Drama "Vor der Morgenröte" Sternstunde des deutschen Kinos

Maria Schraders Drama "Vor der Morgenröte" über die Exilzeit von Stefan Zweig ist ein Historienfilm mit drängenden Fragen an die Gegenwart. Einfach einer der besten Filme des Jahres.


Rio de Janeiro, August 1936: Empfang für den weltberühmten, 54-jährigen österreichischen Schriftsteller Stefan Zweig (Josef Hader), der zwei Jahre früher vor den Nazis geflohen ist. Ein großer Saal, gefüllt mit elegant gekleideten Menschen. Die lange Tafel ist mit üppigem tropischem Blumenschmuck gedeckt. Brasiliens Außenminister hält eine Lobrede auf den neben ihm stehenden Zweig. Der antwortet gerührt, aber kurz. Schließlich wartet ein Pferderennen auf die versammelte Haute Volée. Alle setzen sich zum Essen.

Plötzlich aber erhebt sich Zweig zögernd wieder, und mit ihm die ganze Gesellschaft. Tief bewegt schildert der Autor seine Hoffnung, Brasilien könne ein Vorbild sein für die Welt; denn während in Europa der Faschismus herrsche, lebten hier Menschen verschiedener Rassen und Hautfarben friedlich zusammen.

Diese erste Szene aus "Vor der Morgenröte" fungiert als Prolog, und sie setzt den Ton für den ganzen Film. Was die Regisseurin Maria Schrader hier gemeinsam mit ihrem Kameramann Wolfgang Thaler erschafft, ist nichts weniger als ein kleines Kunstwerk in sich.

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"Vor der Morgenröte": Stefan Zweig in Amerika

Der Kamerablick ist ungemein elegant komponiert; die Hauptfiguren stehen im Vordergrund, aber als Zuschauer nimmt man auch die im weit entfernten Hintergrund arrangierten und tiefenscharf gefilmten Statisten wahr. Maria Schrader filmt die lange Szene in einer Einstellung und schneidet auch dann nicht, als ihr Hauptdarsteller Josef Hader beim zweiten Teil seiner Rede mit dem Rücken zur Kamera steht. Daraus spricht ein starker, selbstbewusster Stilwille, den man selten erlebt; zumal in den Konventionen des Fernsehens zu oft so hörigen deutschen Kino.

Man kann sich den Bildern kaum entziehen

Über die stilistische Eleganz hinaus aber zeigt der Prolog auch schon exemplarisch die dramaturgische Technik, mit der Maria Schrader die Geschichte von Stefan Zweig im Exil erzählt: nicht in der für Biopics sonst üblichen epischen Breite, sondern mit szenischer Tiefe. Für den Zuschauer hat diese Erzählweise einen scheinbar widersprüchlichen Effekt: Er kann sich den Bildern kaum entziehen - und bleibt gleichzeitig distanzierter Beobachter.

In vier Kapiteln zeigen Maria Schrader und ihr Co-Drehbuchautor Jan Schomburg Ausschnitte aus Stefan Zweigs Jahren im Exil, die 1942 enden, als er mit seiner Frau Lotte (Aenne Schwarz) den Freitod wählt. Schrader und Schomburg zeigen Zweig im September 1936 beim Schriftstellerkongress in Rio de Janeiro, wo er dazu gedrängt wird, sich offen gegen Nazi-Deutschland zu äußern. Im Januar 1941 sind er und Lotte in der tropischen Hitze Bahias unterwegs, wo die beiden einen absurden Empfang bei einem schwitzenden Provinzbürgermeister durchstehen müssen, der ihn beharrlich "Stefan Zeig" nennt.

Direkt von dort fliegt das Paar in das winterkalte New York, wo Zweig seiner ersten Frau Friderike (Barbara Sukowa) begegnet, die ihm von den Gräueln ihrer Flucht aus Europa berichtet. Und im November 1941 begleitet der Film ihn an seinem Geburtstag an Zweigs neuem Wohnort Petrópolis in Brasilien. Hier trifft er den ebenfalls exilierten Journalisten Ernst Feder (Matthis Brandt) und berichtet diesem von Plänen zu seiner "Schachnovelle". Ein wieder in einer Einstellung gefilmter Epilog rahmt diese Kapitel mit einer stilistischen Raffinesse, die den Prolog spiegelt und noch übertrifft.

Nicht eine epische Zusammenschau erzählt also von diesem empfindsamen, von Depressionen geplagten, nichtsdestotrotz ausgesucht höflichen Mann, sondern einige zeitlich gedrängte Episoden. Die aber bohren ungleich tiefer, weisen über sich selbst hinaus und zeigen ein umso genaueres Bild von Zweig und seiner Zeit. Gleichzeitig spiegelt die episodische Erzählstruktur elegant Zweigs eigene literarische Technik der historischen Miniatur, die er in seinem Werk "Sternstunden der Menschheit" verwendete.

Schrader, Schomburg und Thaler geben so auch nicht vor, diesen Menschen und seine Beweggründe völlig zu durchschauen; sein Verhalten darf so scheinbar widersprüchlich bleiben, wie es das Leben nun einmal ist. In "Vor der Morgenröte" kultivieren sie vielmehr ein emphatisches Beobachten, das ganz der Kraft der Filmsprache vertraut und keine Verbalisierung seelischer Vorgänge benötigt. So lösen sie sich dann wieder von Stefan Zweig und blicken mit ihren ganz eigenen Mitteln auf den mächtigen Sprachkünstler.

Ein Film, der sich in die Gegenwart einmischt

In einer Szene etwa stehen Stefan Zweig und Ernst Feder auf dem Balkon von dessen Wohnaus und blicken in die tropische Vegetation. "Wir haben nichts zu beklagen", sagt Zweig dumpf. "Nein, wir nicht", antwortet Feder. "Wie sollen wir das nur aushalten?" fragt Zweig. Er erhält und erwartet keine Antwort. Schweigend und hilflos stehen die beiden Männer am Rand eines Dschungels, Tausende Kilometer von ihrer Heimat entfernt, wohl wissend, dass dort gerade ihren Verwandten und Freunden der Tod droht und welche Zerstörung ihrer Kultur widerfährt. Maria Schrader lässt die Szene lange laufen; so lange, bis das Schweigen den nicht ausgesprochenen Schmerz mit Händen greifbar macht.

Die aufregende Schauspielerin Maria Schrader ("Vergiss mein ich", "Deutschland 83") entpuppt sich mit ihrer zweiten Regiearbeit als eine mindestens genauso aufregende Regisseurin. Ob kammerspielartige Miniatur oder komplizierte Sequenz mit vielen Statisten und Kamerafahrten - hier gelingen ihr und ihrem Team einfach alles. Und natürlich hat Schrader ein Händchen für Schauspieler. Wie der Erzzyniker und geniale Komiker Josef Hader sich unter ihrer Regie zurücknimmt, wie er Melancholie, Trauer und einen milden Witz ausbalanciert, das ist einfach wunderbar anzusehen.

"Vor der Morgenröte" ist zwar ein Historiendrama; aber ein dringliches, aufwühlendes, völlig gegenwärtiges. Nicht zuletzt liegt das an der Metaebene, mit der Schrader grandios spielt. Während eines Interviews spricht Zweig in ihrem Film von seinen Hoffnungen für Europa und sagt: "Ich glaube, dass Pässe und Grenzen eines Tages der Vergangenheit angehören werden. Ich bezweifle allerdings, dass wir das noch erleben werden." Es ist unmöglich, dabei nicht an die Flüchtenden der Gegenwart zu denken und wie Europa ihnen heute begegnet. Insofern ist "Vor der Morgenröte" ein Film, der sich ganz im Sinne Stefan Zweigs über die historische Rückschau in die Gegenwart einmischt. Das ist die größte Reverenz, die Maria Schrader ihm erweisen konnte.

