SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

02. Februar 2006, 12:15 Uhr

"Wahre Lügen"

Tödliche Ansichtssache

Von

Ein Mord, zwei Fernseh-Entertainer, drei Perspektiven: In seinem raffinierten Thriller "Wahre Lügen" erzählt Regisseur Atom Egoyan die Geschichte eines Verbrechens aus verschiedenen Blickwinkeln - und entfaltet eine suggestive Welt aus Sex, Lügen und TV.

Tränen im Fernsehen: Das war schon in den Kindertagen des Mediums derschnellste Weg in das Herz einer Nation. Wer im TV weint, dem sind alleSünden vergeben. Sogar einer Dreckschleuder wie Lanny Morris erteilt manAbsolution, wenn sie nur hemmungslos in die Kamera flennt. Der Entertainer beugt sich bei einem liveübertragenen Spendenmarathon zu einem an Polio erkrankten Mädchenherunter, und auf einmal rinnen Rotz und Wasser über seine eigentlichmitleidlose Komödiantenvisage. Den wahren Grund für den Tränenflusserfahren wir allerdings erst am Ende des Films. "Wahre Lügen" ist ein Werk des armenisch-kanadischen Regisseurs AtomEgoyan, der über die Jahre wie kaum ein zweiter den Perspektivwechsel imKino psychologisch erhellend ausgeschöpft hat. Die Wahrheit ist bei ihmstets ein scheues Ding. Um sie aufzuspüren, muss sich der Zuschauer vonwiderstreitenden Erzählern durch die Handlung führen lassen. In "WahreLügen" wird man nun mit drei Menschen konfrontiert, die ihre Sicht aufein- und denselben Vorfall schildern. Vielleicht lügen diese Menschen,vielleicht sprechen sie die Wahrheit. Vielleicht erzählen sie aber auchLügen, die sie selbst inzwischen für wahr halten.Da ist zum einen das Komikerduo Lanny (Kevin Bacon) und Vince (ColinFirth), deren strahlende Fernsehkarriere 1957 ein Ende findet, als mandie Leiche eines weiblichen Fans in der Badewanne ihrer Hotelsuiteentdeckt. Und da ist die ehrgeizige Nachwuchsjournalistin Karen O'Connor(Alison Lohman), die 15 Jahre später die Geschehnisse jener Nachtaufzuklären versucht. Sie soll eine Biografie über die düstere Seiteder Witzbolde schreiben. Ihre detektivische Objektivität hält sichallerdings in Grenzen: Sie war das an Polio erkrankte Mädchen, das Komiker Lanny Ende der Fünfziger so telegen beweinte. Damals war Karen Lannys größterFan, nun will sie ihn unbedingt als Mörder entlarven.So inszeniert Egoyan seinen Film noir (nach dem Roman von Rupert Holmes)über ein Rückblendengeflecht als psychosexuelles Labyrinth. Die Figurenwerden getrieben von Selbstverleugnung und Sehnsucht, von Gier und einerobskuren Hoffnung auf Erlösung. Das Publikum aber kann sich erst einmalnicht allwissend über ihre pathologischen Fixierungen oder ihrebewussten Täuschungsmanöver erheben. Ihre Perspektive bleibt die des Zuschauers. Deshalb taugen auch die zahlreichen Sexszenen kaum zum Spannen; es sind vielmehr die lapidar ins Bild gesetzten Produkte jener gestörten Wahrnehmung, unter der die Figuren teilweise leiden.Eine riskante Erzählstrategie, die einen zum leichten Opfer fürSittenwächter machen kann, wie Egoyan beim US-Start von "Wahre Lügen"feststellen musste. Denn der Motion Picture Association Of America(MPAA), die über die Altersfreigabe entscheidet, war der sachlich, aberexplizit abgefilmte Triebabbau in "Wahre Lügen" nicht ganz geheuer. Sieordnete den Psycho-Krimi, der nicht als Erotikthriller taugt, weilSexualität hier kaum stimulierend eingesetzt wird, unter "NC 17" ein - eineKategorisierung, die eigentlich pornografischen Stoffen vorbehaltenist. Fast unmöglich, einen solchen Film im Kino kommerziell auszuwerten: Die kanadisch-britische Edelproduktion floppte in den USA.Es ist ein schmaler Grat zwischen duldbarem Tabubruch und sanktionierterUnzumutbarkeit, gerade in Amerika, der Unterhaltungssupermacht. Doch diebeiden Entertainer, um die es in "Wahre Lügen" geht, wissen bis zurMordnacht 1957 auf diesem Grat so elegant wie effizient entlang zutänzeln: Lanny ist bei Auftritten für die derben Zoten zuständig,Vince übernimmt den versöhnlichen Part. Lanny gibt den Zappelphillip,der sabbernd in die Dekolletees seiner Zuschauerinnern starrt, Vincekümmert sich anschließend um die aufgebrachten Ehemänner. Pate für dieRadikalunterhalter standen wohl Jerry Lewis und Dean Martin, deren realeKomplizenschaft zur selben Zeit in die Brüche ging wie die der fiktivenShowkanonen Lanny und Vince.Es waren die wunderbaren fünfziger Jahre, wo der Weg von der Showbühne einesMafia-betriebenen Casinos zum Wohltätigkeits-TV des Vorstadt-Amerikasnur ein paar zu Swing-Musik getrippelte Schritte lang war. Und Lanny undVince wissen eine Zeitlang geschickt die Balance zwischen diesen beidenBereichen zu halten; ein Mix aus Champagner und Pillen hilftihnen dabei."Wir waren Götter", heißt es einmal aus dem Off. In denHotelsuiten finden die beiden nach ihren Shows auf Eis krabbelnde Hummerund sich auf Kanapees rekelnde Groupies. Amerika sieht den Entertainernihren Hunger auf Frischfleisch nach - nur wenn sie schwul wären, hättensie ein ernsthaftes Problem. Konsequent also, dass Lanny beieinem der üblichen Aftershow-Schäferstündchen mit einem weiblichen Fanaus der Haut fährt, als sich Kompagnon Vince für einen flotten Dreier zuihm gesellen will.Resultierte aus diesem unduldbaren Tabubruch zwischen den Komikernder Tod an dem Groupie? Atom Egoyan bringt sukzessiv die prachtvollenFassaden seines stilecht im Miami-Modern-Stil gehaltenen Luxus-Dekorszum Einsturz - ohne dabei allerdings banale Schlüsselloch-Gelüste zubedienen. Spekulative Mördergeschichten im Stil von "Hollywood Babylon"sucht man hier vergeblich. Vielmehr entwickelt sich aus dem bizarrenSzenario nach und nach eine Geschichte über eine sehrverquere Art der Liebe. Selbst der passionierte Fernsehverachter mussderweil ein paar seiner Vorurteile über Bord werfen. Die Tränenjedenfalls, die Entertainer Lanny am Anfang so telegen vergießt - siekönnten durchaus echt sein.

URL:


© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH