Von Christian Buß
Alles hat seinen Preis. Besonders "die größte Liebesgeschichte des 20. Jahrhunderts", wie die Beziehung von König Edward VIII. zur bürgerlichen Amerikanerin Wallis Simpson immer wieder genannt wurde. Und so strebt in Madonnas Film über diese Romanze alles auf diese eine lange Szene beim Auktionshaus Sotheby's zu, wo 1998 die Besitztümer der Liebenden unter den Hammer kommen: Ein paar tausend Dollar werden für die Kristallgläser gezahlt, in die das Paar während ihrer rauschhaften Soirées in den dreißiger Jahren mit Amphetaminen versetzten Champagner gefüllt haben soll. Edwards Zigaretten-Etui von Cartier geht für eine fünfstellige Summe weg. Und der Schreibtisch, an dem der König 1936 seine Abdankungsrede für das Radio hielt, bringt es gar auf 400.000 Dollar.
Historische Bedeutung ist für Madonna also letztendlich eine Frage des Preises. Wer braucht schon ein Geschichtsbuch, wenn das berühmte New Yorker Auktionshaus Sotheby's das wirklich relevante Zahlenwerk liefert? Die Kaufsumme für jedes Accessoire aus dem Besitz von Wallis und Edward entscheidet über den Grad der historischen Strahlkraft - und das im Wortsinne: Kaum eine Szene in "W.E.", in der nicht irgendwo ein diamantenbesetztes Diadem oder ein paar Ohrringe im Close-up gezeigt werden. Da ist Madonna ganz das Material Girl geblieben, das sie schon am Anfang ihrer Karriere besang.
Passenderweise nimmt die Pop-Künstlerin in ihrer zweiten Regie-Arbeit vor allem Wallis Simpson ins Visier: Die geschiedene und mittellose Amerikanerin, die in den dreißiger Jahren ganz bewusst eine Affäre mit König Edward VIII. suchte, dürfte eine Frau so recht nach ihrem Geschmack gewesen sein. Obwohl nach eigener Einschätzung keine klassische Schönheit, wusste sie sich doch in raffinierten Kostümen in Szene zu setzen. Wo sie auftrat, beherrschte sie nach Madonnas Deutung den Raum.
Das Leben als Art-déco-Kleiderstange
Die Schauspielerin Andrea Riseborough spielt die soziale Hasardeurin zur Hälfte wie Madonna einst die Präsidentengattin "Evita" darstellte, zur Hälfte als Art-déco-Kleiderstange. Der Schauspieler James D'Arcy als der von Wallis eingefangene König Edward wirkt da in seiner devoten Noblesse nur wie ein Kammerdiener, der Kleider und Klunker für my lady reicht.
Die rauschhaften Party-Szenen in "W.E.", die Madonna mit den Sex Pistols und anderen zeithistorischen Flapsigkeiten unterlegt, geben ebenso wenig Aufschluss über die Gefühlslagen ihrer beiden Helden wie die Ausflüge ins Tragische: Müde blickt Wallis am Ende in die Kamera, ermattet von ihrem Leben im goldenen Käfig. Eine geborene Herrscherin, die doch kein Volk hat. Was nützt das schönste Kleid, wenn einen darin niemand bewundern kann?
Die Sache mit dem Hitler-Gruß
Tatsächlich, so schlicht versucht Madonna das Drama ihrer Heldin auf den Punkt zu bringen. Dass die Isolation ihres Traumpaars auch etwas mit Politik zu tun haben könnte, mit größeren historischen Zusammenhängen, das kommt der Regisseurin nicht in den Sinn. War da nicht was mit Hitler? Dass die britischen Untertanen nach dem Krieg die Bürgerliche nicht als Prinzessin der Herzen feiern konnten, obwohl sie sich doch so fotogen in Szene zu setzen verstand, hatte sicherlich auch etwas mit der problematischen Haltung von Wallis und Edward zum Nazi-Regime zu tun: Immer wieder zeigten die beiden Sympathien für den NS-Staat.
Natürlich kann man darüber diskutieren, ob die Kontakte Edwards zu Hitler Mitte der dreißiger Jahre nicht eher politischem Kalkül als ideologischer Nähe geschuldet waren, ob sie nicht Teil einer Art Appeasement-Strategie waren. Sicher ist jedoch, dass die vielen Hitler-Grüße, die er bei einem Deutschland-Trip 1937 formvollendet vor Fotografen ausführte, seine Landsleute nachhaltig verstörten.
Und da durch dieses historische Faktum nun mal in "W.E." kein Volk da ist, dass den beiden Liebenden zujubelt, dachten sich Madonna und ihr Autor Alek Keshishian (drehte 1991 auch die Dokumentation "In Bed With Madonna") folgenden Kniff aus: Im New York des Jahres 1998 verliert sich die junge kinderlose Upper-Eastside-Hausfrau Wally Winthrop (Abbie Cornish) in der Liebesgeschichte von Wallis und Edward. Über Accessoires rekonstruiert sie das Verhältnis der beiden, sucht abstruse Identifikationspunkte, kleidet und frisiert sich bald wie Wallis und erwirbt schließlich bei der eingangs beschriebenen Sotheby's-Auktion Handschuhe von der Verehrten. Von ihrem Ehemann, der Wally keine Kinder schenken will und sich statt in der Begattung lieber in Besäufnissen ergeht, wird sie für ihre Tagträume geschlagen.
Zum Glück trifft die traumatisierte Society-Lady auf einen armen, aber guten Russen. Der wohnt in einem Keller in Brooklyn, der wohl ganz armselig wirken soll, in dem aber ein wunderschöner riesiger Konzertflügel steht. In Rückblenden wird das Leiden der schönen armen Royals und der schönen armen New Yorker zusammengeschnitten. Bald weiß man nicht mehr so recht, in welchem Jahrzehnt und in welcher gekränkten Psyche man sich gerade aufhält, lost in deformation.
Wer will, kann dieses Edel-Desaster trotzdem als Erfolg für Madonna feiern. Eine Illusion komplett aus Gold und Glitter, nichts weniger hat das alte Material Girl hier zusammengezimmert.
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