Im Video: Der Trailer zu "Vor der Morgenröte"

"Vor der Morgenröte"

Deutschland, Österreich, Frankreich 2016

Regie: Maria Schrader

Drehbuch: Jan Schomburg, Maria Schrader

Darsteller: Josef Hader, Barbara Sukowa, Aenne Schwarz, Matthias Brandt, Charly Hübner, Lenn Kudrjawizki, Vincent Nemeth, Oscar Ortega Sanchez

Produktion: Danny Krausz, Kurt Stocker

Verleih: X-Verleih

Länge: 106 Minuten

FSK: Ab 0 Jahre

Start: 2. Juni 2016

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insgesamt 40 Beiträge
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Seite 1
GinaBe 01.06.2016
1. Danke!
Danke für diese großartige, optimistische und warmherzige Rezension, die der Regiseurin Maria Schrader den Erfolg über den Stoff über Stefan Zweigs Testament wirklich gönnt. Dieser Film scheint mir so ausgezeichnet und wertvoll zu sein, daß ich nach 6-jähriger Kino- Abstinenz wieder ein Lichtspielhaus aufsuchen will.
ijf 01.06.2016
2.
"Maria Schrader filmt die lange Szene in einer Einstellung und schneidet auch dann nicht, als ihr Hauptdarsteller Josef Hader beim zweiten Teil seiner Rede mit dem Rücken zur Kamera steht. Daraus spricht ein starker, selbstbewusster Stilwille, den man selten erlebt; zumal in den Konventionen des Fernsehens zu oft so hörigen deutschen Kino." Ach herrje... ich hoffe, danach war der Autor ausgiebig kalt duschen...
walldemort 01.06.2016
3. Notwendigkeit
Der Zungenschlag Marke "Stunde Null", der aus dem ersten Kommentar spricht, zeigt, wie nötig solche Filme und Themen offenbar sind, immer noch und mehr denn je. Für den literarisch und kulturell Interessierten ist ein solcher Film ein höchst aufschlussreicher Blick auf einen bedeutenden deutschen Schriftsteller. Aber das bleibt für die ewig gestrigen Revanchisten vermutlich unverständlich. Aber die müssen dafür ja auch nicht ins Kino, die können sich ja montags auf den Straßen von Dresden anderweitig austauschen...
ancoats 01.06.2016
4.
Sie sollten nicht von sich auf andere schließen - es gibt jenseits des von Ihnen überblickenden Horizonts durchaus ein Publikum für (offenbar sehr gut gemachte und besetzte) Filme wie diesen hier. Den Rest dieses Beitrags nennt man im Englischen übrigens treffend "Whataboutery"...
Trench 01.06.2016
5. Hilfe zum deutschen Film
Sie fragen, warum der deutsche Film monothematisch auf dem Nazithema herumkaut und von den Kritikern und "Kulturschaffenden" hochgejazzt, vom Publikum aber verschmäht wird? Vielleicht kann dies helfen: Der deutsche Film ist nicht "erfolgreich", weil er es nicht sein muss. Ist das messbar? Ja: Man mag vom Oscar halten, was mal will - er honoriert herausragende filmische Leistungen in über 30 verschiedenen Disziplinen. Bei den wichtigen Disziplinen Film, Darsteller, Regie und Drehbuch ging zuletzt ein deutscher Oscar an Luise Rainer als beste Hauptdarstellerin - 1938! Bei über 300 Mio Euro Filmförderung (www.welt.de/wirtschaft/article134401663/Die-bittere-Bilanz-der-deutschen...) sollte ein zählbares Mindestmaß Anerkennung drin sein. In den USA gibt es keine Filmförderung. Filme müsse dort vor dem authentischen Kritiker bestehen - dem Publikum. In Deutschland müssen Filme das nicht. Erfolg und Ertrag sind völlig entkoppelt. Der deutsche Film ist vom Steuerzahler (und vom US-Film!) voll finanziert, noch ehe er sich dem Publikum stellt. Nach diesem sozialistischen Prinzip muss der deutsche Film nur dem Förderer, den "Kulturschaffenden" und ihren teils schrägen, überambitionierten Ideen gefallen. Die Branche feiert sich selbst, das Publikum mit seinen Schmährufen stört allenfalls. Irgendwie erinnert das an die gegenwärtige Politik...
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