innerer Konflikt dieser Figur ein Rätsel. Das Bullenherz bleibt eine Mördergrube, so angestrengt Fürmann seine Züge auch zerquälen mag.

Dass Polizisten zu solchen depravierten, innerlich verödeten Menschenhülsen werden können, wenn die Politik die falschen Weichen stellt, egal, ob in Europa, in den USA oder anderswo auf der Welt, ist vielleicht nicht der Punkt, den Ehlail mit seinem Film machen wollte. Aber dennoch eine gültige, sehr beängstigende Zukunftsvision.

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