Wanderkinos in Indien Götter im Gepäck

Mobile Kinos waren lange die einzige Art der Unterhaltung für die Armen im Hinterland Indiens. Doch im DVD-Zeitalter verschwinden die wandernden Lichttheater - und mit ihnen eine urdemokratische Filmkultur: Auf Wunsch des Publikums wurden Liebesszenen auch mal wiederholt.

AFP

Von Joachim Hoelzgen


Der sogenannte Rann von Kutch ist eine Wüste im Westen des indischen Bundesstaates Gujarat, in der es keine Schatten und keine Konturen gibt. Nur die Staubsäulen von Sandstürmen sorgen hier für Abwechslung.

Und doch ist in dieser Welt des Abgeschiedenen und Melancholischen ein magisch schöner Film entstanden, der gerade in den Metropolen Indiens angelaufen ist. Sein Titel lautet "Road, Movie" - ein Film aus dem gleichnamigen Genre also, aber einer, der leicht daherkommt und doch immer wieder eine Art irrlichternde Spannung spüren lässt. Produziert hat ihn der Amerikaner Ross Katz, der auch den Film "Lost in Translation" herausbrachte.

Es geht um die Fahrt eines klapprigen, mattgrünen Lastwagens auf dem Weg ans Arabische Meer. Vishnu, ein junger Mann, soll ihn durch den Rann von Kutch an die ferne Küste bringen. Bald aber entdeckt er ein Geheimnis des Lastwagens. In den Aufbauten befinden sich zwei alte Projektoren und ein Berg verstaubter Filmrollen. Das zusammengerollte Segel auf dem Dach entpuppt sich als Filmleinwand.

Die Reise durch die Leere der Wüste ist gefährlich genug und gleicht dennoch dem langsamen Blättern in einem Bilderbuch. Wie aus dem Nichts erscheint eine Reihe von Frauen in naturfarbigen Saris. Sie balancieren Tonkrüge auf ihren Häuptern und streben gravitätisch einer Wasserstelle zu. Dann überraschen korrupte Polizisten Vishnu und seine Gefährten: einen jugendlichen Ausreißer, eine bezaubernde Nomadin und einen Komödianten, der früher durch Orte ohne Namen zog.

Leinwand zwischen Bambusrohren

Nachts führt ihnen Vishnu Filme vor. Die Szenerie ist eindrucksvoll, ja einschüchternd: Gleich hinter der Leinwand, die er zwischen Bambusrohren aufspannt, steht das Schwarz der Nacht wie eine Mauer. Die Filme, so ahnt man, werden das Geschehen am nächsten Tag im Guten wie im Schlechten beeinflussen.

All das entspricht nicht nur klassischen Roadmovies, in denen es darum geht, sich irgendwie durchs Leben zu schlagen und seinen Platz irgendwo einzunehmen. Der Film ist als Allegorie auf eine umherziehende, bedrohte Art der Kinokultur zu verstehen, die es in Indien tatsächlich gibt. Gemeint sind Filmtheater in Zelten, die in den Dörfern weitab der Millionenstädte aufgeschlagen werden und in denen die Zuschauer im Schneidersitz allen nur denkbaren Leinwand-Irrwitz verfolgen. Sie haben Fliegenklatschen gegen Moskitos mitgebracht, und anstelle von Popcorn isst man während der Vorführung gebackene Zwiebelbällchen.

In den Zeltkinos, die in der Hindi-Sprache tambu talkies genannt werden, geht es außerdem urdemokratisch zu. Auf Wunsch der Besucher werden die Filme schon mal angehalten und besonders aufregende Liebes- oder Actionszenen wiederholt. Und wenn es die Mehrheit im Zelt per Zuruf will, ist der Vorführer gehalten, den gerade gezeigten, enttäuschenden Film ganz einfach gegen einen anderen auszutauschen.

Tambu talkies waren seit der Unabhängigkeit Indiens im Jahr 1947 die einzige Art der Unterhaltung für Millionen von Menschen im weiten Hinterland des Subkontinents - für Dorfschmiede in Uttar Pradesh ebenso wie für Reisbauern am Ganges oder Teepflücker in den Teeplantagen von Assam. Die Wanderkinos zogen mit Fuhrwerken und Ochsenkarren über staubige Straßen in noch staubigere Dörfer - und jedes Mal war es ein Festtag, wenn das fahrende Kino-Völklein seine Pflöcke einschlug und klobige Projektoren aufstellte, die durchweg aus zweiter oder dritter Hand stammten.

Zuschauer werfen Blumen oder Münzen

Die Wanderkinos ziehen auch heute noch mit ihren Huckepack-Leinwänden umher - nun natürlich mit Lastwagen und mit nicht mehr ganz taufrischen Filmen aus der Produktionsmaschinerie Bollywoods. Und immer noch geraten die Menschen im Zelt in Ekstase, wenn etwa einer ihrer Lieblingsgötter aus dem Pantheon des Hinduismus im Film eine Rolle spielt. Die Zuschauer werfen dann Blumen oder Münzen auf die Leinwand - oder in Richtung des Projektors in der Annahme, die Gottheit reite gewissermaßen in dem Lichtkegel nach vorn.

Es gibt auch eine Art Stammpublikum, für das ein Kinobesuch in der nächsten Stadt oder gar in den Metropolen illusorisch ist. Die Fahrt dorthin und zu den Multiplex-Kinos mit Klimaanlage, Dolby-Sound und tiefen Sesseln würde zu lange dauern und ist unerschwinglich. In Neu-Delhi etwa beträgt der Eintrittspreis mit bis zu 275 Rupien umgerechnet beinahe fünf Euro; auf dem Land entspricht das drei Tageslöhnen.

Die Kinos in Delhi, Bangalore und Mumbai veranschaulichen das boomende, moderne Indien der IT-Industrie und auftrumpfender Shopping Malls - und eine Krise, die den Untergang der traditionellen Zeltkinos heraufbeschwört. Denn auch in der Provinz gibt es inzwischen Kabelfernsehen, in dem Tag und Nacht indische Filme gezeigt werden. Es gibt Video-Shops an fast jeder Dorfecke und Raubkopien, die stapelweise auf den Basaren getauscht werden. Und selbst in Überlandbussen können die Passagiere auf Bildschirmen Indiens jüngste Blockbuster ansehen.

Bei all dem Geflimmer ist die Ankunft eines Zeltkinos schon eine Seltenheit geworden, selbst im großen Maharashtra, einem Bundesstaat mit 110 Millionen Einwohnern. Noch vor zwei bis drei Jahrzehnten tourten dort 2000 Wanderkinos durch die Dörfer. Nun aber, so klagt Ajay Sarpotdar, das Oberhaupt der Fahrenden des Zelluloids, ziehen nur noch 40 von ihnen durch die Landschaft Maharashtras, die sich vor ihnen entrollt wie ein Teppich. "Wir sind ein aussterbendes Geschäft geworden," sagt Sarpotdar. "Wenn nichts dagegen unternommen wird, verschwinden wir in der Geschichte."

In Shikhar Shingapur zum Beispiel, einem Dorf mit Lehmziegelgebäuden südwestlich Mumbais, sind die Reihen im Kinozelt, das hier gastiert, arg ausgedünnt. Ein paar Männer liegen auf dem Fußboden und schlafen. Die Sonne scheint während der Nachmittagsvorstellung gnadenlos herab, und es herrschen Temperaturen, die das Zeltinnere auch abends noch in einen wahren Backofen verwandeln.

Wohlriechende Seifen oder Tee

"Früher hatten wir acht Vorführungen am Tag, jetzt aber müssen wir mit der Hälfte zufrieden sein," sagt der Filmvorführer Suha. Das Zelt, in dem er arbeitet, wirkt einsam wie eine Filmkulisse, die vergessen und zurückgelassen worden ist. Auch die Plakate an den Zeltwänden mit ihren Tänzerinnen und Filmbösewichten ändern daran nichts - die wenigen Passanten, die sich hierher verirrt haben, werfen ihnen kaum Blicke zu.

Die Zukunft stellt sich Suha als Fragezeichen dar. "Ich weiß nur", stöhnt er, "wie man einen Projektor bedient. Was wohl mit mir geschieht, wenn das Wanderkino aufgegeben wird?"

Auch in den Zelten der Anup Touring Talkies gehen langsam, aber sicher die Lichter aus, befürchtet Anup Ashok Jagdale, der Firmenchef. Er sagt: "Wenn die jungen Leute von heute erwachsen sind, also in vier oder fünf Jahren, erleiden wir das Schicksal der Dinosaurier und sterben aus." Ein gutes Geschäft versprechen nur noch Jahrmärkte und religiöse Feste, bei denen schon mal 100.000 Pilger ein Wochenendelang zusammenströmen.

Ansonsten ist mit einer Tageseinnahme in Höhe von 15.000 Rupien (258 Euro) nicht mehr viel Staat zu machen, wenn man auch noch den Dieselkraftstoff zum Betrieb des Projektors und den Lohn für die kleine Wanderkino-Mannschaft in Betracht zieht. Und auch die Werbefilmchen für wohlriechende Seifen oder Tee bringen so wenig, dass der Abbau der letzten Zeltkinos eine ausgemachte Sache ist - ein Abbau für immer.

Immerhin hat sie eine Stiftung, die Indian Foundation of the Arts, fotografisch gerade erst dokumentieren lassen, doch Stiftungsdirektor Anmol Vellani bringt deswegen keine nostalgischen Gefühle auf. "Wenn die Welt um die Zeltkinos herum verschwindet, dann wird auch das Phänomen der tambu talkies mit ihr gehen," meint Vellani gelassen.

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