"Wall Street"-Fortsetzung in Cannes Zu gut, um wahr zu sein

Der Terminator der Finanzwelt ist zurück! Oliver Stone lässt in "Wall Street: Geld schläft nicht" den legendären Oberspekulanten Gordon Gekko noch mal auf die Menschheit los - nur ist er plötzlich ein altersweises Weichei, das am Abgrund der Welt das Gute entdeckt.

Aus Cannes berichtet Lars-Olav Beier

ddp images

Das Verhältnis zwischen Hollywood und der Wall Street ist kompliziert geworden. Dass die Börsen mit ihren Filmfonds auf Kinoerfolge spekulieren, kennt man. Aber darf man als Filmemacher umgekehrt auf Börsencrashs wetten?

Als der Regisseur Oliver Stone nach der Vorführung von "Wall Street: Geld schläft nicht" in Cannes gefragt wird, warum der Starttermin des Werks von April auf September verlegt worden ist, sagt er ziemlich knapp: Der Spätsommer und der Herbst sind oft für Börsencrashs gut.

Würde "Wall Street" besser laufen, wenn es der Wall Street schlechtgeht? Steigen Stones Aktien, wenn die Kurse fallen? Eine solche Dynamik käme dem Regisseur gelegen, der sich gerne kapitalismuskritisch gibt, der nie verhehlt hat, dass er die Finanzindustrie für korrupt hält - und Männer wie Gordon Gekko verdammt.

Gekko ist der Held von Stones Klassiker "Wall Street" aus dem Jahr 1987. Ein Finanzgeier mit dem Leitspruch "Gier ist gut!" In seinen Hosenträgern wurde er zum Idol einer ganzen Generation von Brokern.

Jetzt hat Stone die Fortsetzung gedreht, und da wird Gekko im Jahre 2001 aus dem Gefängnis entlassen. An der Pforte bekommt er sein klobiges Handy aus den achtziger Jahren zurück, schwer wie ein Ziegelstein, außerdem eine Geldklammer - ohne einen einzigen Dollar.

Gekko, der einstige Master of the Universe, der König des Insiderhandels, hat acht Jahre gesessen. Er tritt aus dem Gefängnistor mitten in die Wirklichkeit des neuen Jahrtausends. Und keiner holt ihn ab.

Im Knast hat Gekko, gespielt von Michael Douglas, ein Buch geschrieben. "Ist Gier gut?" heißt es, und das Fragezeichen muss sehr beunruhigend sein für klassische Gekko-Fans. Doch es kommt noch schlimmer. Um sich wieder ein Apartment in Manhattan leisten zu können, hält er Vorträge, in denen er Broker und Bürger für ihre materielle Maßlosigkeit und ihren mangelnden Anstand anprangert.

Gut gegen Böse in der Wall-Street-Version

Stone präsentiert da eine erstaunliche Verwandlung: vom Terminator der Finanzwelt, der im Handumdrehen ganze Konzerne in ihre Einzeleile zerlegt, Tausende von Menschen arbeitslos macht, dabei Millionen verdient, herz- und gefühllos, aber unglaublich sexy, zum Weichei.

Was um Himmels Willen ist passiert? Wie konnte aus dem Börsenguru ein Weichei, ein Moralapostel werden? Geht ein weiterer großer Bösewicht der achtziger Jahre dahin? So einfach ist es nicht. Stone weiß, dass er seinen Zuschauern zumindest ein paar überraschende Wendungen schuldig ist. Er gibt Gekko, diesem einst verführerisch eleganten, gefährlich schillernden Reptil der Finanzwelt, den Biss der dritten Zähne. Unbeschwert jonglieren darf er nicht mehr mit den Millionen, aber das Geld arbeitet schon noch ständig, um sich zu vermehren.

Stone erzählt die Geschichte des aufrechten Wall-Street-Brokers Jake Moore (Shia La Boeuf), der im Jahr 2008 mit grünem Gewissen und noch viel mehr Grün hinter den Ohren alles daran setzt, das Geld der Anleger in alternative Energien zu investieren. Seine Freundin Winnie (Carey Mulligan), Gekkos Tochter, unterstützt ihn nach Kräften. Der Investmentbanker Bretton James (James Brolin), der lieber mit Erdöl Kohle machen will, durchkreuzt Jakes hehre Pläne. So entscheidet am Ende Gordon Gekko über Wohl und Wehe der Menschheit.

