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Von-Trier-Skandal in Cannes: "Okay, ich bin ein Nazi"

Wirre Worte über Hitler: Lars von Trier, Regie-Wunderkind und nie um eine Provokation verlegen, hat sich bei der Vorstellung seines neuen Films "Melancholia" in Cannes ordentlich vergaloppiert. Der Däne äußerte Verständnis für den Diktator des Dritten Reiches.

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AFP

Lars von Trier: Ausfall in Cannes

Hamburg/Cannes - Lars von Trier, der Skandalproduzent unter Europas Autorenfilmern, hat für einen Eklat gesorgt - mal wieder. Bei der Präsentation seines Films "Melancholia" bei den Filmfestspielen von Cannes am Mittwoch äußerte er Verständnis für Adolf Hitler: "Natürlich, er hat falsche Dinge getan, aber ich kann ihn auch sehen, wie er da am Ende in seinem Bunker hockt. Ich glaube, ich verstehe den Mann. Er ist nicht unbedingt das, was man einen guten Kerl nennt. Aber ich verstehe vieles an ihm und kann mich sogar ein bisschen in ihn einfühlen."

Von Triers Verbalausfall hatte begonnen, nachdem er von einem Journalisten zu früheren Äußerungen befragt wurde, in denen der Regisseur ein Interesse an Nazi-Ästhetik bekundet hatte. Im weiteren Verlauf der Pressekonferenz fügte von Trier dann hinzu: "Ich bin nicht für den Zweiten Weltkrieg, und ich bin nicht gegen Juden. Ich bin sogar sehr für die Juden. Oder nein, so doll nun auch wieder nicht. Schließlich geht einem Israel wirklich auf die Nerven." Am Ende schien er selbst nicht mehr so recht zufrieden zu sein mit dem Gesagten: "Wie komme ich jetzt bloß aus diesem Satz wieder raus." Später sagte der Däne dann noch trotzig: "Okay, ich bin ein Nazi."

Seiner Hauptdarstellerin neben ihm, Kirsten Dunst, war während seiner Ansprache schon das Lächeln vergangen. Doch Lars von Trier dürften noch heftigere Reaktionen entgegenschlagen. Für den amerikanischen Filmbetrieb dürfte er nun endgültig untragbar sein. Das US-Branchenblatt "Hollywood Reporter" schrieb bereits, der Däne habe einen "Mel Gibson gemacht", was sich auf die antisemitischen Ausfälle des Schauspielers im Jahr 2006 bezieht.

Auch die Aussicht auf einen Preis muss von Trier nun wohl begraben. Jason Solomons, Vorsitzender des Film Critics' Circle in London, sagte etwa: "Man kann ihm jetzt aus politischen Gründe keine [Goldene] Palme mehr zusprechen." Eine amerikanische Organisation für Holocaust-Überlebende und deren Verwandte bezeichnete die Äußerungen von Triers gar als "abstoßend".

Von Trier wurde in Cannes im Jahr 2000 für seinen Film "Dancer in the Dark" mit der Goldenen Palme geehrt. Ob er überhaupt noch einmal auf ein A-Festival wie Cannes oder Venedig eingeladen wird, dürfte jetzt davon abhängen, ob seine Entschuldigung allgemein akzeptiert wird, die er nach dem Vorfall abgab.

Die Festivalleitung hatte den Regisseur nach dessen Ausfall aufgefordert, sich zu seinen Äußerungen zu erklären. Von Trier reagierte mit einer offiziellen Entschuldigung und ließ wissen, dass er sich von einer "Provokation" - gemeint sind offenbar die bohrenden Nachfragen der Journalisten auf der Pressekonferenz - habe anstacheln lassen.

"Entertainment Weekly" zitiert den Regisseur mit folgendem Wortlaut: "Falls ich jemanden mit meinen Worten heute morgen auf der Pressekonferenz verletzt haben sollte, entschuldige ich mich aufrichtig dafür. Ich bin weder ein Antisemit, noch ein Rassist, noch ein Nazi."

Ob das allerdings ausreicht, um den Skandal aus der Welt zu räumen? Als Diplomat hat sich der Radikalfilmer jedenfalls noch nie hervorgetan.

cbu/tdo/Reuters

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insgesamt 97 Beiträge
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1.
Hador, 18.05.2011
von Trier hat mal gute Filme gemacht und dem Film interessante neue Impulse gegeben. Damit ist er oft angeeckt, aber über lange Zeit hatten seine Filme dennoch etwas. Irgendwann aber ist er dann abgeglitten und in den letzten Jahren habe ich den Eindruck, dass er nicht mehr um der Kunst Willen provoziert, sondern einfach nur noch um im Gespräch zu bleiben. Schade...
2. Na gut...
johnnychicago 18.05.2011
Das mit dem Adolf war schon daneben. Aber mit Israel hat er recht. Obwohl man die Entwicklung dort nicht mit "auf die Nerven gehen" beschreiben soll (jedenfalls nicht öffentlich). Oje, Zentralrat, ick hör dir trapsen!
3. Kein guter Kerl
frizz-comment 18.05.2011
Zitat von sysopSympathie für Hitler? Lars von Trier, Regie-Wunderkind und nie um eine Provokation verlegen, hat sich bei der Vorstellung seines neuen Films "Melancholia" in Cannes ordentlich vergaloppiert: Der Däne äußerte Verständnis für den Diktator des Dritten Reiches. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,763445,00.html
Film-Direktor Lars von Trier ist nicht unbedingt das, was man einen guten Kerl nennt
4. Lars von Trier - Taxi Driver
tucoilbrutto 18.05.2011
Na, dann wollen wir mal hoffen, dass Scorsese sich jetzt nich direkt nach diesem Marketing-Gag von Lars von Trier distanziert. Gemeinsam war ja wohl mal das Taxi Driver Remake angedacht. Hier der Link -> http://www.movieparasite.de/2011/05/16/scorsese-taxi-driver-remake/
5. Ironisch gemeint?
drandi 18.05.2011
Vielleicht meinte er es enfach ironisch... Wenn man sowas sagt, und es sich dann ein paar Augenblicke später nochmal durch den Kopf gehen lässt, merkt man wie radikal/doof/unpassend das war und versucht es dann abzuschwächen - oder wie (vielleicht) in diesem Fall (ironisch) zu überziehen. Wie auch immer: Jeder Mensch hat irgend etwas Gutes, oder etwas mit dem sich Andere identifizieren können - selbst Hitler! Vielleicht bezog er sich darauf? (Für die Atacker hier: z.B. die Liebe zu seinem Hund? ...)
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