Das Gute, die Moral triumphiert in diesem Film von Anfang an über das Geschäft.

In der Wirklichkeit wäre das erfreulich. Aber im Kino?

Wenn sich die Finanzkrise noch verschärfe, sei dies das Ende der Welt, heißt es an einer Stelle im Film. Stone hat als Antwort auf die Krise nun ein sympathisches Wall-Street-Märchen gedreht, mit wackeren Streitern für eine bessere Zukunft, mit fiesen Spekulanten, mit weisen alten Männern und mit einem Gordon Gekko, der im Rentenalter endlich entdeckt, dass sein Herz tatsächlich schlägt.

Das wirkt ein bisschen so, als wäre die Wall Street für Stone keine Straße der Verdammnis mehr. Er hat einen Gute-Laune-Film gemacht.

Über das Ende der Welt.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
Haio Forler 14.05.2010
1. .
Zitat von sysopDer Terminator der Finanzwelt ist zurück! Oliver Stone lässt in "Wall Street: Geld schläft nicht" den legendären Oberspekulanten Gordon Gekko noch mal auf die Menschheit los - nur ist er plötzlich ein altersweises Weichei am Abgrund der Welt. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,694853,00.html
Man hat es noch immer geschafft, den 2. Tail eines Klassikers zu versauen. Nun als eine Romanze an der Börse. Nicht Wofgang Tierse oder Franz alt, nein, Gekko selbst übernimmt den Part.
zynik 14.05.2010
2. austauschbar
Zitat von sysopDer Terminator der Finanzwelt ist zurück! Oliver Stone lässt in "Wall Street: Geld schläft nicht" den legendären Oberspekulanten Gordon Gekko noch mal auf die Menschheit los - nur ist er plötzlich ein altersweises Weichei am Abgrund der Welt. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,694853,00.html
Eigentlich eine amüsante Lösung, die Ikone vieler Möchtegern-Gekkos auf diese Art zu dekonstruieren. Schlauer jedenfalls, als Douglas Rolle weiter als Stereotyp anzulegen, der schon längst von der Realität überholt wurde. Irgendwann muss eben selbst der härteste Gekko mal in den Spiegel gucken. Letztlich sind die Persönlichkeiten von Spekulaten vollkommen uninteressant, da austauschbar.
Phlip, 15.05.2010
3. Schall und Rauch
Die dritte Kritik, die ich lese/höre und alle drei gehen in verschiedene Richtungen. Bemerkenswert ist dass der werte Kritiker des SPONs im Film eine Art Läuterung des Protagonisten feststellt, während der Herr im Deutschlandfunk das Gegenteil beobachtet. Am Ende hat jeder irgendwas geschrieben. Über die eigene Wahrheit. Ich werde mir den Film wohl selber anschauen müssen.
Walter Sobchak 15.05.2010
4.
Die Trailer liessen schon nix gutes erwarten. Und Stone hat seit Jahren keinen guten Film mehr gemacht. Der Biss ist raus. "Wall Street 2" wird, wenn ueberhaupt, nur auf BluRay geschaut.
Haio Forler 15.05.2010
5. ..
Zitat von zynikEigentlich eine amüsante Lösung, die Ikone vieler Möchtegern-Gekkos auf diese Art zu dekonstruieren. Schlauer jedenfalls, als Douglas Rolle weiter als Stereotyp anzulegen, der schon längst von der Realität überholt wurde. Irgendwann muss eben selbst der härteste Gekko mal in den Spiegel gucken. Letztlich sind die Persönlichkeiten von Spekulaten vollkommen uninteressant, da austauschbar.
Das ist noch die Frage,ob das "schlauer" ist, hätte doch ein nicht geänderter Gekko dem Zuschauer zumindest vor Augen geführt, wie irrsinnig diese Denke damals wie heute ist. Ein "geläuterter" Gekko allerdings ist wie ein Pate ohne Mafia. Wem will man das denn verkaufen? Solche Filmchen sind oft Erziehungsfilme der Art "Laßt uns mit innerer Einkehr die Welt besser machen".
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